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Inside USA: New Yorks Comeback

VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 05.09.2010 - 17:21

Im „Big Apple“ regiert wieder der Optimismus. Neun Jahre nach dem Terror-Anschlag und zwei Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise an der Wall Street meldet New York einen Besucherrekord, neue Jobs und steigende Gewinne im Finanzdistrikt. Von einem ökonomisch lädierten Land hat sich die Stadt abgekapselt. Für aufgeregte Debatten über Moscheen bleibt da keine Zeit.

Trommeln gegen die Moschee

Nur mühsam kann sich ein Häuflein Demonstranten an der berühmtesten Baustelle New Yorks Gehör verschaffen. Mit Tröten, Trommeln und provozierenden Plakaten - Muslime mit einer Lunte im Turban beispielsweise - wettern Mitglieder der "Amerikanischen Initiative zur Verteidigung der Freiheit" gegen den geplanten Moscheebau in der Nähe von "Ground Zero". Nullpunkt, so nennen New Yorker jenen Ort im Süden Manhattans, an dem Islamisten vor nunmehr neun Jahren gekaperte Passagierjets in die Türme des World Trade Centers dirigierten und mehr als 3000 Menschen töteten. Es war der größte Angriff auf US-Boden seit dem japanischen Militärschlag gegen den Stützpunkt Pearl Harbor im Zweiten Weltkrieg.

Info
Michael Bröcker, Leiter des Berliner Büros unserer Redaktion, ist Stipendiat des IJP (Internationales Journalisten Programme) und arbeitet zwei Monate für die drittälteste Tageszeitung in den USA, den "Philadelphia Inquirer". An dieser Stelle schreibt er über seine Erlebnisse als "Gastarbeiter" und den Alltag in einer amerikanischen Zeitungsredaktion.

Nun umfasst die steinerne Vergangenheitsbewältigung bereits zehn Stockwerke. Das Hauptgebäude des neuen World Trade Center wächst rasant, Ende 2012 könnte der 541 Meter hohe Wolkenkratzer stehen. Kräne und Gerüste überdecken auf dem 16-Hektar-Gelände die Spuren des Terrors. Für die Moscheen-Kritiker vor dem Bauzaun interessiert sich kaum einer. Passanten in dunklen Anzügen, einen Kaffee im Pappbecher in der Hand, hasten achtlos vorbei. "In Manhattan leben Menschen aus hunderten Nationen. Warum sollte uns eine weitere Moschee aufregen?", sagt Steven Grosswick, Inhaber einer kleinen Bar in Sichtweite der Baustelle. Zwar finden laut einer aktuellen Umfrage zwei Drittel der Bewohner eine Moschee am "Ground Zero" unpassend, doch generell haben die New Yorker nichts gegen einen neuen Gebetsraum für Muslime.

 Foto: RPO
Foto: RPO

Ladies Night statt Anti-Islam

"Die Aufregung über die Moschee ist überzogen und politisch motiviert. Sie geht an den New Yorkern weitgehend vorbei", sagt Christian Salewski. Der deutsche Journalist arbeitet für das investigative Redaktionsbüro Pro Publica in Nachbarschaft zur World-Trade-Center-Baustelle. "Die New Yorker sind zu stolz, als dass sie sich von einer Anti-Islam-Stimmung vereinnahmen lassen", sagt er.

Die Gesprächsthemen in den Kneipen rund um die Wall Street sind denn auch banaler. Mal geht es um den Preisanstieg für Zigaretten (inzwischen 8,30 Euro), mal um eine Klage eines männlichen New Yorkers gegen zwei Nachtklubs. Die "Ladies Nights" mit verbilligten Getränken für die weibliche Kundschaft seien diskriminierend, klagte der trinkfeste Mann, was die Richter allerdings ablehnten. "Meistens geht es sowieso ums Geschäft", sagt Grosswick.

Boom in der Geburtsstadt der Finanzkrise

New York erlebt in diesen Tagen ein erstaunliches wirtschaftliches Comeback. Während der Rest der Nation in einer wirtschaftlich deprimierenden Lage steckt, boomt ausgerechnet die Geburtsstadt der Finanzkrise. New York meldet mehr Jobs, steigende Immobilienpreise, Besucherrekorde und ein Aufblühen der Finanzindustrie. Die Investmentbank Goldman Sachs erzielte im laufenden Jahr einen Gewinn von 20 Millionen Euro – pro Tag. Laut US-Medienberichten räumten neulich führende Mitarbeiter der Bank ein, dass die Finanzmarktreformen von US-Präsident Obama keinen Effekt auf die Goldman-Gewinne haben werde. Krise? War da was? Die Sonderzahlungen an Wall-Street-Banker nähern sich ebenfalls dem alten Niveau. Die Boni steigen dieses Jahr um 15 Prozent, hat die Beratungsfirma Johnson Associates errechnet.

"Das große Geld gewinnt wieder", kommentierte das US-Magazin "Newsweek" nüchtern. Der New Yorker Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini spricht in Anlehnung an den berüchtigten Hollywood-Banker aus dem Film "Wall Street" schon von der "Wiedergeburt des Gordon Gekko".

24 Millionen Besucher - und Merkel

Und New York zieht an. 24 Millionen Besucher kamen im ersten Halbjahr 2010 in die Stadt – Rekord. 34.000 Jobs sind in zwölf Monaten alleine in der Tourismus- und Hotelindustrie entstanden. "Die Stadt hat nichts von ihrer Attraktivität verloren, im Gegenteil", sagt Christoph Schmidinger, österreichischstämmiger Manager des Nobelhotels "Four Seasons".

Abnutzungserscheinungen kennt New York offenbar nicht. Die Stadt ist "in", schon seit Jahrzehnten. Auch wenn sie im Vergleich zu angesagten Städten wie Buenos Aires, Singapore oder Berlin manchmal wie ein altbackenes, lärmendes Monument aus dem Amerika der 1980er-Jahre wirkt. "New York ist ansteckend, vielfältig, inspirierend. Jeden Tag neu", sagt Schmidinger, der seit sechs Jahren in der Stadt lebt. Dass sich die Rastlosigkeit der Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole so gar nicht mit der Sehnsucht nach Entschleunigung verträgt, irritiert ihn nicht. "Es stimmt. Ab und zu muss man mal raus aus der Stadt", sagt er. "Aber nicht zu lange." Ein zweistelliges Plus erwartet die Hotelbranche für dieses Jahr, vor allem Geschäftsreisende. "New York ist die Business-Hauptstadt der Welt", sagt Schmidinger.

Vom 19. bis 22. September übernimmt die Politik das Zepter. Fast 100 Staats- und Regierungschefs haben sich zur Generalversammlung der Vereinten Nationen angekündigt. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt. Der Glanz New Yorks tat der deutschen Regierungschefin schon einmal gut. Bei ihrer letzten Reise 2007 wurde sie in New York zur "Welt-Staatsfrau" gekürt.


 
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