| 15.43 Uhr
Armee jagt Islamisten
Pakistan auf dem Weg zum gescheiterten Staat
Pakistan: Militäroffensive gegen Islamisten
Pakistan: Militäroffensive gegen Islamisten FOTO: AFP
Düsseldorf (RPO). In Pakistan herrscht Krieg: Die Armee geht im Rahmen einer Großoffensive im Nordwesten gegen Islamisten vor. Mehr als eine Million Menschen sind auf der Flucht, Augenzeugen berichten von zahlreichen zivilen Opfern. Eine Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht. Fest steht: Pakistan braucht massive ausländische Hilfe, um als Staat eine dauerhafte Perspektive zu haben.   Von Nils Dietrich

Bereits zwei Wochen dauert die Offensive der pakistanischen Armee. Das Militär ist im Kampf gegen die islamistischen Taliban weiter in das umkämpfte Swat-Tal, einstmals eine Tourismushochburg, vorgerückt. Binnen 24 Stunden seien mehr als 140 Aufständische getötet worden, sagte ein ranghoher Militärsprecher am Freitag. Eine vom Militär verhängte Ausgangssperre drohte Zivilisten die Flucht aus den Gebieten an der Grenze zu Afghanistan zu erschweren. Inzwischen versuchen eine Million Menschen, den Kampfhandlungen in dem dicht besiedelten Gebiet zu entkommen.

Zwei Tage zuvor, mehrere tausend Kilometer entfernt in der US-Hauptstadt Washington: Pakistans Präsident Asif Ali Zardari sitzt mit seinem afghanischen Amtskollegen Hamid Karzai und Barack Obama an einem Tisch. Es geht um die Situation in der Region, die erstarkenden Taliban. Lösungen? Obama will mehr Militär an den Hindukusch schicken, die Pakistaner sollen gegen die Radikalislamisten im eigenen Land vorgehen. Dafür gibt es Unterstützung: Geld und Berater.

Auf dem Weg zum 'Failed State'

Dr. Dimitrios Argirakos vom Düsseldorfer Institut für Außen- und Sicherheitspolitik (DIAS) hält diesen Ansatz für falsch. "Pakistan ist an der Schwelle zu einem 'Failed State', einem gescheiterten Staat. Das hat nicht notwendigerweise etwas mit den Taliban zu tun. Die Ursachen sind eher auf der ökonomischen Ebene zu suchen", erklärte er im Gespräch mit unserer Redaktion. Vielen Menschen bietet Pakistan schlichtweg keine Perspektive, das sei ein "Grundproblem". Immerhin ist ein Großteil der Bevölkerung unter 20 Jahre alt.

Diese mangelnden Perspektiven sind der Nährboden für radikale Tendenzen. Auf der anderen Seite kann die Zivilgesellschaft mit ihrer zwar erstarkenden, aber immer noch schwach verwurzelten Mittelschicht diesem Trend nicht entgegenwirken. Letzter Hort der Stabilität ist in Pakistan traditionell das Militär, das eine enorme Einflussgröße darstellt. Diese Macht begründet sich vor allem auf den jahrzehntealten Konflikt mit dem Erzfeind und wesentlich größeren Nachbarn Indien.

Beide Staaten sind ein Produkt des britischen Imperialismus. Seit der Unabhängigkeit 1947 führten die Länder drei Male Krieg gegeneinander. "Die Angst vor Indien speist sich aus den ethnischen Konflikten", sagte Argirakos. Zankapfel ist die Provinz Kaschmir, die beide für sich beanspruchen. Aus diesem Konflikt speist sich eine latente Angst vor dem großen Nachbarn, der wirtschaftlich deutlich potenter ist und über große Perspektiven verfügt. Das vermeintliche Bedrohungsszenario ist nach Angaben des Experten eher in der Militärführung als in der Bevölkerung gegenwärtig. "Für die Armee stellt der Konflikt auch eine Art Existenzberechtigung dar."

Erzfeind Indien

Aber ist Indien nur ein Vorwand oder stellt das Land tatsächlich eine Bedrohung dar? Viel eher wird befürchtet, dass sich der große Bruder mit den Afghanen verbünden und so pakistanische Interessen bedrohen könnte. Dies betrifft beispielsweise Rohstoffe, denn die beiden Staaten sind Transitländer für Öl vom kaspischen Meer, das zu den Abnehmern in Indien, China oder an mögliche Verladeterminals am Indischen Ozean transportiert werden soll. Hier will Pakistan nicht außen vor stehen. "Unter diesem Gesichtspunkt besteht kein Interesse an einem stabilen Afghanistan", sagte Argirakos. 

Der "Spiegel" zitiert in seiner aktuellen Ausgabe einen nicht namentlich genannten britischen Regionalexperten, der diese Ansicht bestätigt. Islamabad wolle "Afghanistans Präsidenten Karzai zu Fall bringen, eine Pakistan-freundliche paschtunische Regierung installieren und Briten, Amerikaner und Nato außer Landes drängen", hieß es in dem Magazin.

Aber handelt Pakistan derzeit gegen die eigenen Interessen? Handelt es sich bei der Offensive gegen die Taliban nur um eine Art Alibi? Die Taktik der Armee legt diesen Schluss nahe: Luftangriffe, Bombardements und Artilleriebeschuss, doch kein Nahkampf. So gingen die Streitkräfte schon bei früheren Offensiven vor, die in Städten und Dörfern zahlreiche Opfer forderten, die Bevölkerung in die Flucht trieben, und doch nichts Wesentliches änderten. Argirakos stellt fest: "Pakistan tritt der Destabilisierung zwar entgegen - es ist nur die Frage, bis zu welchem Grad." An der afghanischen Grenze stehen derzeit über 100.000 der insgesamt 500.000 Soldaten, der größte Teil der übrigen an der indischen Grenze.

Zivile Opfer

Militärsprecher Generalmajor Athar sagte, bei den Kämpfen seien seit Donnerstagmittag mehr als 140 Aufständische getötet worden. Verschiedene Medien und Augenzeugen berichten von zahlreichen zivilen Opfern und der Zerstörung von ganzen Dörfern. Die Armee, der Verbindungen zu den Taliban nachgesagt werden, befinde sich in einer "großangelegten Operation zur Eliminierung von Bösewichtern".

Abbas wies Kritik am Vorgehen dort und in Swat zurück. Die Angriffe zielten auf Orte, an denen sich nachweislich Militante aufhielten. Zudem sei die Operation noch im Gange, und die Taktik werde fortentwickelt. Armeechef General Ashfaz Parvez Kayani versicherte am Donnerstag, es würden in der Swat-Offensive ausreichend Kräfte eingesetzt, um den Aufstand niederzuschlagen. Das tut sie vor allem unter dem Druck und mit Hilfe der USA.

In Washington war der Gipfel zwischen Obama, Karzai und Zardari nach Ansicht von Argirakos "ein guter Start". Aber die Vereinigten Staaten sind zum Handeln gezwungen, wenn ihnen die Situation in der Region nicht vollends entgleiten soll. Über allem hängt immer noch das Damoklesschwert der pakistanischen Atombombe, die keinesfalls in falsche Hände geraten darf. "Die Realpolitik hat Obama eingeholt. Die Amerikaner würden eine Militärdiktatur billigend in Kauf nehmen, sollte es nicht anders gehen."

Argirakos sieht für Pakistan nur eine Lösung. "Die Frage lautet: Ist der Westen bereit, Pakistan auf dem Weg zu einer stabileren Struktur zu unterstützen? Hierfür müssten massive Mittel bereitgestellt werden." Ohne diese ökonomische Komponente werde sich in dem Land keine Besserung einstellen. "Wenn wir das nicht in den nächsten Jahren schaffen, dann stehen wir vor einem großen Problem."

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