Rentenreform in Frankreich: Protestwelle wird noch stärker
zuletzt aktualisiert: 21.10.2010 - 18:55Paris (RPO). Proteste gegen die geplante Rentenreform in Frankreich nehmen immer größere Ausmaße an. Demonstranten blockierten stundenlang den Flughafen in Marseille, Züge und Autobahnen rund um die Hauptstadt Paris sind dicht, elf Unis bleiben zunächst geschlossen.
In Toulouse gingen Arbeiter von Airbus und Hewlett Packard gegen die Reformpläne der Regierung auf die Straße. In Straßburg blockierten Demonstranten eine Rhein-Schleuse. Wegen der teilweise gewalttätigen Proteste blieben die Einkaufsstraßen im Stadtzentrum von Lyon am Donnerstag weitgehend leer.
Bereits am Morgen hatten Streikende landesweit Autobahnen und Zugverbindungen rund um die Hauptstadt Paris blockiert. In Lyon war es zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Jugendlichen gekommen, als diese ein Auto umwarfen und die Sicherheitskräfte Tränengas einsetzten. In der Nacht hatten Randalierer in der Stadt mit Steinen nach Polizisten geworfen.
Schüler verbarrikadierten im ganzen Land die Eingänge zu ihren Schulen und zogen am Nachmittag demonstrierend durch die Straßen. Elf Universitäten wurden wegen der Proteste vorübergehend geschlossen.
In Marseille versperrten Hunderte Arbeiter für rund drei Stunden die Zugänge zum Flughafen. Passagiere mussten am Donnerstagmorgen ihr Gepäck zu Fuß zu dem blockierten Abfertigungsgebäude tragen, bis die Polizei die Proteste auflöste.
Präsident Nicolas Sarkozy verteidigte die Reform und erklärte sie zu einer "Angelegenheit von nationalem Interesse". "Ich tue das nicht aus ideologischen Gründen. Ich tue das, weil es meine Pflicht ist." Die Pläne der französischen Regierung sehen vor, das frühestmögliche Renteneintrittsalter von 60 auf 62 Jahre zu erhöhen. Nur so könne gewährleistet werden, dass auch künftige Generationen noch eine Rente erhalten. Ob es tatsächlich am Donnerstag noch zur Abstimmung kommt, war fraglich. Die oppositionellen Sozialisten hatten mehr als 1.000 Änderungsanträge eingebracht, über die nun einzeln abgestimmt werden muss.
Fast 2.000 Festnahmen seit vergangener Woche
Innenminister Brice Hortefeux sagte dem Radiosender Europe-1, seit vergangener Woche seien 1.901 Personen festgenommen worden. "Bestimmte Leute nehmen Teile unsere Landes als Schlachtfelder", sagte Hortefeux. Bereits am Mittwoch blockierten Streikende die Zufahrt zum größten Pariser Flughafen Charles de Gaulle und durchbrachen eine Blockade der Polizei. Am Flughafen Orly wurde vorübergehend die Straße zu einem der beiden Terminals blockiert. Reisende mussten mit ihrem Gepäck Hunderte Meter zu Fuß laufen.
Kein Sprit mehr
Inzwischen hat jede vierte Tankstelle in Frankreich wegen der Blockade einiger Treibstofflager keinen Sprit mehr, der Flug- und Bahnverkehr sind stark eingeschränkt. Im Hafen von Marseille warten Dutzende Schiffe vor einem bestreikten Ölterminal.
Die amerikanische Botschaft in Paris warnte US-Bürger vor möglicherweise eskalierenden Demonstrationen und forderte Reisende auf, bei Autovermietern wegen der Verfügbarkeit von Treibstoff nachzufragen. Innenminister Hortefeux wies darauf hin, dass Frankreich über Benzinvorräte für mehrere Wochen verfüge und sich ein Trend abzeichne, dass sich die Lage wieder verbessere.
Lady Gaga sagt Konzerte ab
Auch die Unterhaltungsbranche wird von der Streikwelle beeinträchtigt. US-Popstar Lady Gaga sagte zwei für Freitag und Samstag geplante Konzerte in Paris ab. Auf ihrer Website wurde der Schritt damit begründet, dass es aufgrund der aktuellen Situation unsicher sei, ob die Lastwagen die Ausrüstung für die Show der Sängerin zu den Konzerten transportieren könnten.
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