Inside USA: Obama, Superstar a.D.
VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 13.08.2010 - 15:55Er war der umjubelte Anführer der amerikanischen Linken, Inbegriff des guten Amerika, der Anti-Bush. Heute meidet selbst die eigene Partei Barack Obama.
„Michelle wäre mir lieber“. Mit diesem Satz entgegnete neulich Joe Sestak, Kandidat der Demokraten für die Kongresswahlen im Herbst, der Ankündigung von US-Präsident Barack Obama, in Sestaks Heimat Pennsylvania einen Auftritt zu absolvieren. Ähnlich erging es Obama in Missouri, Georgia und in Texas. Die örtlichen Kandidaten der Demokraten ließen sich mit „Terminschwierigkeiten“ entschuldigen, schwänzten den Besuch des Präsidenten.
Clinton ist der neue Star
Seit Monaten stürzen die Umfragewerte Obamas wie ein Meteorit ins Bodenlose. Nur noch knapp 40 Prozent der Amerikaner finden, dass er einen guten Job macht. Vor zwei Jahren noch als Wahlkampf-Guru verehrt, wirkt Obama heute wie das schwarze Schaf der Demokraten-Familie. Er gehört dazu. Aber aufs Foto will keiner mit ihm. Dafür absolviert Ex-Präsident Bill Clinton derzeit einen Wahlkampftermin nach dem anderen für seine Partei.
Michael Bröcker, Leiter des Berliner Büros unserer Redaktion, ist Stipendiat des IJP (Internationale Journalisten Programme) und arbeitet zwei Monate für die drittälteste Tageszeitung in den USA, den "Philadelphia Inquirer". An dieser Stelle schreibt er über seine Erlebnisse als "Gastarbeiter" und den Alltag in einer amerikanischen Zeitungsredaktion.
Wie konnte das passieren? US-Politikforscher sehen zwei Ursachen. „Die Obama-Wähler sind schlicht enttäuscht“, sagt Strobe Talbott, Präsident des renommierten US-Forschungsinstituts „Brookings“. „Er und seine Leute haben den versprochenen Wechsel nicht nach Washington gebracht.“ Zwar habe der Präsident an führender Stelle die Welt vor dem Abrutschen in eine zweite große Depression gerettet. „Aber in den USA ist es ein Aufschwung ohne Jobs“, so Talbott. Und die Wirtschaftslage ist seit jeher das wichtigste Kriterium für den Erfolg eines US-Präsidenten, wie schon Clintons Wahlkämpfer wussten („It’s the economy, stupid“).
Obamas angekündigte Reformen, etwa das rasche Aus für das Gefangenenlager Guantanamo, die Korrektur der weitreichenden Abhörbefugnisse der US-Behörden oder die Verflechtungen des Weißen Hauses mit der Finanzindustrie, versandeten oder fanden gar nicht erst statt. Auch die Gesundheitsreform kann bei einem Sieg der Republikaner im Herbst noch verwässert werden. Gerechtfertigt oder nicht - Punkte für Pläne verteilen die Amerikaner nicht. Sie wollen Taten sehen.
Verschwörungstheorien im Netz
In Blogs wettern politische Linke offen gegen ihr einstiges Idol, am liebsten vergleichen sie Obamas Kriegspolitik mit der seines Vorgängers George W. Bush. Höchststrafe für einen Demokraten. In der Tat gab es aber noch nie so viele US-Soldaten im Auslandseinsatz wie heute. Auf dem Internet-Videoportal Youtube macht "Die Obama-Täuschung", ein düsterer Verschwörungsfilm, in dem Obama als Marionette anglo-amerikanischer Millionäre und Banker dargestellt wird, die Runde.
„Wann werden wir endlich einen Demokraten im Weißen Haus haben?“, fragt der einflussreiche Blogger Chris Bowers sarkastisch. Als Obamas Pressesprecher Robert Gibbs vor Wochen mit den kritischen Meinungen der Linken konfrontiert wurde, entfuhr ihm ein „Diese Leute sollten sich einem Drogentest unterziehen“. Eine Entschuldigung folgte. Die Nerven liegen blank.
Was bleibt? Robert Shapiro, ein früherer Berater von Bill Clinton, wagte in einem Artikel für die “Financial Times” neulich eine drastische These. Nur ein Terroranschlag der Größe von 9/11, dem World-Trade-Center-Inferno, könne wohl die „Glaubwürdigkeit“ in die Führungsfähigkeiten des US-Präsidenten wiederherstellen.
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