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Afrika-Blog: Kurze Kleider sind Hosenanzüge

zuletzt aktualisiert: 07.04.2006 - 11:52

Donnerstag, 6. April 2006: Heute steht ein Staatsbankett auf dem Programm. Da wir allerdings morgens noch in Mosambik sind und das Bankett auf Einladung des Präsidenten von Madagaskar stattfindet, müssen wir erst etwa 1.000 Kilometer Entfernung und rund zwei Stunden Flug hinter uns bringen. Und dann wird abends getestet, wie man sich bei so einem Staatsbankett anzieht: Denn zur Kleiderordnung habe ich vor der Abreise etwas Interessantes gelernt: Kurze Kleider sind zwar Hosenanzüge, aber keine langen Kleider. 

Verwirrt? War ich auch. Und das kam so: Da ich keine kurzen Kleider oder Röcke mag und mich mit dem Protokoll nicht so gut auskenne, hatte ich mich vor der Reise erkundigt, ob ich statt des für das Bankett vorgeschriebenen „kurzen Kleides“ nicht auch ein langes Kleid tragen könnte. Die Antwort per Mail lautete: „Kurzes Kleid bedeutet Hosenanzug“. ??? Na, ja, dachte ich mir, wenn kurzes Kleid Hosenanzug bedeutet (!), warum sollte dann „kurzes Kleid“ nicht auch „langes Kleid“ bedeuten können?

Das schrieb ich dann der zuständigen Dame – die mir jedoch freundlich, aber bestimmt beschied: Nein, kurzes Kleid bedeutet nicht langes Kleid (so weit waren wir einer Meinung!), sondern höchstens Hosenanzug (da war ich dann mit meiner Logik am Ende…). Eingepackt habe ich dann einen dunklen Nadelstreifenanzug. Mal sehen, wie ich damit klar komme…

Erst mal hieß es aber, Koffer abgeben, damit der Sicherheitsdienst sie durchchecken und zum Flughafen bringen kann. Dafür mussten die Koffer bis spätestens 6.15 Uhr abgeliefert werden. Unsere eigene Abfahrt war um acht Uhr, der Abflug laut Plan sogar noch eine Stunde später (und tatsächlich noch fast eine Stunde später).

Vor dem Abflug gaben der Bundespräsident und der Präsident von Mosambik, Guebuza, aber noch letzte Statements und Einschätzungen des Besuchs ab: Beide betonten die guten Beziehungen und die Offenheit der Gespräche und dass sie die Partnerschaft ausbauen wollen. Herr Köhler hat Herrn Guebuza zu einem Gegenbesuch nach Deutschland eingeladen, der wohl im nächsten Jahr stattfinden soll.

Außerdem sind weitere Gespräche zwischen den Ministerien der Wirtschaft und Bildung geplant, um zum Beispiel die Idee des deutschen dualen Ausbildungssystems, also die Kombination von Theorie und Praxis, nach Mosambik zu exportieren.

Abschied mit militärischen Ehren – und dann ab nach Madagaskar. Der letzte deutsche Bundespräsidenten-Besuch dort liegt genau 40 Jahre zurück: 1966 war Heinrich Lübke in Madagaskar. Über ihn gibt es die hübsche Anekdote, dass er die Frau des damaligen Präsidenten Tsiranana mit den Namen der Hauptstadt Antananarivo ansprach… Aber die Namen der Madegassen sind in der Tat ein Kapitel für sich: wahre Zungenbrecher. Zum Beispiel heißt der Präsident der madegassischen Förderation der Industrie-, Handels- und Handwerkskammer Herr Rafanomezantsoa, eine andere Dame heißt Vololoniaina Rasoamampianina. Mein derzeitiger Lieblingsname aber lautet: (Frau) Ravaoharimalala Saholimaniraka!

Bedeutungsvolle Namen

Die Namen bedeuten meist etwas, wie beim Staatspräsidenten, Marc Ravalomanana. „Ra“ steht für Herr, „valo“ für acht und „manana“ für reich. Zusammengesetzt bedeutet das dann etwa so viel wie: der achtmal so reiche Mann. Was für den Herrn Staatspräsidenten nicht ganz unpassend ist: Er hat sozusagen die afrikanische Variante des amerikanischen Traums durchlebt: Statt vom Tellerwäscher zum Millionär wurde er vom Milchjungen zum Staatspräsidenten (und zum Millionär!).

Ravalomanana ist Direktor der 1981 mit einem Kredit der Weltbank gegründeten Unternehmensgruppe Tiko, die Tiernahrung, Joghurt, Eis, Getränke und andere Lebensmittel herstellt. Nach Einschätzung von Wirtschaftsbeobachtern soll Tiko seit den Wahlen 2002, bei denen Ravalomanana an die Macht kam (und das im Übrigen unter turbulenten Umständen), seinen Umsatz mindestens verdreifacht haben.

Ein US-Politikwissenschaftler sagt sogar, dass sich Ravalomanana stärker bereichere als sein Vorgänger. Allerdings auf eine andere Art: Er zweigt nicht Geld aus dem Staatshaushalt ab, sondern erlässt Gesetze oder Maßnahmen, die seinem Unternehmen zugute kommen.

Das muss allerdings nicht immer und nur schlecht für andere sein: So hat Ravalomanana beispielsweise dafür gesorgt, dass die Straßen besser werden – dadurch kann er zwar die Produkte seines Unternehmens schneller und besser vertreiben, auf der anderen Seite aber nutzt das auch der madegassischen Bevölkerung.

Zurück zur Chronologie und zur Ankunft in Antananarivo, das viele nur Tana nennen: Präsident Marc Ravalomanana holte den Bundespräsidenten vom Flugzeug ab und geleitete ihn zu den Wagen, die uns alle in unsere Hotels bringen sollten. Diesmal sind wir nicht im selben Hotel untergebracht wie Herrn Köhler, sondern etwas weiter im Stadtzentrum. Das Hilton ist vermutlich besser gesichert als unser Hotel – als wir mittags zu einer kurzen Besprechung dorthin kamen, mussten wir gleich unsere Taschen durchchecken lassen…

Italienische Verhältnisse

Im Anschluss fuhren wir zum Stadtpalast des Präsidenten, wo Köhler und Ravalomanana ein erstes Gespräch führten und danach eine kurze Pressekonferenz für uns und die madegassischen Kollegen gaben.

Während wir warteten, unterhielt ich mit einigen der Kollegen: Eine von ihnen arbeitet für eine Wochenzeitung in Antananarivo und ist gleichzeitig Korrespondentin für die BBC, ein anderer arbeitet für das madegassische Fernsehen – und zwar für den Sender Ravalomananas. Denn neben seinem Unternehmen hat der Präsident auch noch eine Rundfunkstation, einen Fernsehsender und eine Zeitung. Und tatsächlich, erzählte mir der Journalist, spielt in seinem Sender der Präsident die (unkritisierte) Hauptrolle – das hat ja berlusconische Züge!!

Bei der Pressekonferenz betonten die beiden Präsidenten – wie hätte es auch anders sein sollen! – die guten Beziehungen der Länder. Alles war extrem vorstrukturiert: Zwei madegassische und zwei deutsche Journalisten durften genau eine Frage stellen. Danach beendete der Zeremonienmeister abrupt die Veranstaltung. Schließlich war der Bundespräsident schon wieder in Zeitdruck, weil er noch zum Rathaus musste, wo ihm wie schon in Mosambik der Stadtschlüssel und damit die Ehrenbürgerschaft verliehen wurde. – Ich muss mich dringend mal erkundigen, wohin eigentlich die ganzen Schlüssel kommen! Und ob das Bundespräsidialamt nicht schon einen Extra-Schlüsselschrank angeschafft hat.

Dann fix umgezogen fürs Bankett im Staatspalast (dunkler Hosenanzug!) und los. Es ging durch die halbe Stadt, natürlich wieder als Kolonne mit Begleitschutz, diesmal allerdings ohne Sirenen.

Der Saal, in dem die beiden sich vor dem Bankett noch gegenseitig einen Orden verleihen sollten, wird dominiert von einem geradezu wunderbar kitschigen Bild: einer Berglandschaft wie in den Alpen mit blauem Himmel, Schäfchenwölkchen, Tannen – und einem alles beherrschenden Wasserfall. Und vor dem Bild waren die beiden Rednerpulte mit rechts und links einer Flagge aufgestellt. Grandios! 

Dann schritten die Herren zur Ordensverleihung, mit der sie ihre Freundschaft bekunden wollten. Das liest sich im Protokoll so: „Rede des Präsidenten der Republik Madagaskar - Ankündigung der Ordensübergabe – Fanfare – Ordensübergabe an den Bundespräsidenten durch den Präsidenten der Republik Madagaskar – Fanfare – die Ehrenformation zieht ab – Beendigung der Ordensübergabe“.

Panne bei der Ordensverleihung

Im ersten Teil der Übergabe lief auch alles so, wie das Protokoll es vorgesehen hatte. Dann allerdings gab es eine kleine Panne: Als Herr Köhler dem madegassischen Präsidenten seinen Orden verleihen wollte, ging dessen Anstecknadel nicht auf. Selbst viel Gezerre und zahlreiche hilfreiche Hände nützten nichts, so dass sich Ravalomanana den Orden schließlich kurz entschlossen in die Brusttasche steckte, aus der dann gerade noch der obere Teil herauslugte. Aber: Er hat nicht mit der Wimper gezuckt! Als Politiker muss man seine Mimik echt ziemlich im Griff haben.

Danach konnten wir endlich, endlich essen. Ich saß – mit meinem Hosenanzug übrigens hundertprozentig richtig gekleidet! ;-) – neben dem Generalsekretär des Außenministeriums und dem Generalsekretär des Präsidialamtes. Es gab sozusagen die doppelte bunte Reihe: immer abwechselnd Herren und Damen, plus immer abwechselnd Deutsche und Madegassen.

Habe mir von dem Herrn aus dem Außenministerium viel über Madagaskar erzählen lassen und ein bisschen Madegassisch gelernt. Anders als in den meisten afrikanischen Ländern hat das Land nämlich nur eine Sprache; dennoch sprechen viele Madegassen die Amtssprache Französisch. Madegassisch aber ist etwa so schwer, wie man es sich vorstellt, wenn man die Namen der Leute hier liest… Zur Erinnerung: Ravaoharimalala Saholimaniraka.


 
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