| 19.22 Uhr

Nato sichert Türkei Solidarität zu
USA bestätigen türkische Version des Kampfjet-Abschusses

Türkei schießt russisches Flugzeug ab
Brüssel . Während die USA am Nachmittag bestätigten, dass die türkischen Kampfpiloten den russischen Kampfjet vor dem Abschuss am Vormittag zehn Mal gewarnt hätten, hat die Nato nach dem Abschuss am Nachmittag ein Krisentreffen abgehalten.

Die Nato-Staaten haben dem Bündnispartner Türkei nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im türkisch-syrischen Grenzgebiet ihre Solidarität zugesichert. Gleichzeitig warnten sie allerdings vor einer weiteren Zuspitzung der Lage. "Ich rufe zu Ruhe und zu Deeskalation auf", sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstagabend nach einer von der Türkei beantragten Sondersitzung des Nato-Rates in Brüssel. In ihm sitzen Vertreter aller 28 Bündnisstaaten.

Erkenntnisse der Nato deuten darauf hin, dass das von der Türkei abgeschossene russische Kampfflugzeug zuvor tatsächlich den türkischen Luftraum verletzt hat. "Die Informationen, die wir von anderen Alliierten haben, stimmen mit dem überein, was wir von der Türkei bekommen haben", sagte Stoltenberg weiter.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist derweil mit Regierungs- und Sicherheitsexperten zusammengekommen. Er sprach am Dienstag mit Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sowie den Chefs von Militär und Geheimdienst.

Nach dem Treffen hat Erdogan das Recht seines Landes zur Verteidigung seiner Grenzen unterstrichen. Jeder müsse dieses Recht respektieren, betonte Erdogan am Dienstagabend. Der Staatschef sagte, zwei russische Flugzeuge hätten türkischen Luftraum verletzt. Davon sei eines abgeschossen worden. Erdogan erhielt daraufhin Beifall der Zuhörer, die sich zu einem Empfang zum Tag des Lehrers in Ankara versammelt hatten.

Russland hat den Abschuss als "feindselige Handlung" verurteilt. "Das ist absolut unerklärlich", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag in Moskau. Präsident Wladimir Putin "hat nicht über irgendwelche militärischen Folgen gesprochen", betonte Peskow. "Trotzdem ist es klar, dass es unausweichlich Folgen geben muss." Für die Behauptung, die Suchoi Su-24 habe den türkischen Luftraum verletzt, habe Ankara keine Beweise präsentiert, sagte der enge Vertraute von Kremlchef Putin. Über das Schicksal der russischen Piloten sei ihm nichts bekannt. Russland sei gespannt auf die Ergebnisse der für Dienstagabend angekündigten Nato-Sondersitzung - einschließlich der Reaktion auf die "Provokation der türkischen Seite".

Vizekanzler Sigmar Gabriel hat das Agieren Ankaras in der Syrien-Krise scharf kritisiert. "Erstmal zeigt der Zwischenfall, dass wir einen Spieler dabei haben, der nach Aussage von verschiedenen Teilen der Region unkalkulierbar ist: Das ist die Türkei und damit nicht die Russen", sagte der SPD-Chef am Dienstag bei einer Politikkonferenz der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Dass die Russen jetzt die Konfrontation auslösen durch die Verletzung des Luftraums darf einen ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Türkei dort in diesem Konflikt eine schwierige Rolle spielt."

Großbritanniens Premierminister David Cameron hat unterdessen die türkische Regierung aufgefordert, die unmittelbare Kommunikation mit dem Kreml aufrecht zu erhalten. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu habe Cameron angerufen und ihm gesagt, dass das Flugzeug "mehrmals" gewarnt worden sei, teilte die Downing Street am Dienstag in London mit. Cameron habe seinen Amtskollegen gebeten, durch Gespräche eine weitere Eskalation zu verhindern, hieß es weiter.

Aus der Ukraine kommt Lob für die Führung in Ankara. Die türkische Luftwaffe habe sich professionell und wie andere zivilisierte Länder verhalten, sagte Alexander Turtschinow, Sekretär des Sicherheitsrats, am Dienstag.

Derweil hat das US-Militär die Darstellung des Nato-Verbündeten Türkei untermauert. Das türkische Militär habe den russischen Bomber zehn Mal wegen der Verletzung des türkischen Luftraums gewarnt und keine Antwort bekommen, erklärte Pentagon-Sprecher Steve Warren am Dienstag. Das US-Militär habe die Kommunikation über Funk mitverfolgen können. "Wir konnten alles hören, was passiert ist", sagte Warren.

Nach Ansicht von US-Präsident Barack Obama darf der Vorfall nicht zu einer Eskalation führen. Zugleich sagte er am Dienstag, die Türkei habe das Recht, ihr Territorium zu verteidigen.

Turkmenen attackiert

Angeblich soll das russische Flugzeug vor dem Abschuss turkmenische Kämpfer bombardiert haben. Ein Kämpfer, der sich Alpaslan Celik nannte und als Vizekommandeur der turkmenischen Küstendivision vorstellte, sagte der privaten türkischen Nachrichtenagentur Dogan am Dienstag, die russische Militärmaschine habe eine Bombe abgeworfen und sei dann in türkischen Luftraum eingedrungen.

Nachdem das Flugzeug abgeschossen wurde, hätten seine Kämpfer die beiden Piloten getötet, die mit Fallschirmen abgesprungen seien. Die Nachrichtenagentur AP konnte den Tod beider Piloten nicht überprüfen. Während Celik in der Region mit türkischen Journalisten sprach, waren im Hintergrund Kämpfer zu sehen, die "Allahu Akbar" ("Gott ist groß")
riefen und mit Maschinenpistolen in die Luft schossen.

Nach Angaben aus türkischen Regierungskreisen sind die Piloten allerdings vermutlich noch am Leben. Offenbar seien sie in der Gewalt syrischer Aufständischer, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag von einem Insider. "Unsere Leute arbeiten daran, sie wohlbehalten von den Rebellen überstellt zu bekommen."

In diesem Zusammenhang ist ein russischer Hubschrauber während der Suche nach der Mannschaft des abgeschossenen Kampfjets selbst vom Himmel geholt worden. Russische Militärsprecher bestätigten am Dienstag, dass der Helikopter in Syrien von Rebellen abgeschossen worden und ein Crewmitglied getötet worden sei. Der Hubschrauber hatte nach dem russischen Kampfjet gesucht, der am Dienstag von der Türkei abgeschossen worden war.

Syrien wirft Türkei Luftraumverletzung vor

Unterdessen hat das Regime in Damaskus der Türkei eine Verletzung ihrer Souveränität vorgeworfen. Die Türkei habe über syrischem Boden ein befreundetes russisches Flugzeug abgeschossen, das von einem Einsatz gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zurückgekehrt sei, zitierte die staatliche Nachrichtenagentur Sana am Dienstag eine nicht näher genannte Armeequelle. Die türkische Regierung stehe an der Seite des Terrorismus und unterstütze ihn in jeder Form, hieß es weiter. Die "verzweifelten feindlichen Handlungen" würden aber Syriens Entschlossenheit steigern, den Kampf gegen Terrororganisationen fortzusetzen.

Das türkische Militär hatte mitgeteilt, die Maschine sei am Dienstag in türkischen Luftraum eingedrungen und habe mehrere Warnungen ignoriert, deshalb sei der Abschussbefehl erteilt worden. Das russische Verteidigungsministerium betonte hingegen, das Flugzeug sei in Syrien im Einsatz gewesen und habe die Grenze zur Türkei nicht überquert.

(felt/ap/dpa/REU/AFP)
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