| 16.32 Uhr

Jean-Claude Juncker
Der exzentrische Eurokrisenmanager

Das ist Jean-Claude Juncker
Das ist Jean-Claude Juncker FOTO: afp, TS/AG
Brüssel. Jean-Claude Juncker spielt gegenüber Athen die Rolle des "good cop". Ob es ein Happy End gibt, zeigt sich diese Woche. Von Christopher Ziedler

Es geht auf Mitternacht zu, und Jean-Claude Junckers Tag endet, wie er begonnen hat. Am Morgen hat er Alexis Tsipras kess gefragt, ob sein auf Griechisch vorgetragenes Pressestatement denn inhaltlich damit übereinstimme, was er ihm so auf Englisch erzähle, um Athens Premier anschließend einen freundschaftlichen Klaps auf die Wange zu verpassen.

Nun, da der Euro-Krisengipfel der Staats- und Regierungschefs vorüber ist, berichtet er über die neuen griechischen Reformvorschläge, die seiner EU-Kommission sowie der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds "zur Meditation vorgelegt wurden". Gekicher unter den Journalisten: Juncker ist immer für eine schräge Bemerkung gut.

Er sticht damit schon aus dem sach- und zahlenbezogenen Brüsseler Normalbetrieb heraus, in der zugespitzten Krisensituation der vergangenen Wochen, da sich Griechenland und der Rest der Eurozone einen teils derben Schlagabtausch geliefert haben, erst recht. Aufsehen erregte er, der alle europäischen Akteure besser kennt als jeder Andere, erst vor wenigen Wochen wieder beim EU-Ostgipfel in Riga, als er Ungarns Viktor Orban mit "Hallo, Diktator" begrüßte, Belgiens Premier Charles Michel die Glatze küsste und seinem Luxemburger Landsmann Jean Asselborn symbolisch eine klebte. "Manchmal übertreibt er es mit seiner exzentrischen Art", sagt ein belgischer Diplomat, "aber gerade in dieser angespannten Lage hilft es, dass er mit allen klar kommt und über die Jahre eine Art Kumpelverhältnis aufgebaut hat – er bringt die Menschen trotz unterschiedlichster Positionen zusammen."

"Grexit" stets ausgeschlossen

Gegenüber der neuen Athener Regierung hat er im Gegensatz zu vielen anderen "bad cops" den "good cop" gespielt. Anders als Finanzminister Wolfgang Schäuble etwa hat er einen "Grexit" stets ausgeschlossen, da er es als Aufgabe seiner Generation begreift, die europäische Integration unumkehrbar zu machen. Und auch innerhalb der Institutionen-Troika war es stets die Juncker-Kommission, oft der ehemalige Eurogruppenchef Juncker selbst, der neue Kompromisse vorschlug. "Der IWF ist eindeutig härter gegenüber Griechenland, wir sind irgendwo dazwischen", sagt ein Beamter der Europäischen Zentralbank. Man habe sich gewünscht, dass Juncker Tsipras früher öffentlich getadelt und damit mehr Druck ausgeübt hätte.

Schon bei ihrem ersten offiziellen Treffen nahm Juncker den Neuling Tsipras bei der Hand, zeigte ihm – ganz pädagogisch – die Tabelle mit den Milliardenbeträgen, die sein Land noch in diesem Jahr seinen Schuldnern zurückzahlen muss, oder setzte ihn – als Tsipras völlig unvorbereitet zu einem weiteren Treffen erschien – erstmal vor einen Computer in seinem Büro, damit er sich die nötigen Zahlen besorge.

Tsipras ließ das mit sich machen, weil Juncker der erste EU-Akteur war, der ihm Gespräche  jenseits der Technokraten-Ebene zugestand – und über einen Draht zu Angela Merkel verfügt, ohne unter ihrer Fuchtel zu stehen. Überliefert ist ein Telefonat, als sich die Kanzler im Namen von Günther Oettinger beschwerte,, "ihr" Kommissar habe ein wichtiges Sitzungsdokument zum Euro-Stabilitätspakt zu spät erhalten. "Das ist nicht dein Kommissar", soll Juncker gekontert haben, "das ist mein Kommissar." Nicht zuletzt teilt  Juncker Tsipras' Einschätzung einer akuten humanitären Krise in Griechenland. Er hält sich zugute "ein Freund des griechischen Volkes" zu sein – und telefoniert angeblich wöchentlich mit persönlichen Freunde vor Ort, um sich ein Bild zu verschaffen.

"Viele sehen in mir einen naiven Griechenlandversteher"

"Ich weiß, dass viele, vor allem in Deutschland, in mir einen naiven Griechenlandversteher sehen", hat der Luxemburger gerade dem "Spiegel" gesagt. Schwer etwa wiegen die Anschuldigungen, er übergehe die Eurogruppe  als eigentliche Entscheidungsinstanz, lege Meinungsunterschiede zwischen den Troika-Organisationen offen und habe mit seinem Nein zum "Grexit" die Griechen erst zum Zocken eingeladen. Juncker kontert damit, Tsipras mehrfach darauf hingewiesen zu haben, dass er nicht mehr als ein Brückenbauer sein könne. Zu einem Treffen Anfang Juni bat er Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem gegen Tsipras' Wunsch hinzu.  Und als Tsipras'  Vorschläge öffentlich "absurd" nannte, die er im Gespräch zuvor akzeptiert hatte, nahm Juncker tagelang das Telefon nicht ab, als Tsipras anrief –  um ihn später wieder freundlich zu empfangen.

In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob der Film mit Juncker in der Rolles des verständnisvollen Kumpels auch ein Happy End hat. Er sei sich selbst nicht sicher, ob die Griechen nur blufften oder schlicht zu unerfahren seien, um zu ermessen, worum es gehe, heißt es in Brüssel. Klar ist, dass er vor der für Mittwoch geplanten Eurogruppensitzung wieder viel am Telefon hängen wird – etwa mit seinem früheren Mitarbeiter Thomas Wieser, der sie vorbereitet.

Innerhalb der EU-Kommission hat der 60-Jährige, der immer wieder mit seiner Gesundheit zu kämpfen hat, den Freiraum nötigen Freiraum für seine zweite Griechenland-Rettungsmission geschaffen. Er hält mittels einer neuen Struktur das meiste Klein-Klein von sich weg. "Da hat er es sicher angenehmer als Barroso", erzählt ein Beamter, "außerdem ist er eine natürliche Autorität, weil ihm mit seiner Erfahrung keiner das Wasser reichen kann."

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