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Terror in Indien
Luxushotels wurden zu Todesfallen

Bombay: Was sich in den Hotels abspielte
Bombay: Was sich in den Hotels abspielte FOTO: AP
Bombay (RP). Einen Terror-Angriff von dieser Wucht hat Indien noch nicht erlebt. Die Finanzmetropole Bombay ­ und damit das Herz der indischen Wirtschaft ­ist von den Massakern und Geiselnahmen gelähmt. Der Hass der islamistischen Terroristen gilt offenbar allem, was nach westlichem Lebensstil aussieht. Von Christine Möllhoff

Flammen lodern aus den Fenstern des historischen Taj Mahal Hotels, das Feuer frisst sich von Etage zu Etage. Schüsse peitschen durch die Nacht. "Sie waren hinter Ausländern her", sagt der britische Geschäftsmann. "Sie haben nach amerikanischen und britischen Pässen gefragt und alle Zimmer durchkämmt." Mit verschränkten Armen und rußgeschwärzten Gesicht sitzt er seltsam verloren da, antwortet den Fragen der Reporter.

Er hat Glück gehabt. Er konnte den Terroristen entwischen, nach draußen in die Sicherheit fliehen. Der Mittvierziger war gerade in einem der noblen Hotel-Restaurants mit Geschäftsfreunden essen, als die Terroristen das Hotel stürmen, um sich schossen und Bomben zündeten.

Es war der Beginn eines Alptraum, der Indiens Finanz- und Filmmetropole Bombay in ihren Grundfesten erschüttert. Binnen kurzer Zeit greifen am späten Mittwoch Abend 20 bis 25 mit Sprengstoff und russischen Schnellfeuergewehren bewaffnete Terroristen zehn Ziele an, unter anderem zwei Luxushotels, Restaurants und Krankenhäuser.

Die muslimischen Fanatiker richten Massaker an denen mehr als 100 Menschen zum Opfer fallen. Anschließend verschanzen sie sich mit Geiseln in den Luxushotels Taj und Trident Oberoi sowie einem jüdischen Zentrum. Davor haben sich Polizisten und Soldaten postiert. Immer wieder erschüttern Explosionen die Hotels. Die Angst wächst, dass sich die Terroristen  in die Luft sprengen.

Der Terror in Indien hat mit diesem zehnfachen Angriff eine neue Dimension erreicht. Einheimische Medien sprechen bereits vom "indischen 11. September". Denn ganz offensichtlich gilt die islamistische Attacke einer aufstrebenden Metropole. Bombay ist die kosmopolitischste Stadt Indiens, das Tor zur Welt für das 1,02-Milliarden-Volk. Die Attacke der muslimischen Terroristen galt den beiden Lieblingshotels der indischen Wirtschaftselite und von ausländischen Geschäftsleuten ­und damit dem westlichen Lebens- und Wirtschaftsstil ­ und in erster Linie Amerikanern und Briten, die den Krieg gegen islamistischen Terror anführen.

Es gehe nicht nur um Indiens Sicherheit, sagt Sonia Gandhi, Chefin der regierenden Kongresspartei. "Es geht um Indiens Prestige in der Welt". Von einer "Kriegszone" in Bombay sprechen die Medien. Singh vermutete die Drahtzieher der Angriffe im Ausland.

Fassungslos verfolgen Millionen Inder im Fernsehen live, wie ein Kameramann bei der Arbeit erschossen wird, wie Menschen auf dem Bauch über das Straßenpflaster in Sicherheit robben. Noch ist der Ablauf des Angriffs nicht völlig geklärt. Vermutlich landeten die 20 bis 25 Männer im Schutze der Dunkelheit mit Booten an der Halbinsel Colaba an der Südspitze Bombays. Schnell wird klar: Die Männer sind zu allem bereit sind, auch selbst zu sterben.

Wie jene Selbstmordattentäter, die in Afghanistan, Irak oder Pakistan sich und andere in die Luft sprengen. Die Täter tragen nicht einmal Masken, um ihre Gesichter zu verbergen. Aus der Ferne gelingt einem Journalisten ein Foto. Es zeigt einen jungen Mann, vielleicht Anfang 20, mit fast noch kindlichem, runden Gesicht und struppigen, schwarzen Haaren, in den Händen hält er ein Maschinengewehr, über die Schulter hat er einen Beutel geworfen. Wahrscheinlich ist er voll Sprengstoff.

Auf dem Foto sieht es aus, als ob er grinse. Seine Augen sind unnatürlich weit aufgerissen, als habe er Drogen genommen. Die machen das Morden und Sterben leichter. Und noch etwas fällt auf: Die Täter haben zwar Geiseln genommen und wollen verhandeln, aber laut Innenministerium zunächst keine Forderungen gestellt.

Auffallend ist auch die Eiseskälte und Professionalität, mit der die Attentäter zu Werke gehen. Die Indian Mujahideen hingegen  operierten bislang mit primitiven, selbstgebastelten Bomben aus Nägeln und Schrott. In Neu Delhi kursiertten schon vor Wochen Gerüchte, die Bombayer Unterwelt plane gemeinsam mit dem Terrornetzwerk al Qaida  einen größeren Anschlag in Indien.

Am Donnerstag herrscht gespenstische Ruhe in großen Teilen der Millionen Stadt. Das ganze Land wartet atemlos auf ein Erwachsen aus diesem quälenden Alptraum. In Colaba ist eine Ausgangssperre verhängt. Die Bombayer Börse bleibt ebenso geschlossen wie Schulen und Behörden. Fluglinien streichen ihre Flüge nach Bombay und Hotels werden angewiesen, keine neuen Gäste aufzunehmen. Um mögliche Unruhen und Krawalle zu verhüten, sind Soldaten in der Stadt postiert.

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