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Türkischer Ärger über NDR-Satire
"Erdowie, Erdowo, Erdogan" kommt an

Fotos: Erdogan – vom Häftling zum Ministerpräsidenten
Fotos: Erdogan – vom Häftling zum Ministerpräsidenten FOTO: AP
Meinung | Berlin. Angesichts des Trümmerhaufens seiner Politik wirkt es verständlich, dass der türkische Staatschef gereizt auf Satire in Deutschland reagiert. Im Grunde ist diese Satire aber noch untertrieben. Von Gregor Mayntz

Die "extra 3"-Redaktion des NDR hat allen Grund, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan (62) zum Mitarbeiter des Monats zu küren. Mit seiner Kritik an der Erdogan-Satire auf die Melodie des Nena-Songs "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" ("Erdowie, Erdowo, Erdogan") dürfte er dafür gesorgt haben, dass die Klickraten des Beitrags im Internet durch die Decke schießen.

Indem er wegen einer zweiminütigen Satire in der Spätschleife des öffentlichen Fernsehens in Deutschland den deutschen Botschafter Martin Erdmann zu einem längeren Gespräch ins Außenministerium zitieren ließ, bestätigte er indirekt auf beklemmende Weise eine Zeile aus dem Beitrag: "Ein Journalist, der was verfasst, das Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast." Gut, dass Erdmann kein Journalist ist und der Beitrag nicht von ihm.

Ärger des türkischen Präsidenten über Diplomaten bei Prozess

Denn nicht nur mit der Pressefreiheit, auch mit den Diplomatenrechten scheint es Erdogan nicht so genau zu nehmen. Tönte er doch empört über einen demonstrativen Besuch mehrere westlicher Botschafter eines Prozesses gegen zwei türkische Journalisten, die Diplomaten dürften sich nur in ihren Konsulaten frei bewegen, für alles andere bräuchten sie eine Genehmigung. Völliger Blödsinn. Das Wiener Übereinkommen garantiert allen Diplomaten völlige Bewegungsfreiheit.

Wer so eklatant Grundprinzipien in Abrede stellt, für den ist es auch nicht absurd, dem Botschafter eines Landes mit Kunst- und Pressefreiheit wegen eines satirischen Beitrages von Journalisten offiziellen Protest zu übermitteln. Schon lange ist bekannt, wie empfindlich Erdogan auf Kritik an seiner Person reagiert, wie scharf er gegen "Präsidentenbeleidigungen" vorgeht. Dabei liefert der "Boss vom Bosporus", wie es in dem Beitrag heißt, die Anlässe zumeist selbst. Viel Satire ist gar nicht mehr dahinter, wenn "extra 3" formuliert: "Gleiche Rechte für die Fraun, die werden auch verhaun."

Die Kurden hat Erdogan nach Kräften zu schwächen gesucht

Bei dem von Erdogan auch als Nebenkläger vorangetriebenen Prozess, den auch Erdmann demonstrativ verfolgen wollte, geht es um türkische Berichte, wonach die Türkei Waffen nach Syrien geliefert haben soll. Das erklärt Erdogans wachsende Nervosität. Gerade sein abenteuerlicher Schlingerkurs in der Syrien-Frage treibt ihn immer mehr in die Enge. Offenbar will auch US-Präsident Barack Obama dem geltungssüchtigen Präsidenten den Gefallen eines persönlichen Treffens während seiner US-Reise nicht tun – sicherlich aus Verärgerung über Erdogans Kurden-Politik.

Dass nun das Assad-Regime an der Seite Russlands von Erfolg zu Erfolg eilt und nach dem verbrecherischen Krieg gegen das eigene Volk wieder im Spiel ist, darf sich auch Erdogan zuschreiben lassen, obwohl es sein erklärtes Ziel war, Assad zu stürzen, um seinem Traum einer hegemonialen Türkei in der ganzen Region näher zu kommen. Denn die von den USA gestärkten Kurden als immer wichtigere Gegenspieler des Islamischen Staates und des Assad-Regimes hat Erdogan nach Kräften zu schwächen gesucht und dabei offenbar auch den Islamischen Staat anfangs gewähren lassen.

Dabei war er es, der die Beziehungen zur kurdischen Autonomie im Nordirak auf eine vernünftige und für beide Seiten nützliche Basis stellte. Ähnliche kurdische Ansprüche in Nordsyrien waren ihm jedoch zu nah – zumal auch innerhalb der Türkei der gemäßigte Kurs der Kurden zu Wahlerfolgen führte, die wiederum Erdogans Anspruch auf absolute Macht beschränkten. Seine Entscheidung, die kurdischen Bestrebungen als Auseinandersetzung mit Terrorismus anzusehen, haben die sicherlich vorhandenen kurdischen Extremisten erst gestärkt, den Terror noch mehr ins Land geholt und der Stärkung Assads den Weg bereitet.

Die Türkei, die Flüchtlingsproblematik und die EU-Beitrittsverhandlungen

Wer vor einem solchen Scherbenhaufen steht, der mag das nicht auch noch in den Medien lesen und vorgehalten bekommen, zumindest wenn man nicht wirklich gewillt ist, bei den Verhandlungen über einen Beitritt zur EU im Kapitel über Medien und Pressefreiheit voranzukommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel kann nicht glücklich sein, in dieser für die Lösung der Flüchtlingsproblematik so entscheidenden Phase auf einen wie Erdogan zentral angewiesen zu sein.

Vermutlich hat diese Passage der "Erdowie, Erdowo, Erdogan"-Satire dem Präsidenten am wenigsten missfallen: Jene Filmsequenz des Erdogan-Merkel-Händeschüttelns, die unterlegt ist mit der Liedzeile: "Sei schön charmant, denn er hat Dich in der Hand."

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