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Konflikt in der Ost-Ukraine
"Als Patriot brach ich auf. Als Verräter kehre ich zurück"

Ost-Ukraine: Bekenntnis eines pro-russischen Kämpfers
Bondo Dorowskich (auf dem Motorrad) fotografiert im Kreis von Kameraden. FOTO: Donath
Moskau. Ein russischer Freiwilliger kehrt dem angeblichen Kampf gegen den Faschismus in der Ost-Ukraine enttäuscht den Rücken. Die Ukrainer verteidigen ihr Land, sagt er. Und die Russen handeln wie Besatzer. Von Klaus-Helge Donath

Bondo Dorowskich konnte sich dem Sog kaum entziehen. Rund um die Uhr ließ er die Nachrichten des russischen Senders Rossija 24 laufen. "Von morgens bis abends drehte sich alles nur um die Ukraine", sagt der 41-jährige Ölhändler. Ukrainische Faschisten machten gegen Russland mobil und wollten die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs revidieren, war die Botschaft. "Da konnte ich als Russe doch nicht einfach so tun, als ginge mich das nichts an", sagt er.

Er ist eher unsportlich, trotzdem wollte Dorowskich schon immer zur Armee. Als er Anfang der 1990er Jahre vor der Wahl zwischen Militär und Studium stand, entschied er sich für Letzteres, aber nur weil sich die Armee damals in einem furchtbaren Zustand befand. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war er mit den Eltern aus der Sowjetrepublik Tadschikistan nach Russland eingewandert. Dienst an der Waffe hat in seiner Familie Tradition. Ein Großvater war 1945 dabei, als die Rote Armee Berlin einnahm.

Im Juni 2014 fiel dann sein Entschluss. Das Fernsehen hatte ihn überzeugt. Die Warnung eines kriegserprobten Onkels schlug Dorowskich in den Wind. "Lass es bleiben. Das ist nicht unser Krieg", hatte der gesagt. Als Unternehmer war Dorowskich vom korrupten System in Russland drangsaliert und an den Rand des Ruins getrieben worden. "Doch nach der Annexion der Krim dachte ich, nun macht Putin doch noch was Vernünftiges."

Fotos: So sehen die pro-russischen Kämpfer aus FOTO: ap

Dorowskich nahm Kontakt zum Rekrutierungsbüro der "Donezker Volksrepublik" in Moskau auf. Auf eigene Rechnung kaufte er sich eine schusssichere Weste und landete kurz darauf in einem der Auffanglager bei Rostow in Grenznähe. Dorowskich beobachtete dort, wie Panzerbesatzungen ausgebildet wurden. Dasselbe Kriegsgerät entdeckte er später auf der ukrainischen Seite wieder. Der Grenzübertritt stellte keine Hürde dar.

Wegen einer kleineren Geldschuld durfte er zwar am Kontrollpunkt nicht passieren. Doch die Grenzbeamten brachten ihn später ohne Papiere über die grüne Grenze. "Kaum fünf Minuten auf der anderen Seite sah ich, wie sich zwei Freischärlergruppen gegenseitig beschossen." Und nicht die angeblichen Faschisten. Dorowskich war der Brigade "Prisrak" zugeteilt worden. Deren Kommandant Alexei Mosgowoi weigerte sich, seine Soldaten den "Volksrepubliken" Lugansk und Donezk zu unterstellen. Vor zwei Wochen fiel er einem Attentat zum Opfer.

Fotos: Bilder von Soldaten und Zerstörung FOTO: afp, MR/RT

In Dorowskichs Brigade ging es hoch her. Ein Rebell drohte, sich mit einer Granate in die Luft zu sprengen. Ein Vizekommandant rückte auf der Suche nach zwei Soldaten an, die verdächtigt wurden, betrunken ein Wohnhaus in Brand geschossen zu haben. Nun wollte er die beiden eigenhändig erschießen. 80 Prozent der Kämpfer, schätzt Dorowskich, waren Banditen mit imposanten Vorstrafen. Einheimische Rebellen hätten die Gelegenheit genutzt, um auf Polizisten Jagd zu machen, die sie früher einmal festgenommen hatten. Die kampffreie Zeit wurde mit kleinen Raubzügen und der Demontage von Zäunen überbrückt: Altmetall war die Währung für Wodka und Zigaretten.

Ohne den russischen Nachschub seien die Einheiten nicht überlebensfähig, sagt Dorowskich. Aus politischen Motiven wie er habe sich kaum jemand den Rebellen angeschlossen. Die einen machten es wegen des Geldes, andere aus purer Langeweile. Sehr viele sähen in Gewalt und Krieg einen Selbstzweck.

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Zwei Wochen hielt Dorowskich aus, bevor er enttäuscht nach Moskau zurückkehrte. Dort traf er zufällig Igor Strelkow. Der Geheimdienst-Oberst war der Kopf hinter dem inszenierten Aufstand in der Ost-Ukraine. Ohne ihn hätte es keine Rebellen gegeben, gestand er später. Dorowskich erzählte ihm vom Chaos, das er erlebt hatte. Girkin gab sich erstaunt, hielt gerade Mosgowoi für einen vertrauenswürdigen Kommandanten. Dorowskich war verunsichert: Hatte er voreilig gehandelt, nicht genau hingeschaut? Er fuhr nochmals in die Ukraine und nahm 20 Freiwillige mit.

Diesmal ging es an die Front in Nikischine. "Doch alles war wie beim ersten Mal", sagt Dorowskich. Die Einheimischen fragten, warum sie gekommen seien. Manche lehnten einen Anschluss an Russland offen ab. Endgültig ins Grübeln kam er, als ihm Dorfbewohner sagten, dass sie sich unter der ukrainischen Armee sicher gefühlt hätten: "Ich begriff, dass wir Besatzer sind." Keinem einzigen ukrainischen Faschisten seien sie begegnet. "Die Ukrainer verteidigen nur ihr Land", sagt Dorowskich. Reguläre russische Soldaten traf er nicht. Nur Geheimdienstler, die keinen Hehl daraus machten, dass sie sich im Dienst befanden.

Nun hat der Geheimdienst auch Dorowskich aufs Korn genommen. Man sucht ihn und setzt auch seine Familie unter Druck, weil er über seine Erlebnisse berichtet. "Als Patriot war ich aufgebrochen, und als Verräter kehre ich zurück", sagt er. Der Krieg in der Ukraine sei ein bloßer Akt der Aggression.

Quelle: RP
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