Iranerin stirbt bei Protesten: Neda – Symbolfigur der Revolution
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 24.06.2009 - 13:25Düsseldorf (RP). Das Video der sterbenden Studentin Neda Soltani (27) auf den Straßen Teherans ist zum Sinnbild des Widerstands geworden. Im Internet verbreitet sich der Film rasant und weckt Solidarität in aller Welt.
Solidarität kennt keine Grenzen. Und so halten auch Frauen in Los Angeles mit großen Designerbrillen im Haar handliche Transparente mit der irritierenden Aufschrift "I am Neda" in die Höhe. Ihr Protest ist erregt und engagiert, sehr weit weg vom Iran und ohne jedes Risiko.
"Engel des Iran"
Doch das stört kaum jemanden, weil der Tod von Neda Soltani auf den Straßen Teherans längst zum Sinnbild geworden ist: für die Proteste gegen das Mullah-Regime und für mehr Demokratie. Mit Jeanne d'Arc vergleicht man die Tote, ein "Engel des Iran" wird sie genannt – die 27-Jährige, die Theologie studierte, Musik und Poesie liebte.
Berühmt wurde Neda Soltani aber mit keinem Lebenswerk; dazu blieb ihr keine Zeit. "Berühmt" wurde sie mit ihrem öffentlichen Sterben, das sich mit zwei kurzen Videos – vermutlich von Foto-Handys aufgenommen – in aller Welt verbreitete. Bilder indes, deren Herkunft von unabhängiger Seite bis heute nicht überprüft werden konnte und von denen das iranische Staatsfernsehen gestern behauptete, sie seien gefälscht.
Video der Sterbenden
Das Internet ist eine rasante Vervielfältigungsmaschine, aber sie kann auch ein frostiges, bisweilen zynisches Instrument der Aufklärung sein. Das kurze Video der Sterbenden – vieltausendfach angeklickt – wird von den Nutzern der Plattform Youtube derzeit mit viereinhalb Sternchen bewertet. Das ist beinahe die Höchstpunktzahl.
Neda Soltani ist auf den Pfaden des World Wide Web zur Ikone des Widerstands geworden, zu einer Ikone 2.0 gewissermaßen. Und mit jedem Klick wiederholt sich ihr schneller Tod, wiederholt sich auch unser Blick in ihre überraschten, panischen und schließlich gebrochenen Augen. Ein Sterben, das auf diese Art nicht vergehen wird.
Brückenschlag zu geheimnisvoller Wirklichkeit
Ikonen sind Abbilder, in ihren Ursprüngen Kult- und Heiligenbilder der orthodoxen Kirche. Sie sind ihrem Wesen nach also der Brückenschlag zu einer geheimnisvollen Wirklichkeit. So rätselhaft wie derzeit die Lage in Teheran, über die unabhängige Journalisten kaum berichten können. Die Ikone wird zum Ersatz für die fehlenden Informationen; sie besetzt quasi eine Leerstelle in unserer Wahrnehmung.
Die ikonographische Darstellung vom Tod der Neda Soltani vermag uns im wahrsten Sinne des Wortes wieder "ins Bild" vermeintlicher Tatsachen zu setzen. Wir, die außenstehenden Betrachter, sind es, die uns die Bilder aneignen, mit denen wir das Unbegreifliche plötzlich besser zu verstehen glauben. Ein Klick auf die Bilderfolge versetzt uns in einen Zustand der Gewissheit: Endlich, so scheint es, sind wir im Bilde über das, was sich in diesen Tagen auf den Straßen Teherans abspielt.
"Bleib bei mir, Neda, bleib bei mir"
Aber nicht jedes Bild hat das Zeug zur Ikone. Die Grausamkeit der Darstellung muss einen Rahmen finden, der über das bloß Reißerische hinausweist. In diesem Fall ist es, so wird bislang vermutet, der Vater, der neben Neda kniet, seine Hand auf die blutende Brust legt und ihr zuruft: "Bleib bei mir, Neda, bleib bei mir." Unwillkürlich schließt sich damit der Kreis zur christlichen Ikone: Der verzweifelte Ruf in Teheran klingt uns wie ein Echo oder eine Antwort auf die verzweifelten Rufe von Jesus Christus am Kreuz entgegen: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Natürlich ist das grausiger Zufall, nur eine Konstruktion des Betrachters. Aber wenn sich solche Querverbindungen einmal herstellen lassen, wird die Kraft des Bildes noch verstärkt. Wie schon beim Tod von Benno Ohnesorg bei den Studentenprotesten 1967 in Berlin. Der sterbende junge Mann in den Armen einer Passantin konnte bei aller Tragik und politischen Brisanz auch deshalb ikonografisch werden, weil das Bild unweigerlich an eine Pietà erinnerte, also an die Darstellung des toten Jesu in den Armen Marias.
Viele Foren zu Neda
Nun explodieren die vielen Foren im Internet über den Tod der jungen Frau vom vergangenen Samstag; Betroffenheits-Beiträge sonder Zahl bis hin zur kuriosen Anfrage einer Kalifornierin, die mit Gleichgesinnten so schrecklich gerne Neda-T-Shirts herstellen würde.
Aber darüber hinaus haben Ikonen immer auch Botschaften, sie haben stets einen Sinnkontext, sind in manchen Fällen Meinungsmacher. Geschichte, so hat es Walter Benjamin (1892–1940) gesehen, zerfällt in Bilder, nicht in Geschichten. Und die Bilder von Nedas Tod erzählen mit ungebrochener Kraft von Widerstand und Aufbruch, ja – auch von Jugend.
Im Persischen bedeutet Neda "Stimme"
Solche Bilder sind die subtilste Form der Geschichtsschreibung – gerade jetzt im Iran. Denn Stimmzettel können versteckt oder vernichtet werden, das Gesicht der jungen und in aller Stille schon beerdigten Frau aber bleibt. Es transportiert alles Leid und alle Ungerechtigkeit.
Dieses Bild ist beim bösesten Willen nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Auch darin liegt die Kraft der Ikone, ihre Dynamik und ihr Eigenleben – und vor allem die Gefahr für die Machthaber.
Neda könnte zum Sinnbild einer Revolution im Iran erhoben werden. Dafür steht schon ihr Name: Im Persischen bedeutet Neda "Stimme".
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