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Terror des IS
Kampf um Kobane: Die Türken schauen nur zu

Kampf um Kobane: Die Türkei greift nicht ein
FOTO: afp, am/sd
Ankara. In Kobane kämpfen die Kurden verzweifelt gegen den IS – aber die Türkei greift nicht ein. Die Schlacht legt die machtpolitischen Mechanismen schonungslos offen. Von Thomas Seibert

Die Schlacht um die nordsyrische Grenzstadt Kobane wird für die Türkei immer mehr zu einem politischen Problem. Denn Ankara wird für sein Verhalten heftig kritisiert: Obwohl die Türkei über die mit 600.000 Mann zweitstärkste Streitmacht der Nato verfügt und zusätzliche Truppen und Panzer an die Grenze verlegt hat, will sie bisher nicht in den Kampf eingreifen.

Die türkischen Soldaten sollen lediglich das eigene Territorium verteidigen, falls es angegriffen wird. Seit dem Beginn des IS-Angriffes auf Kobane sind bereits mehrmals Geschosse auf der türkischen Seite der Grenze eingeschlagen; teilweise sind die Panzer des "Islamischen Staats" (IS) von der Türkei aus mit bloßen Auge zu sehen.

Die militärische Lage in der und um die Stadt wirft ein Schlaglicht auf das Schachspiel der Machtinteressen im Hintergrund: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan steckt in einem Dilemma. Auf der einen Seite hat er keine Sympathien für die in Kobane herrschende Kurdengruppe PYD, einen Ableger der türkisch-kurdischen Rebellengruppe PKK. Auf der anderen Seite sieht sich Erdogan jedoch potenziell katastrophalen Folgen für die türkische Innenpolitik gegenüber, sollte Kobane an den IS fallen. Die PKK droht für diesen Fall mit dem Ende ihrer Friedensgespräche mit dem türkischen Staat und einer Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes gegen Ankara.

Bemühung um direkten Draht zu syrischen Kurden

Einen Ausweg aus Erdogans Dilemma könnten die Luftangriffe westlicher Staaten auf den IS in Kobane bieten. Am Dienstag attackierte die internationale Allianz die IS-Extremisten nahe Kobane erstmals bei Tag; zwei niederländische Maschinen nahmen zum ersten Mal an den Angriffen teil. Die Kampfjets der US-geführten Verbündeten bombardierten nach Medienberichten intensiver als bisher die Stellungen der Dschihadisten in Kobane.

Gleichzeitig bemüht sich die türkische Regierung trotz des Misstrauens gegenüber der PYD um einen direkten Draht zu den Chefs der syrischen Kurden. PYD-Chef Salih Müslim soll am Wochenende in Ankara mit Geheimdienstvertretern gesprochen haben. Bei dem Treffen soll es um Hilfe für Kobane gegangen sein. Die Verteidiger fordern vor allem Waffenlieferungen – Anfang der Woche, nach fast einmonatiger Belagerung, richteten sie erneut einen verzweifelten Hilferuf an das Ausland: Sollte es in Kobane ein Massaker geben, dann trage die internationale Gemeinschaft Mitschuld , erklärte die Stadtregierung.

Kurdenvertreter verlangen zudem, die türkischen Behörden sollten junge Kurden nicht mehr daran hindern, über die Grenze nach Kobane zu gehen, um sich dem Kampf gegen den IS anzuschließen. Die Kurdenpolitikerin Selma Irmak erklärte jüngst, sie sehe Anzeichen für eine geänderte Haltung Ankaras der PYD gegenüber. Bisher werfen die Kurden der türkischen Regierung vor, insgeheim mit dem IS zu paktieren, um auf diese Weise die kurdische Autonomie in Nordsyrien zerschlagen zu lassen.

Ein stärkeres Engagement gegen den IS macht Ankara von einer Strategie-Änderung der USA abhängig: Erst wenn Washington die Luftangriffe in Syrien auf die Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al Assad ausweitet, will Ministerpräsident Ahmet Davutoglu die türkische Armee in Marsch setzen. Denn für die Türkei ist das Hauptziel in Syrien nicht die Zerschlagung des IS, sondern die Entmachtung Assads.

Eigeninteresse der anderen Staaten

Nicht nur die Türkei verfolgt in Syrien knallhart ihre eigenen Interessen. Die USA schauten drei Jahre lang dem Gemetzel im syrischen Bürgerkrieg zu und starteten die Luftangriffe auf den IS erst, als amerikanische Diplomaten und Ölfirmen im nordirakischen Erbil durch den Vormarsch der Extremisten bedroht waren. Auch für die USA stehen die Kurden von Kobane nicht sehr hoch auf der Prioritätenliste.

Bei anderen ausländischen Mächten sieht es nicht viel anders aus. Europäische Länder wie Großbritannien, Frankreich oder Deutschland beteiligen sich zwar mit Luftschlägen und Waffenlieferungen an die nordirakischen Kurden am Kampf gegen den IS, sind aber nicht gewillt, das Leben ihrer Soldaten bei einer Bodenoffensive etwa in Kobane aufs Spiel zu setzen.

Sollte Kobane fallen, werden sich die Türkei, die USA und andere Beteiligte ganz neu Gedanken machen müssen. Die Einnahme der Stadt würde die Machtstellung der Extremisten zementieren und ihnen ein mehrere Hundert Kilometer langes Einflussgebiet entlang der türkischen Grenze bescheren.

Ein Sieg des IS in Kobane würde darüber hinaus bedeuten, dass die bisher praktizierten Luftangriffe nicht ausreichen, um die Dschihadisten aufzuhalten. Die Attraktivität des IS in islamistischen Kreisen weltweit würde weiter wachsen, die Bedrohung für die Türkei würde steigen – und eine Bekämpfung der Dschihadisten würde noch schwieriger, als sie es bisher schon war.

Quelle: RP
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