Wahlkampf in Tschechien: Politikerinnen posieren erotisch
VON RUDOLF GRUBER - zuletzt aktualisiert: 04.09.2010 - 18:25(RP). Die Damen geizen nicht mit Reizen. Einladend räkeln sie sich in Seiden-Negligés, Höschen und Rüschen vor der Kamera. Die Posen erinnern an Vorbilder eines berühmten amerikanischen Männermagazins, nur dass die Hüllen nie ganz fallen. Das Überraschende daran: Die Kalendermodels sind alle Abgeordnete im Prager Unterhaus, also Volksvertreterinnen.
Wie Katerina Klasnova, 32, die auch stellvertretende Parlamentspräsidentin ist, oder Karolina Peake, 34, und Lenka Andrysova, 26. Die im Land bekannteste Politikerin unter den Lockvögelchen ist Marketa Reedova, 42. Die ehemalige Prager Vizebürgermeisterin, geschieden, Mutter eines zwölfjährigen Sohnes, posiert im Erotikkalender gleich zweimal.
Doch was bewegt so honorige Frauen dazu, sich öffentlich zu entblößen? "Der politische Einfluss der Frauen steigt, warum sollten wir uns davor fürchten, zu zeigen, dass wir auch sexy sind?", sagt Reedova etwas krampfig zur neuen Frauenpower im Prager Parlament. Dort besetzen Frauien seit den Mai-Wahlen 44 von 200 Sitzen, so viele wie noch nie in den letzten 20 Jahren.
Gleichwohl hat der Sexkalender den Hautgout einer Prostituierung, denn er ist PR-Gag für die Kommunalwahl im Oktober. Reedova will für die neue "Bürgerpartei" VV (Veci verejne – Öffentliche Angelegenheiten) Bürgermeisterin der Hauptstadt Prag werden, und ihre Parteifreundinnen unterstützen sie dabei mit ihren Reizen. Mit politischen Botschaften ist Reedova bislang nicht aufgefallen, auch nicht ihre Partei als Vorkämpferin für Frauenrechte.
Dass die VV über kein politisches Programm verfügt, zeigte sie schon bei der Parlamentswahl Ende Mai. Ihr Gründer und Parteichef Radek John, 57, ein ehemaliger Enthüllungsjournalist, profitierte vor allem vom moralischen Bankrott des politischen Establishments in Tschechien. Als selbst ernannter Korruptionsbekämpfer und Aufdecker öffentlicher Missstände wie übervoller Müllkübel eroberte der gerissene Populist elf Prozent der Stimmen. Johns VV ist nunmehr Teil der seit Juli amtierenden Mitte-Rechts-Koalition unter Premier Petr Necas und Außenminister Karel Schwarzenberg.
Mittlerweile hat die VV in Umfragen wieder stark eingebüßt. Sie gilt als Schwachstelle der Koalition, weil John und seine Leute als aktive Politiker völlig unerfahren sind und somit als unberechenbar gelten. Schon während der Koalitionsverhandlungen stand die Saubermannpartei selbst im Geruch der Korruption. Hauptfinanzier von VV ist eine private Sicherheitsfirma, und John, der Innenminister wurde, hat mehrere Vertrauensleute aus dieser Firma, die in Tschechien den einschlägigen Markt dominiert, mit politisch einflussreichen Posten versorgt – darunter die Ministerien für Verkehr und Bildung. Die Linksopposition wirft John vor, staatliche und private Interessen zu vermischen, und fordert seinen Rücktritt.
Dass die VV die eigenen Parteifrauen als Sexobjekte im Wahlkampf einsetzt, um von schlechter Optik und politischer Unfähigkeit abzulenken, passt zu dieser schrägen Partei. Zu behaupten, der Kalender mit den freizügigen Politikerinnenfotos sei ein Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung, ist kaum verhüllte Wählertäuschung: Die Posen verraten unmissverständlich, dass man auf die uralten Triebe von Machos abzielt, die bekanntlich keine kleine Wählerschicht sind.
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