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Papst Franziskus empfängt den russischen Präsidenten
Warum die Audienz für Putin richtig ist

Wladimir Putin trifft Papst Franziskus
Wladimir Putin trifft Papst Franziskus FOTO: ap, Claudio Peri
Meinung | Düsseldorf. Bei den G7 war Wladimir Putin ein unerwünschter Gast. Papst Franziskus aber empfängt den russischen Präsidenten am heutigen Mittwoch zu einer Privataudienz. Das mag auf manche spektakulär wirken. Doch ist sie Ausdruck einer Kontinuität vatikanischer Diplomatie. Und das ist gut so. Von Reinhold Michels

Einer von Wladimir Putins Vorgängern als Chef im Kreml, nämlich Stalin, der Schreckliche, soll bei Kriegsende den Chef im Vatikan verspottet haben, indem er ihn militärisch wog und als zu leicht befand. Der weltbekannte Satz dazu: "Wie viele Divisionen hat denn der Papst?"

Nun, Putin ist nicht Stalin, und die weltlichen Oberhäupter der katholischen Kirche – das eigentliche Oberhaupt ist deren Stifter Jesus – haben längst begriffen, dass ihr Einfluss in der Welt nicht mehr auf kirchenstaatlicher Macht und Herrlichkeit beruht, schon gar nicht auf christlichen Gotteskriegern. Man könnte heute mit Blick auf Franziskus und seine unmittelbaren Vorgänger sagen: Vertrauen war und ist der Anfang von allem. Die Päpste, etwa von Pius XII. über die heiligen Johannes XXIII. und Johannes Paul II., den deutschen Kirchenlehrer Benedikt XVI. bis hin zum argentinischen "Weltpastor" Franziskus wirkten und wirken allein durch ihre geistliche, geistige Ausstrahlung. Sie tun der Menschheit einen Dienst, wenn sie sich nicht als Kirchen-, sondern als Friedensfürsten begreifen.

Die aktuelle, auf manche vielleicht spektakulär wirkende Audienz des russischen Präsidenten bei Papst Franziskus in Rom ist zunächst Ausdruck einer Kontinuität vatikanischer Diplomatie. Hinter den Leoninischen Mauern des Staates der Vatikanstadt verbirgt sich die tiefe, in Jahrhunderten gereifte Klugheit und Weisheit, dass zur Not auch mit dem Teufel reden sollte, wer die Situation zum Besseren wenden will. Und Putin ist nicht Luzifer. Im schlimmsten Fall verkörpert er einen großrussischen Romantiker und Machthaber, den es zu überzeugen gilt, dass man sich die osteuropäische und eurasische Welt nicht nach Belieben und Expansionsgelüsten zurecht biegen darf, sondern im Interesse des Weltfriedens Rücksichten zu nehmen hat.

Die Vertreter der G-7-Staaten vereinbarten – und sie ließen sich kurioserweise dafür auch noch von Teilen der Öffentlichkeit  loben –, den russischen Präsidenten wegen dessen aggressiven Rechtsbruchs auf der Halbinsel Krim und im Osten der Ukraine auf unbestimmte Zeit zur Persona non grata zu erklären. Den Papst schert solche Ausgrenzung nicht, und das ist gut so. Die Römische Weltkirche begreift, dass Entspannungspolitik nur dann gepflegt und letztlich zum Wohle aller Menschen gerettet werden kann, wenn sie das Gegenüber, und lege es ein noch so ungehobeltes, völkerrechtswidriges Verhalten an den Tag, nicht vor die Tür setzt.

Nebenbei: Der Repräsentant der gewaltigen Atommacht Russland wird sich durch törichte Strafarbeiten, sprich Sanktionen, die noch dazu nicht allein seinem Land weh tun, nicht von seinem außenpolitischen Kurs abbringen lassen. Man hat ja seinen Stolz. Dass Putin hingegen grundsätzlich nicht bereit sei, in Verhandlungen zu treten und mit dem Westen wieder ins vernünftige Gespräch zu kommen, wird außer Hardlinern in Warschau oder im US-Kongress kaum jemand behaupten.

Päpste haben sich um Verständigung bemüht

Päpste haben sich nach dem Krieg und zur Zeit des so genannten Kalten Krieges zwischen dem kommunistischen Ostblock und der Freien Welt um Ausgleich und Verständigung bemüht. Konzilspapst Johannes XXIII. (1958-1963) zum  Beispiel empfing den Schwiegersohn des damaligen Kreml-Chef Chrustschow. Hier traf ein Diktatoren-Günstling, Kalter Krieger und Atheist auf  den Mann der Kirche, der keine Divisionen besaß, aber eine (frohe) Botschaft. Der große Pole auf dem Stuhl Petri, Johannes Paul II. (1978-2005), empfing kurz bevor US-Präsident George W. Bush und sein schlimmer Vize Dick Cheney den völkerrechtswidrigen Irak-Krieg vom Zaun brachen, den Außenminister des "Teufels" Saddam Hussein zur Audienz ein, um vielleicht doch noch den drohenden Waffengang zu verhindern.

Papst Franziskus kommt das Verdienst zu, die endlich zustande gekommene Entspannung des Verhältnisses zwischen den USA und Kuba kirchendiplomatisch befördert zu haben. Nur so lassen sich Wege zum Frieden beschreiten. Die Hoffnung bleibt, dass sich Putin durch Franziskus‘ Ausstrahlung und Eindringlichkeit beim Mahnen am Ende mehr beeindrucken lassen wird als durch Sanktions-Kraftmeiereien. Wer sich wie die "G-7" hochtrabend zur Verantwortungs-Gemeinschaft erklärt, sollte auch entsprechend verantwortlich Welt-Friedenspolitik betreiben.

Quelle: RP
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