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Blog "Inside USA": Mord ist Alltag

zuletzt aktualisiert: 06.08.2010 - 20:30

Die größte Tageszeitung Philadelphias, der „Inquirer“, hat keine Lust mehr, über Mord und Totschlag zu berichten. Es kommt einfach zu häufig vor.

 Foto: RPO
Foto: RPO

Vielleicht eine Meldung, mehr nicht. Vernon Lueb, Nachrichten-Chef der größten Tageszeitung in der Ostküstenmetropole, winkt ab. Der Doppel-Mord im Nordosten der Stadt findet nur auf einer hinteren Seite einen Platz. Als kleine Notiz. „Nur wenn es etwas Besonderes ist, berichten wir groß“, sagt der US-Journalist mit dem hageren Gesicht. Ist denn ein Mord nichts besonderes? „Nein“, sagt Loeb. Ein 14-jähriges Mädchen als Opfer vielleicht, oder, der Mann spricht etwas leiser, „wenn ein Weißer beteiligt ist“.

Philadelphia, Freiheitssymbol der USA (dort wurde die Loslösung von England mit der Unterzeichnung der Verfassung vollzogen) und eine der ältesten Städte der USA (1683 von 13 Auswanderern aus Krefeld gegründet), ist heute vor allem Spitzenreiter in Kriminalstatistiken.

Info

Michael Bröcker in den USA

Michael Bröcker, Leiter des Berliner Büros unsere Redaktion, ist Stipendiat des IJP (Internationale Journalisten Programme) und arbeitet zwei Monate für die drittälteste Tageszeitung in den USA, den "Philadelphia Inquirer". An dieser Stelle schreibt er über seine Erlebnisse als "Gastarbeiter" und den Alltag in einer amerikanischen Zeitungsredaktion.

Stadt der „Bruderliebe“

Mord ist buchstäblich Alltag in Philadelphia, der Stadt der „Bruderliebe“, wie Einwohner gerne aus dem Griechischen übersetzen. Pro Tag stirbt in „Philly“ statistisch gesehen ein Mensch als Opfer eines Gewaltverbrechens. Metropolen wie Los Angeles und New York sind sicherer. Oft gibt es gleich mehrere Mordopfer in wenigen Stunden, wie der Polizeireport von Donnerstag, 5. August, ausweist. 1.27 Uhr: 45-Jähriger Mann in Nord-Philadelphia mit Eispickel erstochen. 3.20 Uhr: 22-jähriger nach vier Schüssen in den Rücken im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. 4 Uhr: 26-Jährige bei Schusswechsel in Ost-Philadelphia tödlich getroffen. Da ist der Doppel-Mord von der Vorwoche schon vergessen.

Philadelphia ist, typisch USA, eine Metropole der Gegensätze. Foto: Michael Bröcker

Afro-Amerikaner sind oft Täter und Opfer

Meist sind es Afro-Amerikaner, die in den von Arbeitslosigkeit und Drogensucht geprägten Vororten zu Tätern und Opfern werden. Die offizielle Statistik des Justizministeriums besagt: Zwischen 1976 and 2008 ging jeder zweite Mord auf das Konto eines Schwarzen, obwohl die Afro-Amerikaner nur 13 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. 46 Prozent der Opfer gehörten ebenfalls der „black community“ an. Von Aufstiegschancen, gar Integration, ist in der US-Großstadt wenig zu sehen.

Das Rathaus ist ebenso fest in der Hand der Weißen wie die Tageszeitung. Die zahlreichen Korruptionsskandale und rassistischen Übergriffe der Polizei in Philadelphia haben das Miteinander nicht befördert. So werden Neuankömmlinge mit der obligatorischen Stadtkarte unter dem Arm zunächst von Ortskundigen einem Geografie-Training unterzogen. Ein paar Kugelschreiber-Striche im Osten, Norden und im Süden - und die Gegenden, die Fremde lieber meiden sollten, sind mit dicken Kreuzen gebrandmarkt. Was bleibt? „Am besten nur in der Stadtmitte aufhalten“, sagt die Vermieterin.

„Tagsüber.“

Quelle: csi

 
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