Italiens Ministerpräsident: Phänomen Berlusconi
VON MATTHIAS BEERMANN UND FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 01.04.2010 - 19:40(RP). Im Ausland schüttelt man den Kopf über seine Eskapaden. Feministinnen schäumen über seine ungenierten Macho-Sprüche. Und seine politischen Gegner hassen ihn aufrichtig. Aber all das perlt an Silvio Berlusconi ab wie ein Sommerregen am glatten Marmor seiner zahlreichen Luxus-Villen. Seit 15 Jahren beherrscht der "Cavaliere" die italienische Politik. Er ist längst mehr als nur ein Politiker, er ist ein Phänomen.
Dass ein 73-Jähriger, der mit blutjungen und nur spärlich bekleideten Mädchen rauschende Partys feiert, auf denen er neapolitanische Schmachtlieder singt, ein Land regieren kann, ist im Rest Europas jenseits aller Vorstellungskraft. Nicht so in Italien. Dort hat Berlusconi gerade eine Wahl gewonnen, in deren Vorfeld man ihn mal wieder voreilig abgeschrieben hatte.
Fast könnte man glauben, dass der kleine Mann (1,64 Meter) mit dem großen Ego wirklich Wunder wirken kann, wie er es immer wieder behauptet. "Ich bin ganz ehrlich davon überzeugt, dass ich bei weitem der beste Ministerpräsident bin, den Italien im Laufe seiner 150-jährigen Geschichte gehabt hat", trompetete er im vergangenen Herbst.
"Ich bin der beste Ministerpräsident, den Italien je hatte"
Silvio Berlusconi ist ein begnadeter Marktschreier, und sein einziges Produkt ist er selbst. Dass er aus kleinen Verhältnissen stammend als Alleinunterhalter und Staubsaugervertreter angefangen hat, woran seine Kritiker gerne naserümpfend erinnern, ist seine wahre Stärke. Legendär ist, wie er als TV-Unternehmer einst den griesgrämigen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand dazu überredete, ihm einen Fernsehkanal zu verkaufen, indem er sich im Elysée-Palast an einen Flügel setzte und dem Franzosen "Au revoir, Paris" vorklimperte.
Der Mann hat Charme und zugleich absolut keine Scheu vor politischem Kitsch. Die offiziellen Wahlkampfliedchen seiner nach dem Vorbild eines Fanclubs organisierten Partei "Volk der Freiheit" komponiert er selbst, ebenso wie die Plakate. Bei der letzten großen Wahlkampfkundgebung auf der römischen Piazza San Giovanni ließ Berlusconi übers Podium ein Transparent hängen, auf dem in riesigen Lettern prangte: "Die Liebe siegt immer über den Neid und den Hass".
Das ist das große Thema, mit dem Berlusconi seit Jahren hausieren geht: Er gibt sich als politischen Märtyrer, verfolgt vom gesellschaftlichen Establishment, vor allem aber von der angeblich links unterwanderten Justiz. Damit trifft er den Nerv vieler Italiener, die zunehmende Drangsalierung durch überbordenden Staatsbürokratismus beklagen.
Berlusconi trifft den Nerv der Bürger
Dahinter steckt eine italienische Eigentümlichkeit: abgrundtiefes, über Jahrhunderte gewachsenes Misstrauen gegen den Staat, besonders gegen die Zentrale in Rom. Nach einem italienischen Sprichwort macht der Durchschnittsbürger die Regierung grundsätzlich für alle Widrigkeiten verantwortlich, sogar für schlechtes Wetter. Scheinbar paradox ist nun, dass Berlusconi zwar der mächtigste Mann Italiens ist und als Ministerpräsident den Zentralstaat verkörpert – dass er sich aber zugleich so zu präsentieren versteht, als stehe er dem "System" skeptisch bis ablehnend gegenüber.
Vor allem ist es aber der Mensch Berlusconi, der die Italiener fasziniert. Sein unerschütterlicher Optimismus, seine plakative Lebensfreude, seine völlige Unempfänglichkeit für Tiefsinn. Immer sauber rasiert, gepflegt, mit Make-up, ganz offen eitel und dabei ziemlich förmlich, hat er gerade unter den italienischen Hausfrauen in den mittleren Jahren seine treuesten Anhänger. "Die Italiener lieben mich, wie ich bin", behauptet Berlusconi. Und damit hat er vermutlich vollkommen Recht.
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