Atomtests in Algerien: Paris ließ Soldaten verstrahlen
VON MATTHIAS BEERMANN - zuletzt aktualisiert: 17.02.2010 - 08:05Paris (RP). Frankreich hat bei seinen Atomtests in den 60er Jahren in Algerien Hunderte Soldaten vorsätzlich radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Das geht aus einem bislang geheim gehaltenen Bericht hervor, aus dem die Zeitung "Le Parisien" gestern zitierte.
Bei den geheimen Manövern in dem damals noch zu Frankreich gehörenden Algerien sei es darum gegangen, "die körperliche und psychologische Wirkung der Atomwaffe auf den Menschen zu untersuchen", heißt es in dem Dokument. Frankreich hatte seine erste Atombombe am 13. Februar 1960 in der algerischen Sahara gezündet.
Der jetzt bekannt gewordene Bericht bezieht sich auf die oberirdische Zündung einer Fünf-Kilotonnen-Bombe. Kurz nach der Explosion am 25. April 1961 seien Soldaten zu Fuß oder in Geländewagen auf die Explosionsstelle vorgerückt, heißt es in dem 1998 von der Armee erstellten Papier über die Atomtests in der Sahara. Die Autoren vermerkten, dass es aus ihrer Sicht "unpassend" sei, die Ergebnisse des Berichts einer "breiten Öffentlichkeit" zugänglich zu machen.
Kein Wunder, denn dort steht Ungeheuerliches: Bei der "Grüne Wüstenspringmaus" getauften Operation simulierten die Franzosen zwei defensive Manöver sowie die Rückeroberung einer von einer Atombombe zerstörten Position. Dafür setzte die Armeeführung 300 Soldaten ein, darunter auch eigens aus deutschen Standorten abkommandierte Wehrpflichtige.
William Kob war einer von ihnen. Er bekam den Befehl, die unweit des Explosionsortes installierten Strahlendosimeter einzusammeln. Andere Soldaten mussten nur 35 Minuten nach der Explosion zu Fuß bis auf 700 Meter zum Zentrum vorrücken. Eine Patrouille in Jeeps wurde nach einer Stunde sogar bis auf 275 Meter an den "Punkt Null" heran geschickt. Eine Überprüfung der Soldaten nach der Explosion ergab den Angaben zufolge "keine offensichtlichen Verbrennungen" oder sonstige Beeinträchtigungen.
Teilnehmer der bizarren Lebendversuche klagten jedoch später über Beschwerden. Sechs Monate nach seinem Einsatz war der Körper von William Kob mit einem seltsamen Ausschlag bedeckt. "Halt die Klappe, wenn Du noch was werden willst im Leben", habe der Militärarzt damals zu ihm gesagt.
Verteidigungsminister Hervé Morin kündigte gestern "vollkommene" Aufklärung an. Er betonte, dass Frankreich gerade erst ein Gesetz für die Entschädigung von Strahlenopfern seiner Atomtests verabschiedet habe. Man rechne mit "einigen hundert" Fällen.
Nach offiziellen Angaben waren jedoch rund 150 000 Zivilisten und Soldaten an den 210 Atomtests beteiligt, die Frankreich zwischen 1960 und 1996 erst in der Sahara und dann in der Südsee durchgeführt hat. Allein von den 4800 noch lebenden Atomtestveteranen, die sich in der Vereinigung "Aven" zusammengeschlossen haben, leiden heute 35 Prozent an Krebs.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum