Rede an Stanford-Universität: Merkels Kriegserklärung
VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 16.04.2010 - 07:29San Francisco (RPO). Am letzten Tag ihrer USA-Reise besuchte die Kanzlerin High-Tech-Firmen in San Francisco und sprach vor 600 Studenten an der Stanford Universität in San Francisco. Im Vordergrund stand indes der Tod von vier deutschen Soldaten in Afghanistan. Leidenschaftlich versuchte Merkel den Einsatz am Hindukusch zu rechtfertigen.
Afghanistan war das Thema des Tages in Kalifornien. Am letzten Tag ihrer USA-Reise hatte Kanzlerin Merkel Firmenbesuche (Bayer, SAP) und eine Rede an der traditionellen Stanford-Universität geplant. Es sollte um Forschungsförderung gehen, um Wissensaustausch.
Doch der Tod von vier deutschen Soldaten in Afghanistan lag wie Blei über den Auftritten der Kanzlerin. Kanzleramtsminister Ronald Pofalla hatte seine Chefin die Nachricht am frühen Donnerstagmorgen überbracht. Merkel war schockiert, telefonierte mit Außenminister Westerwelle und Verteidigungsminister Guttenberg.
In einer ersten Stellungnahme drückte sie den Angehörigen der „gefallenen“ Soldaten ihr Mitleid aus. Dabei sollte es nicht bleiben. Es schien, als habe die deutsche Regierungschefin, die in den vergangenen Jahren wie so viele andere Politiker auch den Kriegseinsatz am Hindukusch verharmlost hatten und eher selten über die Bedingungen der Truppen vor Ort sprechen wollten, ein neues Thema gefunden.
Ihre Rede vor 600 Studierenden an der Elite-Uni Stanford veränderte sie kurzfristig und warb nachdrücklich um Unterstützung für den Einsatz. „Sicherheit ist die Voraussetzung dafür, dass wir in Freiheit leben“, sagte Merkel. Sie stehe „ganz bewusst hinter dem Einsatz“, damit er Afghanistan stabilisiere, bis es für seine eigene Sicherheit sorgen kann.
Merkel hatte ihre Rede an der 1891 gegründeten Universität an der Westküste schon länger geplant und unter das Motto „Globale Führung in Partnerschaft“ gestellt. Nun nutzte sie den Besuch an der Uni, um eine weltweite Allianz der Staaten und Kulturen gegen die Gefahren des 21. Jahrhunderts einzufordern.
Die in der Heimat aufbrechende Debatte über den Sinn des Einsatzes konterte Merkel mit einem Appell an die gemeinsame Verantwortung der westlichen Staatengemeinschaft und der Erinnerung an die Terror-Anschläge, die zu dem Einsatz erst geführt hatten. Sie verstehe die Zweifel, so Merkel. Doch gehe es auch um die Sicherheit Deutschlands.
Die Soldaten benötigten den Rückhalt der Deutschen. Zuvor hatte der deutschstämmige frühere Stanford-Präsident Gerhard Casper, wie Merkel gebürtig aus Hamburg, zu einer Gedenkminute für die deutschen Soldaten aufgefordert. In ihrer 25-minütigen Rede forderte Merkel die Staatengemeinschaft zu mehr Kooperation und Toleranz auf, sprach von der „Würde des Unterschieds“, die zwischen den Kulturen gewahrt bleiben müsse.
„Wir teilen die Verantwortung im 21. Jahrhundert, weil wir wissen, dass bei der Bewältigung der globalen Herausforderungen nur ein gemeinsames Herangehen eine Chance auf Erfolg in sich birgt“, sagte Merkel. Als Beispiele nannte sie neben dem Kampf gegen den Terror auch den Klimawandel und die Bewältigung der Finanzkrise.
Mit aufstrebenden Ländern wie China, Brasilien und Indien müsse verstärkt zusammengearbeitet werden. Nur kurz ging die promovierte Physikerin auf den Forschungs- und Wissensaustausch ein, lobte Deutschland als Ideen- und Erfinderland („Wir haben den Computer erfunden, auch wenn ihre Computerindustrie mehr Geld damit macht“).
Zum Schluss begeisterte Merkel die Studenten mit einem auf Englisch vorgetragenen Plädoyer für die Freiheit, erinnernd an „schmerzhafte Jahrzehnte der Trennung“ in der DDR und den Wunsch, einmal Kalifornien und die USA zu besuchen. „Die Luft der Freiheit weht“, zitierte sie den deutschen Humanisten Ulrich von Hutten, der auch das Motto der Stanford-Universität ziert. Stehende Ovationen für Merkel. Für eine Sekunde war Afghanistan vergessen.
Auf ihrem Rückweg wird die Maschine Merkels voraussichtlich umgeleitet. Wegen der Aschewolke nach dem Vulkanausbruch auf Island reist die Kanzlerin ohnehin bereits mit Verspätung.
Unterdessen wurde bekannt, dass die am Donnerstag in Nordafghanistan gefallenen vier Bundeswehrsoldaten aus Süddeutschland stammen. Wie das Verteidigungsministerium am Freitag in Berlin mitteilte, handelt es sich um einen 24-jährigen Stabsunteroffizier und einen 32-jährigen Hauptfeldwebel aus dem Standort Ingolstadt sowie um einen 38-jährigen Major aus Weiden in der Oberpfalz und einen 33-jährigen Oberstabsarzt aus Ulm.
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