Viele ausländische Unternehmen genießen die Steuervorteile: Malta: Zwischen Morgen- und Abendland
VON KLAUS PETER KÜHN - zuletzt aktualisiert: 08.04.2004 - 15:40Düsseldorf (RP). Mindestens einen Malteser kennt fast jeder, denn die bekanntesten Sprösslinge der Mittelmeerinsel sind nicht einmal acht Zentimeter groß, haben steife Kniegelenke und bevölkern die Kinderzimmer Europas. 75 Millionen Playmobil-Figuren werden pro Jahr auf dem mit Naturschätzen nur spärlich ausgestatteten Eiland produziert. Aber Malta ist noch für ganz andere Überraschungen gut.
Seit kurzem steht in Hal Far, auf dem Gelände eines ehemaligen britischen Militärflughafens, die berühmte Playmobil-Ritterburg in begehbarer Größe. Der Freizeitpark ist eine weitere touristische Attraktion für die kleine Insel, die zum großen Teil vom Fremdenverkehr lebt - er trägt ein Viertel zum Bruttosozialprodukt bei. Obwohl das kleinste der zehn neuen EU-Mitgliedsländer vom Mittelmeer umschlungen auf halbem Weg zwischen Sizilien und Tunesien liegt, lädt es mangels Sandstränden nicht vorrangig zum Badeurlaub ein. Die Feriengäste werden aber durch eine hohe Dosis Stein gewordener Geschichte entschädigt.
Die ältesten megalithischen Tempel entstanden um 4000 vor Christus. Römer und Araber, Normannen und Staufer hinterließen ihre Spuren. Der Johanniter-Orden baute die Hauptstadt Valletta zum Bollwerk gegen den Islam aus. Der Erfolg ist noch heute sicht- und spürbar. 96 Prozent der Malteser sind Katholiken, rein rechnerisch kommt auf jeden Quadratkilometer des kargen Bodens eine Kirche, Scheidungen sind tabu, der Zusammenhalt der Familien ist stark ausgeprägt. In der Sprache spiegelt sich wider, dass Malta, zwischen Morgen- und Abendland gelegen, ein Schmelztiegel der Kulturen ist.
Neben Englisch, der Sprache der letzten fremden Inselherren (1964 wurde Malta in die Unabhängigkeit entlassen), wird im Alltag Maltesisch gesprochen. Es ist die einzige Form des Arabischen in lateinischer Schrift. Im Maltesischen (Kostproben: „kompjuter”/Computer; „L-ghodhwa t-ajba” /Guten Tag) finden sich Einflüsse aus vielen anderen Sprachen, vor allem aus dem Italienischen. Die Playmobil-Fabriken gehören mit ihren 800 Beschäftigten schon fast zu den Wirtschaftsgiganten auf der Insel.
Steuervergünstigungen und niedrige Lohnkosten haben zahlreiche ausländische Firmen nach Malta gelockt (darunter 50 deutsche). Gerade einmal 88000 Malteser sind bei privaten Unternehmen beschäftigt, ihnen stehen 47000 Staatsdiener gegenüber. Der aufgeblähte öffentliche Dienst kostet viel Geld: Malta hat die höchste Staatsverschuldung aller zehn Neulinge (66 Prozent des Bruttoinlandsprodukts). Lawrence Gonzi, seit März amtierender Regierungschef, kann und muss in den Behörden wohl etliche Stellen streichen - mit der Folge, dass die bislang sehr moderate Arbeitslosigkeit (rund 5,5 Prozent) steigen wird.
Im Zwei-Parteien-System wogte lange Zeit zwischen Gonzis Nationalistischer Partei (PN) und der Malta Labour Party der Streit um den EU-Beitritt hin und her. Hatte die PN vor 14 Jahren den Antrag in Brüssel gestellt, zog ihn Labour-Premier Alfred Sant 1996 wieder zurück. Nach vorzeitigen Neuwahlen und dem Sieg der PN riss der konservative Regierungschef Eddie Fenech Adami das Ruder wieder herum. Als Vorbote der EU-Mitgliedschaft ereilte die Malteser vor fünf Jahren die Mehrwertsteuer.
Als Fenech Adami am 23. März die Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger Gonzi übergab, beschrieb der 70-Jährige die Perspektiven seines Heimatlandes so: „Malta kann eine Rolle spielen, wenn es auf seine Lage im Zentrum des Mittelmeers setzt.” Am Sonntag soll Fechnech Adami zum Staatsoberhaupt gewählt werden.
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