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Massenhinrichtung in Saudi-Arabien
"Die Saudis haben das Tor zur Hölle geöffnet"

Massenhinrichtung in Saudi-Arabien: "Das Tor zur Hölle geöffnet"
Schiitische Muslime in Indien trauern um den hingerichteten Geistlichen Scheich Nimr al-Nimr. FOTO: ap
(neu: Reaktionen Iran. Die Hinrichtung von 47 Gefangenen durch Saudi-Arabien hat weltweit Abscheu und Kritik ausgelöst. In den arabischen Nachbarländern wächst die Wut auf das saudische Königshaus. Vor allem, weil ein Mann zu den Toten zählt, der unter Schiiten verehrt wird.

Saudi-Arabien hat am Samstag 47 Menschen wegen Terrorismus-Vorwürfen hingerichtet und damit die Spannungen in der Region verschärft. Die meisten der Exekutierten seien wegen Beteiligung an Anschlägen der Islamistenorganisation Al Qaida in den Jahren von 2003 bis 2006 zum Tode verurteilt worden, teilte das Innenministerium in Riad mit.

Unter den Hingerichteten ist auch der prominente schiitische Geistliche Scheich Nimr al-Nimr, dessen Tod vom Iran sowie von führenden Schiiten aus dem Irak und dem Libanon scharf verurteilt wurde. Im Bezirk Katif, wo Nimr herkommt, sowie in Bahrain und im Iran gab es erste öffentliche Proteste gegen die Hinrichtung Nimrs. Auch die Bundesregierung zeigt sich beunruhigt. Die Exekution Nimrs "verstärkt unsere bestehenden Sorgen über zunehmende Spannungen und sich vertiefende Gräben in der Region", hieß es im Auswärtigen Amt.

Vollstreckung in zwölf Städten

Die wegen Terrorismus oder Anstiftung zu Gewalt verhängten Todesurteile wurden in zwölf Städten vollstreckt. In vier Haftanstalten wurden die Delinquenten durch Erschießungskommandos getötet. Die anderen Verurteilten wurden enthauptet. Die gleichzeitige Tötung von 47 Menschen war die größte Massenhinrichtung in Saudi-Arabien wegen Sicherheitsvergehen seit der Exekution von 63 Dschihadisten, die wegen der Erstürmung der Großen Moschee in Mekka im Jahr 1979 zum Tode verurteilt worden waren.

Die Hinrichtungen zielen nach Angaben von Politik-Beobachtern darauf ab, Saudiaraber davon abzuschrecken, sich radikalen Islamistengruppen anzuschließen. Saudi-Arabien war in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel von Bombenanschlägen und Attentaten militanter Sunniten, die wie in den Nachbarländern Irak und Syrien den Sturz der Regierung herbeiführen wollen. Auch die sunnitische Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) hat wiederholt zu Anschlägen im Königreich aufgerufen.

Ajatollah Chatami spricht von einem Verbrechen

Die schärfsten Reaktionen gab es auf die Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr. Die Regierung in Teheran bestellte den saudiarabischen Geschäftsträger ein. Der Iran hatte den Erzfeind Saudi-Arabien vor der Hinrichtung des Geistlichen gewarnt. Das sunnitische Saudi-Arabien und der schiitische Iran ringen um die Vormachtstellung in der Region.

Der einflussreiche iranische Ajatollah Ahmad Chatami forderte einen Aufschrei in der islamischen Welt. "Das Verbrechen" an Scheich Nimr werde dazu führen, dass die sunnitische Herrscherfamilie Saud aus den Geschichtsbüchern ausgelöscht werde, zitierte ihn die Nachrichtenagentur Mehr. In der den Schiiten heiligen Stadt Ghom gingen nach einem Agenturbericht Studenten der Theologischen Hochschule auf die Straße, um gegen die Exekution Nimrs zu demonstrieren.

Nuri al-Maliki sagt einen Sturz voraus

Der frühere irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki sagte den Sturz der Regierung in Saudi-Arabien wegen der Hinrichtung Nimrs voraus. So wie das Verbrechen der Exekution des schiitischen Geistlichen Mohammed Bakir al Sadr das Ende von Saddam Hussein im Irak herbeigeführt habe, werde auch die Hinrichtung von Scheich Nimr den Sturz des Regimes in Saudi-Arabien zur Folge haben, sagte der Politiker mit engen Verbindungen zum Iran.

Der Führer einer schiitischen irakischen Miliz sagte dem TV-Sender al-Sumaria, das Verbrechen an Scheich Nimr habe "das Tor zur Hölle" geöffnet. Die schiitische Hisbollah-Miliz aus dem Libanon sprach von einem schweren Fehler, den die Regierung in Riad mit der "Ermordung" Nimrs gemacht habe.

Linke stellt Saudis mit IS gleich

Nimr war im Juli 2012 festgenommen worden, nachdem er mehr Rechte für die schiitische Minderheit in dem von Sunniten dominierten Königreich gefordert hatte. Ihm wurde vorgeworfen, die Proteste gegen die Regierung mit angezettelt zu haben.

Deutsche Oppositionspolitiker warfen Saudi-Arabien vor, mit den Massenhinrichtungen nicht anders gegen Gegner vorzugehen als der IS. Die Bundesregierung müsse die Rüstungsexporte in das arabische Land und die "strategische Partnerschaft" mit dem Königreich beenden, forderten der Grünen-Politiker Omid Nouripur und die Linken-Abgeordnete Sevim Dagdelen.

(REU)
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