Kampf gegen chinesische Besatzer: Junge Exil-Tibeter immer radikaler
VON CHRISTINE MÖLLHOFF - zuletzt aktualisiert: 25.03.2008 - 22:10Dharamsala (RPO). Die Forderung des Dalai Lama nach mehr Autonomie geht vielen jungen Vertriebenen nicht weit genug. Sie denken an den bewaffneten Kampf gegen die chinesischen Besatzer. Die Rücktrittsdrohung des Lama richtet sich sowohl gegen Peking als auch gegen die jungen Heißsporne.
Die Bilder verfolgen den Besucher auf Schritt und Tritt. Sie hängen überall in der kleinen Himalaya-Stadt Dharamsala. An den Wänden der buddhistischen Klöster und Tempel, an Häusern und Schulen, an Geschäften und Mauern. Sie zeigen Tote aus der Region Amdo in Tibet. Auch Mönche sollen darunter sein. Die Fotos erzählen von Folter, von Leiden und Bestialität. Die Mönche des Kirti-Klosters haben sie noch an die Brüder in Dharamsala schicken können. Dann brach auch dieser Kontakt ab Dharamsala, die ruhige Exil-Hochburg der Tibeter im Norden Indiens, hat sich in einen Aufschrei des Protests verwandelt.
Die Stadt ist mit Plakaten gepflastert. „Wacht auf, UN” heißt es, und „Stoppt die Morde”. Morgens, mittags und abends ziehen im tibetischenViertel McLeod\x0fGanji Protestierende durch die engen Straßen. Rotgewandete Nonnen und Mönche mit kahlen Schädeln, brennende Kerzen in den Händen, murmeln Gebete vor sich hin. Junge Männer und Frauen und geballten Fäusten schreien wütend „Befreit Tibet”.
Sie schreien, bis sie heiser sind. Sie wollen die Welt aufrütteln. Aber wer hört sie schon? Zwölf Stunden Busfahrt von Delhi entfernt, auf 1800 Metern Höhe in den Bergen.
In Anspielung auf Tibets Hauptstadt wird Dharamsala auch Klein-Lhasa genannt. Hier wohnt seit bald fünf Jahrzehnten der Dalai Lama. Die Stadt ist Esoterik-Mekka und Ferienparadies. Doch davon ist derzeit wenig zu spüren. Seit Tagen haben die tibetischen Läden aus Protest geschlossen. Das Geschäft machen nun die indischen Shops. Es sind Proteste der Hilfslosigkeit, die niemanden weh tun.
„Die Jugend ist von Tag zu Tag frustrierter”, sagt Tenzin Norsang. Aus Solidarität mit den Aufständischen in Tibet hat er sich wie viele den Kopf kahlgeschoren. Das Gefühl der Ohnmacht zerfrisst auch ihn. Der 26-jährige ist Sekretär beim Tibetischen Jugendkongress. Die Führer der Organisation gelten als Vertreter einer neuen Generation von Tibetern. Einer Generation, die sich vom Kurs des Dalai Lama abwendet. Die nicht mehr an den Erfolg seiner gewaltfreien Politik glaubt. Die in den militanten Widerstand abdriften könnte.
Vergangene Woche sah sich das Oberhaupt der sechs Millionen Tibeter sogar genötigt, die Führungsfrage zu stellen. Wenn die Gewalt weiter eskaliere, werde er als weltlicher Führer der Tibeter zurücktreten, drohte der 72-jährige nach den heftigen Unruhen und Gewaltausbrüchen in Tibet. Es warf damit sein ganzes Gewicht in die Waagschale, um die Tibeter auf seinem Pfad der Gewaltfreiheit zu halten. Gestern, am Rande eines Meditationsseminars in der indischen Hauptstadt Neu Delhi bekräftigte er seine Drohung: „Egal ob in oder außerhalb von China: Wenn die Demonstranten gewaltsame Methoden nutzen, bin ich total dagegen”, fügte der Dalai Lama hinzu.
Das Land, das Tenzin Norsang seine Heimat nennt und für das er kämpft, hat er nie gesehen. Seine Eltern kamen bei der großen Flucht nach dem gescheiterten Aufstand gegen die Chinesen 1959 nach Indien. China sei dabei, die Tibeter zur Minderheit in ihrer Heimat zu machen, ihre Kultur und Sprache auszulöschen, fürchtet er. Und wie viele fühlt er sich durch den gewaltfreien Kurs des Dalai Lama zur Ohnmacht verdammt. Wendet sich die Jugend vom Dalai Lama ab und radikalisiert sich? Tenzin Norsang sucht nach Worten. „Wir müssen den Menschen eine neue Richtung geben”, sagt der junge Mann. Der Dalai Lama werde immer ihr spiritueller Führer bleiben, aber die Tibeter seien der Demokratie verpflichtet. Und das bedeute, dass sie politisch auch andere Ansichten vertreten könnten. Die Forderung des Dalai nach Autonomie geht den Jungen nicht weit genug. Sie träumen von einem freien Tibet. Und manche spielen in Gedanken längst auch mit Anschlägen und Sabotageakten, oder gar einem Guerilla-Krieg gegen die chinesischen Herrscher.
Die Gewaltfrage ist so alt wie der Kampf der Tibeter um Freiheit. Bereits Ende der 50er Jahren hatten tibetische Rebellen zu den Waffen gegriffen und sich gegen die Chinesen erhoben. Pekings Riesenarmee schlug den Aufstand 1959 blutig nieder.
Tenzin Norsang will nichts davon wissen, dass die Tibeter einen Kampf von Gestern, eine verlorene Schlacht schlagen. Er will nicht glauben, dass die Welt ihnen nicht helfen wird, weil es sich keiner mit der Supermacht China verscherzen will. Dass Peking Tibet nicht hergeben wird, egal ob die Tibeter mit Gewalt oder friedlich für ihre Heimat kämpfen. „Ich bin nicht in Tibet geboren. Aber ich werde in Tibet sterben”, sagt Tenzin Norsang und fügt hinzu: „Oder für Tibet.”
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