Asienreise: Obama besucht Supermacht China
VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 12.11.2009 - 16:12Washington (RP). Wenn US-Präsident Barack Obama am Donnerstag nach Asien reist, wird sich fast alles um "Chimerica" drehen, die Mischung aus Partnerschaft und Rivalität, die das Verhältnis zu China prägt. Obama setzt stärker als seine Vorgänger darauf, das Land einzubinden. Menschenrechte dürften nur am Rande eine Rolle spielen.
Neulich in Pittsburgh, am Rande des G 20-Gipfels. Die Delegation Chinas lädt zu einer Pressekonferenz, auf einen Tisch hat jemand noch schnell einen Stapel Bücher gelegt. Bücher mit konfuzianischen Lebensweisheiten. Die Botschaft: Liebe Gastgeber, sehr verehrte Amerikaner, wir sind nicht mehr eure Lehrlinge. Lernt lieber von uns!
Auf seiner Asienreise, die am Donnerstag beginnt, wird Barack Obama auch China besuchen. Es passt zu seinem versöhnlichen Stil, dass er gern eine Lebensweisheit aus dem Reich der Mitte zitiert. Sie stammt von Yao Ming, einem Basketballriesen, der bei den Houston Rockets in Texas unter Vertrag steht. "Egal, ob du neu oder alt bist in deiner Mannschaft, du brauchst Zeit, um dich an den anderen zu gewöhnen, ob er nun der Neue ist oder der Alte."
Elegant beschreibt der US-Präsident mit den Worten des Sportlers eine Beziehung, in der es holpert und kriselt, die aber zu wichtig ist, um sie scheitern zu lassen. Einerseits decken sich Interessen. Andererseits fürchtet Amerika den aufstrebenden Konkurrenten, die potenzielle neue Supermacht, die die Kreise der alten empfindlich stören kann.
Von Natur aus Pragmatiker, setzt Obama stärker als alle seine Vorgänger darauf, China einzubinden. Unter seiner Regie hat man ein jährliches Forum ins Leben gerufen. Der Respekt vor Peking geht so weit, dass Kolumnisten gern das Bild von den G 2 bemühen. Zwei Große, die den Rest der G 20-Runde zu Statisten degradieren. Die Ideengeber im "Center for Strategic and International Studies" in Washington rieten bereits vor zwei Jahren zu einer psychologischen Wende. Man müsse eine "neue Geschichte" erzählen und China so taktvoll behandeln, wie es seiner Stärke entspreche. Obama ist der Erste im Oval Office, der den Rat wirklich annimmt – diktiert von der Realität.
Aus keinem anderen Land importieren die USA so viel wie aus China, bei keinem anderen Land stehen sie so stark in der Kreide. Seit dem Finanzkrisenherbst 2008 besitzt China, nicht mehr Japan, die meisten US-Staatsanleihen, Papiere im Wert von rund 800 Milliarden Dollar. Der Gläubiger denkt immer mal wieder laut darüber nach, ob der Dollar noch Leitwährung sein kann. Doch er hat nicht das geringste Interesse, dass sein Schuldner an Kreditwürdigkeit einbüßt oder zahlungsunfähig wird. Niall Ferguson, ein Harvard-Historiker, spricht von einer Symbiose, von "Chimerica": zwei Volkswirtschaften, die aufs Engste verzahnt sind.
Was "Chimerica" in der Tagespolitik bedeutet, wird Woche für Woche sichtbar. Aus Rücksicht auf den Partner fand Obama keine Zeit für den Dalai Lama. Obama braucht Chinas Staatsoberhaupt Hu Jintao, will er akute Konflikte entschärfen. Im Atomstreit mit Nordkorea ist der Chinese ein zentraler Vermittler. Im Atompoker mit Iran soll er schärfere Sanktionen mittragen. Noch vor den USA ist China der größte Verursacher von Treibhausgasen; beide zusammen erzeugen 40 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen. Unter europäischen Politikern geht die Angst um, dass sich beide auf so bescheidene Klimaziele einigen, dass die Kopenhagener Konferenz im Dezember zum Fiasko wird.
Gleichwohl mehren sich die Anzeichen, dass die Annäherung nicht von Dauer sein muss. Verunsicherung macht sich breit, speziell bei konservativen Zeitgenossen, die Obamas Ansatz der "soft power" misstrauen. Im Pentagon nennt man die Volksrepublik das neue Preußen, weil sie so schnell aufrüstet, dass US-Generäle um ihre militärische Dominanz in Ostasien bangen.
Die Zukunft Amerikas, orakelte einmal ein Präsident im Oval Office, werde nicht am Atlantik bestimmt, sondern "mehr durch unsere Position im Pazifik, mit Blick auf China". Die Prognose stammt von Theodore Roosevelt. Obama greift sie auf und fügt ihr sein eigenes Credo hinzu: "Wenn Nationen nach Macht streben, darf man das nicht länger als Nullsummenspiel sehen." Was China nütze, nütze Amerika. Und umgekehrt.
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