Paket-Terror in Europa: Polizei jagt die "Zellen des Feuers"
zuletzt aktualisiert: 03.11.2010 - 13:59Athen (RPO). Als am Dienstag die ersten Nachrichten von versuchten Anschlägen auf europäische Botschaften und Regierungssitze über die Ticker kamen, dachten die meisten Menschen zuerst an neuen Terror von Islamisten. Schnell wurde aber klar: Griechische Linksextremisten verschickten die explosiven Pakete. Wer steckt hinter der rätselhaften "Verschwörung der Zellen des Feuers"?
Die Polizei in ganz Europa jagt an diesem Mittwoch die Drahtzieher der vereitelten Paketbomben-Anschläge. In Athen wurden am Montag und Dienstag insgesamt elf explosive Pakete gefunden, die an ausländische Botschaften, Frankreichs Präsidenten Sarkozy sowie auch an den Europäischen Gerichtshof und an die europäische Polizeibehörde Europol adressiert waren.
Griechenland stoppt Luftfracht
Ein auf dem Flughafen von Bologna sichergestelltes Paket an Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi fing bei der Untersuchung Feuer. Am Montag war auch im Berliner Kanzleramt ein explosives Paket an Kanzerlin Angela Merkel entschärft worden. Merkel selbst befand sich zu dieser Zeit auf Staatsbesuch in Belgien. Griechenland stoppte kurze Zeit später für 48 Stunden seine gesamte Luftfracht.
Die Ermittler fahnden jetzt nach fünf Männern im Alter von 21 bis 30 Jahren, die dem linksextremen Milieu zugerechnet werden. Zwei Verdächtige waren bereits am Montag festgenommen worden. Bei den 22 und 24 Jahre alten Männern wurden zwei der Paketbomben gefunden. Beide waren mit Pistolen bewaffnet, einer von ihnen trug eine kugelsichere Weste. Wer oder was verbirgt sich hinter den Anschlägen?
Politik als Vorwand für Gewalt
Einer der beiden verhafteten Männer wurde als Mitglied der anarchistischen Gruppe "Verschwörung der Zellen des Feuers" gesucht, die sich seit ihrem Auftauchen 2008 zu mehreren Sprengstoffanschlägen auf Banken und Regierungsgebäude sowie Filialen ausländischer Firmen bekannt hat.
Die Linksradikalen wenden sich gegen den Sparkurs in Griechenland und den wachsenden Einfluss der Europäischen Union auf die Regierung in Athen. Doch dies ist nur ein Vorwand für immer neue Gewalttaten.
Tote nach Explosion
Bereits in den vergangenen Monaten sorgten die Extremisten für Aufsehen. Meist richteten die Briefbomben der obskuren Gruppe dabei nur Sachschäden an. Im Juni explodierte jedoch ein an den damaligen Polizeiminister adressiertes Paket in seinem Vorzimmer. Dabei wurde der Sicherheitschef des Ministers getötet.
Die griechischen Linksradikalen gelten als besonders gewalttätig. Auf den großen Straßenprotesten, etwa gegen die Weltwirtschaftsgipfel, sind sie für ihre Brutalität bei friedlichen Demonstranten ebenso berüchtigt wie bei der Polizei.
Widerstand gegen Militärjunta
Aktiv ist die linksradikale Szene in Griechenland seit den 60er Jahren: 1973 setzte sie sich mit an die Spitze des Aufstands gegen die regierende Militärjunta. In dieser Tradition sehen sich die Autonomen bis heute, auch wenn ein politischer Hintergrund sich in Wirklichkeit kaum mehr erkennen lässt.Viele Autonome stammen aus gut situierten Familien und sind vor allem auf Randale aus.
Jeden 17. November feiern die Anarchisten den Jahrestag der 1973 blutig niedergeschlagenen Studentenrevolte an der Polytechnischen Universität. Regelmäßig kommt es dabei zu Ausschreitungen. Der Campus ist in diesen Tagen das Rückzugsgebiet der Krawallmacher, und die Polizei ist gut beraten, sich dort nicht blicken zu lassen.
Tagelange Straßenschlachten
Tagelange Straßenschlachten zettelten die Athener Autonomen zuletzt auch am Rande der Proteste gegen die Sparmaßnahmen im Gefolge der griechischen Staatspleite an. Als einige von ihnen dabei eine Bank mit Molotow-Cocktails in Brand steckten, kamen drei Angestellte ums Leben. Im linksradikalen Milieu gab man zynisch dem Filialleiter der Bank die Schuld am Tod seiner Mitarbeiter. Die Griechen reagierten mit Abscheu.
Während viele von ihnen jahrelang das Treiben der linken Randalierer eher mit Nachsicht betrachtet hatten, überwog jetzt das Entsetzen über deren zunehmende Militanz. Auch die griechischen Gewerkschaften und die Kommunistische Partei, beide im rabiaten Protest durchaus erprobte Organisationen, gingen auf Distanz zu den brutalen Polit-Hooligans.
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