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Zataari in Jordanien
Zu Besuch im zweitgrößten Flüchtlingslager der Erde

Flüchtlingscamp Zataari in Jordanien
Zataari. Sechs Kilometer vor der syrischen Grenze im Norden Jordaniens hat das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen eine Notaufnahme für Menschen aufgebaut, die vor den Terroristen des Islamischen Staats (IS) in Syrien geflohen sind. Inzwischen leben 80.000 Menschen in Zataari – aus dem Camp ist die viertgrößte Stadt Jordaniens geworden. Von Thomas Reisener

Mit den 40 NRW-Kommunen, die sich jetzt per "Überlastungsanzeige" von der Pflicht zur Aufnahme neuer Flüchtlinge befreien lassen, würden die Behörden in Jordanien wohl gerne tauschen. Vor drei Jahren errichteten sie im Norden, direkt vor der syrischen Grenze, ein provisorisches Camp. Sie nannten es Zataari. Es war als Zwischenlager gedacht für einige hundert Syrer, die aus nackter Angst um ihr Überleben vor den Mörderbanden des IS fliehen mussten. Heute leben in dem Camp 79.000 Menschen. Es ist das zweitgrößte Flüchtlingscamp der Erde. Und es macht ratlos. Denn selbst hier, an der Wurzel des Übels, weiß niemand, wie es weitergehen soll.

Armin Laschet (CDU), Oppositionsführer in NRW und Vize-Chef der CDU in Deutschland, hat das Camp mit einer kleinen Delegation besucht. "Eins wird einem hier sofort klar", sagt Laschet, "wenn die interationale Staatengemeinschaft nicht dafür sorgt, dass die Menschen hier das Nötigste zum Leben haben, laufen die Menschen hier auch wieder weg. Und dann wird alles noch schlimmer."

In Jordanien leben rund eine Million Flüchtlinge

Infos: Die Vereinbarungen von EU und Türkei zu Flüchtlingen

Die Staatengemeinschaft lässt Zataari nicht allein. Mehrere Hundert Millionen US-Dollar fließen jährlich an das Camp, das von der Flüchtlingskommission der Vereinten Nationen betreut wird. Der größte Geldgeber ist Deutschland. Aber das Budget fließt nicht gleichmäßig, und manchmal kommt einfach nicht genug an. Im vergangenen September zum Beispiel, als die UN plötzlich nur noch 17 Dollar pro Kopf und Monat zur Verfügung hatten. 17 statt der sonst üblichen 25. Das bedeutete: Die Menschen begannen zu hungern. Wer hungert und auch keine Perspektive sieht, sucht seine Zukunft eben woanders. Im Zweifel in Deutschland. Und Zataari ist nur die Spitze des Eisberges: Insgesamt leben derzeit rund eine Million Flüchtlinge allein in Jordanien. Das Land hat selbst nur sieben Millionen Einwohner.

Das Bedrückende an Zataari sind nicht die Container und die Zelte, in denen die Menschen leben müssen und die hier bis zum Horizont reichen. Es ist die Normalität, zu der all das hier geworden ist. Weil die Flüchtlinge selbst nicht mehr daran glauben, zeitnah in ihre Heimat zurückkehren zu können, haben sie das Camp in eine Art Stadt umgebaut. Die Hauptstraße, die von Hunderten kleiner Trödelläden gesäumt wird, haben sie in bitterer Anspielung auf die Pariser Prachtmeile "Champ Elisée" getauft. "Champ" heißt auf arabisch "Damaskus". Die Uno hat ihnen Strom und Wasser in die Hütten gelegt, es gibt Schulen, sogar zwei Krankenhäuser. 

Per Geldkarte im Supermarkt einkaufen

Was so gar nicht zum Klischee vom Flüchtlingscamp passt: Jeder Flüchtling, der sich in der Aufnahmestelle per Iris-Scan registrieren lässt, bekommt eine Scheckkarte. Darauf wird ihm Monat für Monat die je aktuelle Überlebensration überwiesen – zur Zeit umgerechnet etwas mehr als 25 Euro. Damit können die Menschen in den Supermärkten des Lagers einkaufen gehen. "Das ist weniger entwürdigend, als Kleidung und Lebensmittel zu verteilen", sagt Camp-Chef Hovig Etyemezian – "und ausserdem billiger". Die Sachspenden hätten nie exakt den Bedarf jedes einzelnen Flüchtlings gedeckt. "Mit der Geldpauschale kann jeder die knappen Ressourcen optimal für sich und seine Familie investieren", so der UN-Manager.

Die Menschen sind zum Nichtstun verdammt

Wenn der internationale Geldfluss nicht zufällig gerade mal wieder stockt, hungern die Menschen nicht. Sie sind notdürftig medizinisch versorgt und werden wohl auch im herannahenden Winter nicht frieren müssen. Trotzdem gehört Zataari zu den wohl deprimierendsten Orten der Welt. Weil die Menschen, die hier zum Teil schon seit drei Jahren zwischen den Containern Fußball spielen, Wasserpfeife rauchen oder ihre Wäscheleinen behängen, sich nach all der Zeit kaum noch etwas zu sagen haben. Sie sind zum Nichtstun verdammt. Und wissen nicht, wie lange noch. Etliche haben mitansehen müssen, wie ihre Familienmitglieder ermordet wurden, und sind traumatisiert. Wieder andere schleppen sich auf notdürftigen Rollstühlen oder Prothesen durch das Camp. Wieder andere wirken geschäftig, wollen selbst hier, wo niemand welches hat, noch irgendwie Geld verdienen. 

Auf Westeuropäer wirkt all das irritierend, verstörend und – wenn man hochrechnet, was ein Camp wie Zataari langfristig für Europa bedeutet –  auch beängstigend. Es braucht Zeit, um all das zu sortieren und zu verarbeiten. Diese Zeit hat Laschets Delegation gerade nicht. Am Montag nimmt sie an einer international besetzten Konferenz mit Flüchtlingsexperten aus der ganzen Welt teil, die über Camps wie Zataari schon länger nachdenken.

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