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Naturkatastrophen und der Klimawandel
"Haiyan" - furchtbare Botschaft nach Warschau

Klimakonferenz in Warschau: Dringender Appell der Philippinen
Viele Bilder von den Philippinen wirken wie Anklage an die Klimapolitik. FOTO: dpa, Dennis M. Sabangan
Berlin. Am Montag hat in Warschau die 19. UN-Klimakonferenz begonnen. Experten machen für den Monster-Taifun den Klimawandel direkt verantwortlich. Die schockierenden Folgen des Taifuns "Haiyan" erhöhen nun den Druck auf die Industriestaaten. In Warschau soll sich entscheiden, wer für das Leid und die Verwüstungen bezahlt. Auch die Europäer geraten in die Bredouille. 

Die 19. UN-Klimakonferenz hat am Montag in der polnischen Hauptstadt Warschau begonnen. Zwei Wochen lang werden Experten aus 194 Ländern über die Vorbereitungen auf den Klimavertrag beraten, der 2015 in Paris unterzeichnet werden soll. 

Taifun Haiyan hat den Delegierten drastisch vor Augen geführt, was auf dem Spiel steht. Die Botschaft ist in Warschau bereits angekommen. "Wir alle spüren die Auswirkungen des Klimawandels", sagte der polnische Umweltminister und Konferenzpräsident Marcin Korolec zu Eröffnung. Die Unwetterkatastrophe sei der Beweis, dass eine Niederlage im "ungleichen Kampf zwischen Mensch und Natur" drohe.

"Wir werden alle gewinnen oder alle verlieren", mahnt Christiana Figueires, die Generalsekretärin des Sekretariats der UN-Klimakonvention. 

Dringender Appell der Philippinen

Die Vertreter der Philippinen riefen die internationale Gemeinschaft zum Kampf gegen den Klimawandel auf. "Ich verlange von den Verantwortlichen der ganzen Welt, in Warschau zu handeln", sagte die philippinische Delegationsleiterin Alicia Ilaga zum Auftakt des WGipfels. "Was können wir mehr erwarten, als dass Verhandlungen und Verpflichtungen auf dieser Konferenz zu Taten werden?", fragte sie.

Die Philippinen waren am Freitag von "Haiyan" getroffen worden, einem der bislang heftigsten Stürme überhaupt. Mehr als 10.000 Menschen kamen nach Schätzungen der Behörden ums Leben. Vor dem vorangegangenen Weltklimagipfel im Dezember 2012 in Katars Hauptstadt Doha hatte der Taifun "Bopha" auf den Philippinen mehr als tausend Menschen getötet. 

Die Wissenschaft tut sich schwer

"Jedes Mal, wenn ich zu diesen Konferenzen komme, sind wir mit einer neuen Katastrophe konfrontiert", sagte Ilaga in Warschau. Ihr Delegationskollege Naderev Sano kündigte an, während des zwölftägigen Gipfels nichts zu essen, so lange keine Ergebnisse in Sicht seien.

Haiyan - ein furchtbares Mahnmal für die Klimapolitik. Dass auf den Philippinen etwa 10.000 Menschen einer Naturkatastrophe zum Opfer fielen und weitere Tausende um ihr Leben kämpfen, gibt den Delegierten zu denken. Zwar tun sich die Forscher wie üblich mit einer direkten Kausalität Klimawandel=Haiyan schwer, weil sie nicht wissen können, ob es einen solchen Sturm auch ohne Erderwärmung gegeben hätte. Doch andererseits laufen alle Daten auf eine Zunahme von Wetterextremen hinaus. 

Auch in Europa Todesopfer

Der renommierte Klimaforscher Stefan Rahmstorf spricht sogar von einem direkten Zusammenhang. Die Erwärmung der Weltmeere durch den globalen Klimawandel "begünstigt die Wirbelstürme", sagte der Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) am Montag im ZDF-"Morgenmagazin". Daher sei auch davon auszugehen, "dass stärkere Stürme in Zukunft zu erwarten sind aufgrund der weiter steigenden Temperaturen".

In den vergangenen zehn Jahren sei "eine Häufung von Wetterextremen allgemein" wie etwa Rekordhitzewellen und Dürren zu beobachten, führte Rahmstorf aus. "Diese Wetterextreme werden leider weiter zunehmen." Davor seien auch Deutschland und Europa nicht gefeit. "Wir sind natürlich durch unseren Wohlstand einfach mal nicht so verletzlich wie die arme Bevölkerung in Entwicklungsländern, aber ansonsten bleiben wir auch nicht vom Klimawandel verschont", warnte der Klimaforscher. So seien auf den Jahrhundertsommer 2003 rund 70.000 Todesopfer in Europa zurückzuführen.

Forscher vermisst Entschlossenheit in Berlin

Im Zusammenhang mit der am Montag in Warschau beginnenden UN-Klimakonferenz kritisierte Rahmstorf, die Verhandlungen für ein neues globales Klimaschutzabkommen verliefen "extrem schleppend". Selbst wenn wie geplant ein Abkommen bis 2015 stehe und 2020 in Kraft trete, wäre dies wahrscheinlich zu spät, um den Anstieg der Durchschnittstemperatur auf ein beherrschbares Maß von zwei Grad zu begrenzen.

"Deswegen ist es ja so wichtig, dass einzelne Staaten entschlossen vorangehen, wie zum Beispiel Deutschland mit der Energiewende", sagte Rahmstorf. In dem "Wettlauf gegen die Zeit" scheine aber "die richtige Entschlossenheit und Dringlichkeit" in der "Politik zu fehlen, auch in Deutschland".

Wer zahlt für die Schäden?

Auch Umweltorganisationen sehen Deutschland unter Zugzwang. Ob sich die Delegation ausgerechnet in dieser Verhandlungsrunde aus dem Fenster lehnen wird, bleibt eher fraglich. In Warschau nämlich geht es um die Frage, wie die Staatenwelt mit den Folgen des Klimawandels umgehen will.

Für die betroffenen Länder ist die Sache klar: Sie fordern von den Industriesstaaten einen Entschädigung, weil die ihren Wohlstand durch Raubbau an Umwelt und Klima erwirtschaftet haben. Bisher aber sind die reichen Länder vor allen Festlegungen zurückgeschreckt. Eine feste Zuschreibung von Verantwortung für die Folgen des Klimawandels hätte Kosten in Milliardenhöhe zur Folge. 

Umweltschützer machen Druck auf Berlin

Umso dringender mahnten  Umweltorganisationen im Vorfeld des Gipfels eine aktivere Rolle der deutschen Delegation an. "Deutschland muss in Warschau wieder Handlungsfähigkeit beweisen, selbst wenn wir noch keine neue Regierung haben. Das Beste wäre, Bundeskanzlerin Angela Merkel fährt nach Warschau und erklärt, dass unser Land seine Blockaden beim Klimaschutz aufgibt", sagte der Vorsitzende des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger.

Für einen Erfolg der Klimaverhandlungen bis 2015 müsse zuerst die EU ihre Hausaufgaben machen, sagte Christoph Bals, politischer Geschäftsführer von Germanwatch. Ob das möglich sei, hänge auch vom Ergebnis der Koalitionsverhandlungen in Deutschland ab. "Der jetzige Entwurf der Koalitionsvereinbarung spricht von einem EU-Klimaziel von "mindestens 40 Prozent" Kohlendioxid-Reduktion bis 2030", sagte Bals. Das sei ein schwaches Ziel und untergrabe die Reduktionsziele von 80 bis 95 Prozent für 2050.

(AFP/dpa)
 
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