Blog "Inside USA": Obama hat keine "Zeit" mehr
VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 04.08.2010 - 09:47POTUS schaut nicht mehr auf Berlin. US-Präsident Barack Obama, im abkürzungssüchtigen Behördenamerikanisch kurz POTUS (President of the US) genannt, hat die Wanduhr mit der Ortszeit der deutschen Hauptstadt aus dem wohl geheimnisvollsten Ort der amerikanischen Politik entfernen lassen.
Es geht um den beschönigend als Situationsraum („situation room“) bezeichneten Teil im Westflügel des Weißen Hauses. Das dazugehörige, abhörsichere Konferenzzimmer ("War Room") gehört in US-Filmen oft zum legendenumrankten Mythos der Machthaber. Kampfbereite Generäle und forsche US-Präsidenten sitzen dann in tiefen, schwarzen Sesseln an einem schweren Holztisch und geben tödliche Befehle für militärische Geheimoperationen in aller Welt. Dass der Raum existiert, ist inzwischen bekannt. Ex-Präsident George W. Bush hatte das angestaubte Kommunikationszentrum 2007 zu einer Kommandozentrale 2.0 umfunktionieren lassen, inklusive Deckensensoren, die in weitem Umfeld unregistrierte Handys ausspähen und sofort Alarm auslösen. Ausgewählten US-Journalisten zeigte Bush, damals im Zentrum des Irak-Kriegs und in der Kritik, das Heiligtum der US-Regierung. Angelegt hatte das Areal (eigentlich sind es mehrere Räume, die zusammen etwa 250 Quadratmeter ergeben) Ex-Präsident John F. Kennedy in der Kuba-Krise in den 1960er Jahren.
Noch kein Präsident hatte sich indes an die holzbraunen Wanduhren gewagt, die als nostalgisches Symbol einer globalisierten Politik im Nebenraum des Konferenzzimmers die Ortszeiten der wichtigsten Städte der Welt zeigen. Nun haben Obama und seine Berater die Berliner Zeit entfernen lassen, wie der Chefredakteur der „Washington Post“, Marcus Brauchli, neulich bei einem Empfang in der deutschen Botschaft in Washington verriet. Kunduz, Neu-Delhi und Singapur sind für Berlin an die Wand gerückt.
Ein Symbol für das Ende der transatlantischen Beziehungen ist Obamas unbemerkte Entscheidung zwar nicht. Beleg für eine veränderte Rolle Deutschlands indes schon. „Der politische Fokus der USA hat sich längst verschoben, Richtung Mittlerer Osten und Asien“, sagt Brauchli, der als Sohn eines Schweizers ein für Amerikaner überaus großes Interesse an Europa hat. Deutschland müsse sich stärker denn je in internationale Debatten und Konfliktlösungsmechanismen einbringen, um in Washington gehört zu werden. JD Bindenagel, früherer US-Botschafter in Bonn und heute Professor für Internationale Beziehungen an der De Paul Universität in Chicago, stimmt zu. „Deutschland war im Kalten Krieg geografisches Zentrum der internationalen Politik. Das ist vorbei“, sagt er. Trotz des aufopferungsvollen Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan. Die Anekdote passt zudem in die Politik der Obama-Administration. Der in Deutschland so umjubelte Amerikaner hatte sich wegen seiner asiatischen Wurzeln früh als erster „pazifischer Präsident“ bezeichnet. Geboren auf Hawaii, aufgewachsen in Indonesien, ist Manila Obama näher als Berlin. Europa und Deutschland sind wichtig, aber sie werden relativ unwichtiger.
Die Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls sagte Obama im vergangenen Jahr wegen einer Asienreise ab. Und wenn der amerikanische Präsident Bundeskanzlerin Merkel sprechen will, bittet er inzwischen oft Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Englands Premier, seit neuestem David Cameron, zur Videokonferenz dazu. Das sei effizienter, heißt es auf beiden Seiten des Atlantiks. Auf Wunsch der Amerikaner versteht sich. Für Chinas Staatspräsident Hu Jintao gilt bei Obama allerdings weiterhin das Vier-Augen-Prinzip.
Michael Bröcker in den USA
Michael Bröcker, Leiter des Berliner Büros unsere Redaktion, ist Stipendiat des IJP (Internationale Journalisten Programme) und arbeitet zwei Monate für die drittälteste Tageszeitung in den USA, den "Philadelphia Inquirer". An dieser Stelle schreibt er über seine Erlebnisse als "Gastarbeiter" und den Alltag in einer amerikanischen Zeitungsredaktion.
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