| 08.32 Uhr

Putschversuch in der Türkei
Eine Nacht am Abgrund

Bilder: Putsch in der Türkei
Bilder: Putsch in der Türkei FOTO: ap, LP
Ankara/Istanbul. Die Türkei hat eine dramatische Nacht hinter sich. Nach einem Putschversuch des Militärs und Stunden der Angst scheint sich die Lage zu beruhigen. Unklar ist jetzt, wie es in der Türkei weitergeht. Das Protokoll der Nacht. Von Judith Conrady

21 Uhr: Etwa zu diesem Zeitpunkt wird die Welt darauf aufmerksam, dass in der Türkei etwas im Gange ist. Ministerpräsident Binali Yildirim sagt dem Sender NTV, es laufe ein Putschversuch gegen die Regierung. Bei Twitter wird #Turkey innerhalb kürzester Zeit zum Trending Topic.

21.20 Uhr: Die Putschisten aus den Reihen des Militärs lassen eine Erklärung verbreiten, man habe die Macht im Land übernommen. 

23 Uhr: Das Militär hat den Atatürk-Flughafen in Istanbul unter seine Kontrolle gebracht. Der Flugverkehr ist unterbrochen. Soldaten halten den Tower besetzt. 

23.10 Uhr: Die Putschisten, die unter dem Namen "Rat für Frieden im Land" auftreten, besetzen den Staatssender TRT 1 und lassen eine Erklärung verlesen. Die Moderatorin erklärt später, sie sei mit Waffengewalt gezwungen worden, den Text vorzulesen. Darin heißt es, für die Türkei gälten ab sofort das Militärrecht und eine Ausgangssperre. 

23.20 Uhr: Die Kommunikation im Land ist inzwischen stark eingeschränkt. Soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook und Youtube sind blockiert. Auch der Fernsehempfang ist unterbrochen. Der Streaming-Dienst Periscope funktioniert allerdings weiterhin. Zahlreiche Menschen nutzen ihn, um von der Lage vor Ort, vor allem in den großen Städten, zu berichten. 

23.30 Uhr: Etwa zur gleichen Zeit meldet sich Präsident Erdogan zu Wort. Er ist im Sender CNN Turk zu sehen – auf einem Handydisplay. Erdogan ist per Facetime zugeschaltet, die Moderatorin hält das Smartphone mit dem winzigen Bild des Präsidenten in die Kamera. Wo sich Erdogan aufhält, ist zu diesem Zeitpunkt unklar. 

Erdogan schaltet sich per Facetime auf den Sender CNN Türk. FOTO: dpa, jhe

23.25 Uhr: Was Erdogan sagt, bietet Anlass zur Beunruhigung: Er ruft seine Landsleute auf, auf die Straße zu gehen und sich den Putschisten entgegenzustellen. Beschwört der Präsident hier gerade ein blutige Eskalation herauf?

23.30 Uhr: Erdogan macht Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich. Gülen ist ein ehemaliger Verbündeter von Erdogan. Gülen streitet das später ab und verurteilt den Putschversuch scharf. 

23.55 Uhr: Die Lage in Ankara spitzt sich zu. Kampfjets und Militärhubschrauber kreisen über der Stadt, es ist eine heftige Explosion zu hören. 

0.10 Uhr: Viele Menschen in Istanbul leisten dem Aufruf von Erdogan Folge und strömen auf die Straßen. Sie versuchen, die Panzer der Putschisten aufzuhalten, klettern auf die Fahrzeuge. Die Nachrichtenagentur AFP berichtet, das Militär schieße auf Demonstranten. Bereits jetzt gibt es Berichte über Tote. 

0.30 Uhr: Der Putschversuch bewegt auch Menschen außerhalb der Türkei. In Berlin versammeln sich hunderte Erdogan-Anhänger vor der türkischen Botschaft. Auch einige Unterstützer der Putschisten gehen auf die Straße. 

1.30 Uhr: US-Präsident Barack Obama bekundet seine Unterstützung der demokratisch gewählten Regierung der Türkei.

2 UhrIn Duisburg haben sich jetzt rund 3000 Pro-Erdogan-Demonstranten versammelt. Die Stimmung ist teilweise aggressiv. Auch in Essen gibt es Pro-Erdogan-Demonstrationen. 5000 Menschen sind vor das Generalkonsulat gekommen. Vor dem Generalkonsulat in Düsseldorf versammeln sich im Laufe der Nacht etwa 1400 Menschen. 

Bilder: Spontane Pro-Erdogan-Demonstration in Duisburg FOTO: Christoph Reichwein

2.05 Uhr: Bereits jetzt sagt Ministerpräsident Yildirim, der Putschversuch sei abgewendet. Die Lage in Ankara und Istanbul ist jedoch weiterhin angespannt und unübersichtlich. 

2.10 Uhr: Der staatliche Sender TRT, den die Putschisten zuvor besetzt und abgeschaltet hatten, ist wieder auf Sendung. Auch der Instanbuler Flughafen ist inzwischen wieder frei.

2.30 Uhr: Die Nachrichtenagentur DHA berichtet von mindestens sechs toten Zivilisten in Istanbul. Wie viele Menschen in dieser schicksalhaften Nacht bisher ums Leben gekommen sind, ist noch unklar. Es zeichnet sich aber ab, dass es zahlreiche Tote gibt. 

2.45 Uhr: Soldaten sind ins Redaktionsgebäude der Zeitung "Hürriyet" eingedrungen und haben Geiseln genommen. Andere Militärangehörige besetzen die Redaktion des Senders CNN Türk und brechen den Sendebetrieb ab. 

3 Uhr: Erdogan ist auf dem Flughafen von Istanbul gelandet und gibt eine Erklärung ab. Er kündigt an, die Verantwortlichen für den Putschversuch würden "einen hohen Preis" zahlen. Er macht erneut Gülen für den Putschversuch verantwortlich, der dies inzwischen zurückgewiesen hat. Die Angreifer sollten nun aus der Luft "ausgelöscht" werden. In der Tat gibt es mehrere Meldungen über Luftangriffe von Kampfflugzeugen, unter anderem auf ein Polizeihauptquartier in Ankara. 

4.30 Uhr: Der Sender NTV berichtet unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft, es habe 42 Tote gegeben. In Istanbul sind weiter Schüsse zu hören. In Ankara greifen Kampfflieger aus der Luft Panzer der Putschisten an, die vor dem Präsidentenpalast aufgefahren sind. 

6 Uhr: Die Zahl der Toten liegt nach Angaben eines Regierungsvertreters bei mindestens 60. Das Justizminsterium teilt mit, dass mehr als 750 Militärangehörige festgenommen wurden. Die Lage scheint sich zu beruhigen, das Erdogan-Lager hat die Oberhand gewonnen. Doch wie es in der Türkei nun weitergeht, ist unklar. Ministerpräsident Yildirim hat alle Abgeordneten des türkischen Parlaments für Samstagnachmittag zu einer Dringlichkeitssitzung einbestellt. 

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