Nach dem Mord an Anna Lindh: Medien breiten intime Details der Verdächtigen aus
zuletzt aktualisiert: 26.09.2003 - 16:36Stockholm (rpo). Buchstäblich jedes schwedische Schulkind hat sich nach dem Mord an Außenministerin Anna Lindh Name, Anschrift und fast unbegrenzt persönliche Daten der bisherigen zwei Hauptverdächtigen beschaffen können.
"Wir haben uns im Internet auch den Namen des ersten bei ausländischen Medien besorgt, das war absolut kein Problem", berichteten zwei Schulmädchen am Freitag im Stockholmer Rundfunk.
So gut wie alles andere aus dem Leben des nach einer Woche Haft als erwiesenermaßen unschuldig freigelassenen Mannes hatten sie schon den einheimischen Medien entnehmen können. Besondere sexuelle Neigungen, Vorstrafen, psychiatrische Gutachten, heftige Auseinandersetzungen mit den eigenen Eltern - über alles wurde detailliert berichtet, nichts schien als "Hintergrund" nach dem Schock des Messerattentats auf die populärste schwedische Politikerin uninteressant zu sein.
Der Verdächtige habe "kräftig gefeiert", während Ärzte am Operationstisch des Karolinska-Krankenhauses vergeblich um das Leben von Anna Lindh gekämpft hätten, berichtete "Aftonbladet". In privaten Fernsehsendern kamen ehemalige Spielkameraden des 35-Jährigen zu Wort, die bei ihm schon in der Vorschulzeit heftige aggressive Tendenzen erkannt haben wollten.
Nach acht Tagen aber schleuste die Polizei den Mann als von jedem Verdacht befreit aus dem Kronoberg-Untersuchungsgefängnis in die Freiheit und belegte die speziell für die Lindh-Fahndung eingerichtete Zelle im sechsten Stock mit einem neuen Hauptverdächtigen.
Auch von diesem, einem 24-Jährigen, wissen die Schweden nach zwei Tagen verblüffend viele Details. Schwedische Journalisten können sich dabei die sehr weitgehenden Konsequenzen des "Öffentlichkeitsprinzips" in ihrem Land zu Nutze machen. Alle Gerichtsakten etwa müssen ihnen wie jedem anderen Bürger auch auf Anfrage ebenso zugänglich gemacht werden wie Steuererklärungen jeder beliebigen Person, Passfotos, Adressen, Schriftverkehr mit Behörden.
All das machte es für Journalisten zu einem Kinderspiel, ihren Lesern, Hörern und Zuschauern innerhalb von zwei Tagen auch vom zweiten Hauptverdächtigen ein umfangreiches Lebensbild zu vermitteln. Bis auf den Namen, der im Fall des ersten Tatverdächtigen von ausländischen Medien, wie mehreren Zeitungen in Dänemark, Großbritannien und Deutschland sowie einer internationalen Nachrichtenagentur genannt wurde.
Jan Wifstrand, Chefredakteur der liberalen Zeitung "Dagens Nyheter" sieht im weitgehenden schwedischen Öffentlichkeitsprinzip kein Problem für den Persönlichkeitsschutz: "Das ist im Prinzip schon ein sehr gutes System für die Öffentlichkeit. Wir haben es in diesem Fall auch verantwortungsvoll eingesetzt." Sein Blatt war dann das erste schwedische Medium, das den Namen des zweiten Hauptverdächtigen mitsamt des von den Behörden gelieferten Passbildes im Internet veröffentlichte.
Dabei, so Wifstrand weiter, zahle sein Blatt grundsätzlich kein Geld an Polizeibeamte, wie dies den beiden Boulevardblättern "Aftonbladet" und "Expressen" in großem Stil zugeschrieben wird. Obwohl Fahndungschef Leif Jennekvist und Staatsanwältin Agneta Blidberg über weite Strecken eine komplette Informationssperre verhängten, konnten beide Zeitungen detailliert und meistens zutreffend aus der Polizeizentrale berichten. Dass schlecht bezahlte Fahnder sich hier ein Zubrot verdienen, gilt in Stockholm als offenes Geheimnis.
Der Journalist, Krimi-Autor und Präsident des schwedischen Publizistenklubs, Jan Guillou, schrieb kurz vor der Freilassung des ersten Hauptverdächtigen in "Aftonbladet": "Sollte der 35-Jährige sich als unschuldig erweisen, hätte ein große Anzahl von Zeitungen alle Rekorde in Sachen Verleumdung geschlagen." Der frühere Presse-Ombudsmann Hans-Gunnar Axberger sieht für etwaige Wünsche des Opfers nach Wiedergutmachung ein erhebliches Problem: "Wenn er da etwas unternehmen will, muss er öffentlich auftreten und seine Identität endgültig preisgeben.
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