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Kanzlerin sprach vor Generalversammlung: Merkels UNO-Rede im Wortlaut

zuletzt aktualisiert: 26.09.2007 - 02:30

New York (RPO). Bundeskanzlerin Angela Merkel hat als erste CDU-Kanzlerin vor der UNO-Generalversammlung in New York gesprochen. Hier lesen Sie ihre Rede im Wortlaut.

Herr Präsident!
Meine Damen und Herren!

Ich gratuliere Ihnen, Herr Präsident, zu Ihrer Wahl zum Vorsitzenden dieser 62. Generalversammlung und wünsche Ihnen viel Erfolg. Gleichzeitig danke ich der scheidenden Präsidentin für ihre engagierte Arbeit. Den Ausführungen der EU-Präsidentschaft schließe ich mich mit voller Unterstützung an.

Meine Damen und Herren, wir leben in einer Zeit mit gewaltigen Umbrüchen. Großartige Perspekti-ven stehen dicht neben erheblichen Risiken. Das Gefüge der Welt verän-dert sich. Die Vernetzung von Staaten, Wirtschaft und Gesellschaften er-reicht ein bisher unbekanntes Maß. Das nennen wir Globalisierung.

Das Gute an dieser Entwicklung ist: Der Wohlstand nimmt zu. Immer mehr Menschen befreien sich aus der Armut. Das Herausfordernde an der Entwicklung ist: Nicht alle haben ihren fairen Anteil am Wohlstand. Es gibt große Ungleichgewichte. Deshalb brauchen wir über die Nationalgrenzen hinweg ein globales Bewusstsein für unsere gemeinsame Verant-wortung, um die zentralen Herausforderungen unserer Welt lösen zu kön-nen.

Eine solche zentrale Herausforderung für die Menschheit heute ist ohne Zweifel der Wandel unseres Klimas. Ich begrüße es daher sehr, dass Sie, Herr Präsident, die diesjährige Generalversammlung unter dieses Thema gestellt haben. Nie zuvor war das Einverständnis unter Wissenschaftlern so groß, die Faktenlage so eindeutig, der Handlungsbedarf so unbestritten. Jedes Land ist von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Keines kann ihn allein bewältigen. Nicht zu handeln, das würde immense Kosten und neue weltweite Konflikte verursachen.

Für unser Vorgehen bedeutet das ganz konkret: Jeder Beitrag einzelner oder von Gruppen von Staaten ist willkommen. Aber ich füge ausdrücklich hinzu: Derartige Beiträge können nur Ergänzung, sie können niemals Er-satz für ein Post-Kyoto Abkommen unter dem Dach der Vereinten Natio-nen sein. Von dieser VN-Generalversammlung muss deshalb das Signal für den dazu nötigen nächsten Schritt ausgehen, und der ist die Klima-Konferenz in Bali. Dort müssen die Umweltminister einen klaren Fahrplan vereinbaren, damit die Verhandlungen bis 2009 erfolgreich abgeschlossen werden können.

Drei Elemente sind zentral:
• Eine gemeinsame Verständigung über den Umfang der Emissions- minderung.
• eine gemeinsame Verständigung auf faire nationale Beiträge und
• eine gemeinsame Verständigung über die Instrumente, die wir an-wenden, um Klimaschutz und wirtschaftliches Wachstum gleichermaßen zu erreichen.

Die Größenordnung des Handlungsbedarfs zeichnet sich immer klarer ab. Wir brauchen bis zur Mitte des Jahrhunderts mindestens eine Halbierung der globalen Emissionen. Dafür gibt es eine klare Leitlinie: Sie ist das Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeit.

Für die Industrieländer bedeutet dies ambitionierte absolute Reduktions-ziele. Die Europäische Union hat unter deutschem Vorsitz weitreichende Zielmarken bis 2020 beschlossen. Alle Industrieländer müssen ihre Emis-sionen pro Kopf drastisch verringern.

Für die Schwellenländer geht es zunächst darum, ihr Wirtschaftswachstum von den Emissionen zu entkoppeln. Langfristig müssen sich die Pro-Kopf-Werte der Industrie- und der Schwellenländer auf dem Niveau des welt-weiten Klimaschutzziels angleichen.

Ein derartiger Prozess der langfristigen Konvergenz bietet Entwicklungs-spielräume für alle. Er überfordert keinen. Und für mich steht außer Zwei-fel: Die dazu nötige Verlässlichkeit kann nur der Rahmen eines VN-Abkommens bieten.

So wird sich beim Schutz des Klimas beispielhaft erweisen, wie es um die Handlungsfähigkeit der Staatengemeinschaft im 21. Jahrhundert bestellt ist. Denn, meine Damen und Herren, wir Europäer, wir erleben es tagtäg-lich auf dem eigenen Kontinent: Für sich genommen ist jedes Land zu klein, zusammen gelingt uns vieles.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen halte ich drei Grundsätze für unser aller gemeinsame Zukunft für entscheidend.

Erstens: Wirtschaftliche Leistungskraft und soziale Verantwortung gehö-ren zusammen.

Dieser Grundsatz gilt für den Umgang der Staaten mit ihren Bürgern wie für den Umgang der Staaten untereinander. Er betont das Recht und die Freiheit zur Entfaltung jedes Einzelnen. Zugleich setzt er auf Zusammen-halt und Solidarität. Abschottung und Protektionismus erteilt er eine klare Absage.

Deshalb streben wir nach einer ausgewogenen und umfassenden Einigung im Bereich eines multilateralen Handels. Das bedeutet konkret, dass wir die Doha-Runde bald zum Erfolg bringen. Zu viel Zeit ist verstrichen. Die letzte Chance für Verhandlungen in diesem Herbst müssen wir nutzen.

Transparente Finanzmärkte und ein wirksamer Schutz des geistigen Eigen-tums gehören ebenso dazu wie rechtliche und soziale Mindeststandards. Denn ich bin überzeugt: Einen fairen Wettbewerb wird es ohne gemein-same Spielregeln nicht geben. Zusammenhalt und Solidarität werden wir nur in einer globalen Entwicklungspartnerschaft erreichen. Mit den Millennium-Zielen hat sich die Weltgemeinschaft dafür erstmals messbare Größen und Zeitvorgaben verbindlich vorgegeben. Deutschland hat sich zusammen mit seinen Partnern in der EU verpflichtet, das 0,7 Prozent-Ziel der Vereinten Nationen nicht später als 2015 zu erreichen. Zu diesen Zu-sagen stehen wir.

Dabei steht außer Frage: Echte Partnerschaft verpflichtet alle Seiten: und zwar durch einen größeren Einsatz gegen Korruption, eine bessere Regie-rungsführung und einen besseren Schutz der Menschenrechte. Besonders wollen wir Afrika unterstützen. Es gibt ermutigende Beispiele, aber leider auch schwere Rückschläge wie zum Beispiel in Zimbabwe. Wachstum und Verantwortung in der Weltwirtschaft – das ist deshalb auch der Leitgedan-ke der deutschen G8-Präsidentschaft.

Zweiter Grundsatz: Wir müssen die Handlungsfähigkeit der Vereinten Nationen stärken.

Für mich steht außer Frage: Der Ort, an dem verbindliche gemeinsame Antworten auf globale Herausforderungen gegeben werden können – das sind die Vereinten Nationen. Aber die Vereinten Nationen haben Reform-bedarf. Der trifft insbesondere den Sicherheitsrat. Er muss in vielen Kri-senfällen schnelle und allgemein verbindliche Vorschläge entwickeln. Da-zu muss er legitimiert sein. In seiner jetzigen Zusammensetzung spiegelt der Sicherheitsrat nicht mehr die Welt von heute wider. Es führt deshalb kein Weg daran vorbei, ihn den politischen Realitäten anzupassen.

Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren in der Debatte stark enga-giert. Deutschland ist bereit, auch mit der Übernahme eines ständigen Si-cherheitsratssitzes mehr Verantwortung zu übernehmen. Was wir jetzt insgesamt brauchen, das sind greifbare Ergebnisse. Wir stehen ja auch gar nicht mehr am Anfang. Der Reformprozess hat bereits Ergebnisse er-bracht, so zum Beispiel den Bericht der Hochrangigen Arbeitsgruppe im Entwicklungsbereich und die Kommission für Friedenskonsolidierung.

Aber die Zeit drängt. Denn vielfältige Krisen halten uns in Atem. Und so unterschiedlich diese Krisen auch entstanden sind, lösbar sind sie alle nur multilateral. Der Schlüssel ist Geschlossenheit und Entschlossenheit.

Dies gilt gerade auch gegenüber dem Iran. Der Iran hat in klarem Wider-spruch zu den Forderungen der IAEO und der VN sein Nuklearprogramm kontinuierlich fortgesetzt. Über die Brisanz dieses Programms sollte sich niemand Illusionen machen. Der Iran ignoriert die Resolutionen des Si-cherheitsrates. Er stößt unverhohlene Drohungen gegen Israel aus.

Machen wir uns nichts vor: Wenn der Iran in den Besitz der Atombombe käme, dann hätte das verheerende Folgen: zuerst und vor allem für die Existenz Israels, dann für die gesamte Region und schließlich – weit dar-über hinaus – für alle in Europa und der Welt, denen die Werte von Frei-heit, Demokratie und Menschenwürde etwas bedeuten. Deshalb muss ver-hindert werden, dass der Iran in den Besitz der Atombombe kommt.

Beim entschlossenen Vorgehen gegen die Provokationen des Iran darf sich die internationale Gemeinschaft nicht spalten lassen. Nicht die Welt muss Iran beweisen, dass der Iran die Atombombe baut. Iran muss die Welt ü-berzeugen, dass es die Atombombe nicht will.

Meine Damen und Herren, jeder deutsche Bundeskanzler vor mir war der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Existenz Israels verpflichtet. Zu dieser besonderen historischen Verantwortung be-kenne auch ich mich ausdrücklich. Sie ist Teil der Staatsraison meines Landes, das heißt die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundes-kanzlerin niemals verhandelbar. Und wenn das so ist, dann dürfen das auch keine leeren Worte bleiben. Deutschland setzt gemeinsam mit seinen Partnern auf eine diplomatische Lösung. Dazu wird sich Deutschland, wenn der Iran nicht einlenkt, entschieden für weitere, schärfere Sanktionen einsetzen.

Geschlossenheit und Entschlossenheit sind ebenso der Schlüssel im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, insbesondere in unserem Einsatz für Sicherheit und Stabilität in Afghanistan.

Sie sind auch für die friedliche Zukunft des Kosovo erforderlich, wo NATO und EU in besonderem Maße engagiert sind. Wir wollen eine Lö-sung im Rahmen der VN. Alle Parteien sind aufgefordert, Kompromissbe-reitschaft zu zeigen.

Nachdrücklich unterstützen wir auch die Bemühungen des Nahost-Quartetts um Frieden in der Region. Deutschland tritt entschieden für die Vision von zwei Staaten in sicheren Grenzen und in Frieden ein, für das jüdische Volk in Israel und das palästinensische in Palästina. Wir begrü-ßen, dass beide Parteien gerade auch mit Blick auf die im November statt-findenden Nahost-Konferenz ihre Gespräche mit großem Nachdruck fort-setzen.

Dritter Grundsatz: Wir müssen die gemeinsamen unverrückbaren Werte stärken.

Eine der großen Gefahren des 21. Jahrhunderts sehe ich darin, dass aus Krisen und Konflikten Kulturkämpfe werden. Das darf nicht geschehen. Deswegen werbe ich für Toleranz. Für richtig verstandene Toleranz, denn Toleranz bedeutet gerade nicht Beliebigkeit. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen können – aber das muss ein Weg innerhalb der Völkergemein-schaft sein, keiner außerhalb von ihr.

Verlassen wird dieser Weg bei massiven Menschenrechtsverletzungen wie in Darfur. Dort spielt sich eine menschliche Tragödie ab. Zu viel Zeit ist schon verstrichen. Es muss jetzt gehandelt werden. Die begangenen Verbrechen dürfen nicht ungesühnt bleiben.

Verlassen wird dieser Weg in Myanmar, wo ebenfalls die Menschenrechte seit Jahren nicht respektiert werden. Ich fordere die Regierung auf, keine Gewalt gegen die friedlichen Demonstranten anzuwenden und endlich den Weg frei zu machen für eine demokratische Zukunft des Landes.

Verlassen wird dieser Weg auch bei politischen Morden wie im Fall Hariri oder dem erneuten feigen Anschlag vor wenigen Tagen im Libanon. Das Hariri-Tribunal muss schnell seine Arbeit aufnehmen. Syrien fordere ich auf, endlich den Libanon diplomatisch anzuerkennen.

Meine Damen und Herren, ich bin zutiefst davon überzeugt: Wir müssen die Kraft aufbringen, unseren gemeinsamen Werten von Freiheit und De-mokratie immer wieder neu Geltung zu verschaffen. Dafür brauchen wir ein unverrückbares Fundament.

Wir haben dieses Fundament. Es ist die Charta der Vereinten Nationen. Sie entstand, als Europa und weite Teile der Welt in Trümmern lagen. Sie sagt in ihrem Kern: Trotz aller Abgründe und Irrwege in der Geschichte gibt es die universellen Menschenrechte. Mit anderen Worten: Es geht um die Achtung und den Schutz der Würde des einzelnen Menschen. Das ist der tiefe Grund, warum wir hier zusammentreffen und gemeinsam für die Zukunft unserer Völker arbeiten.

Deutschland wird mit all seinen Kräften dabei mithelfen. Wir freuen uns auf die fruchtbare Zusammenarbeit mit allen Partnern in den Vereinten Nationen.


 
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