Somalische Piraten bleiben unbeeidruckt: Racheschwur und neue Entführungen
zuletzt aktualisiert: 14.04.2009 - 16:51Düsseldorf (RPO). Sie haben den mächtigsten Mann der Welt gegen sich – und die gesamte westliche Welt. Hochmodernes Kriegsgerät befindet sich seit Jahren vor Somalias Küste. Auch Deutschland schickte im Dezember 2008 Schiffe, um gegen die Piraten vorzugehen. Doch die Seeräuber vor Somalias Küste halten die Armeen zum Narren, immer wieder gelingt es ihnen Frachter zu kapern – zuletzt brachten die Seeräuber den griechischen Frachter "MV Irene" unter ihre Gewalt.
Drei Schiffe innerhalb von einer Woche – die somalischen Piraten zeigen sich aktiv wie nie. Auch die gewaltsame Befreiung von US-Kapitän Richard Phillips, bei dem zwei Piraten starben, hält die somalischen Seeräuber nicht von weiteren Kaperungen ab.
Deutschland leide als Exportnation und als Staat mit der größten Container- und drittgrößten Handelsflotte weltweit besonders unter der ausufernden Piraterie, so ein Bericht der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik.
US-Präsident Barack Obama kündigte am Sonntag an, die Piraten mit aller Entschlossenheit zu bekämpfen. Die Seeräuber zeigten sich unbeeindruckt und kündigten Rache an."Die Franzosen und Amerikaner werden es noch bedauern, dass sie mit dem Töten angefangen haben", sagte ein Pirat laut Medienberichten. "Von jetzt an werden wir denjenigen etwas antun, die wir für Franzosen oder Amerikaner halten."
Ein Piratenanführer namens Jamac Habeb drohte in einem Telefongespräch mit der Nachrichtenagentur AP damit, von nun an Geiseln zu töten, wenn gekaperte Schiffe angegriffen würden. Sicherheitsexperten werteten das als Wutgeheul, das nachlassen werde, wenn die Spannung abgeflaut sei. Vielmehr würden die Piraten wahrscheinlich eher amerikanische und französische Schiffe meiden, meint David Johnson von EOS Risk Management. Sie wollten keine Eskalation der Gewalt, weil ein höheres Risiko nicht in ihrem Interesse sei.
Was wollen die Piraten?
Seit 2003 erlebt die Piraterie ein Comeback. Laut Internationalen Schifffahrtsbüro (IMB) ist die Zahl der Piratenangriffe allein im Jahr 2008 im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent auf 263 Fälle gestiegen. Beliebtesten Angriffsziel sind laut Piracy Reporting Centre in Kuala Lumpur dabei Container-, Massengut- und Cargofrachter sowie Chemikalien- und Rohöltanker. Hatten es Piraten früher meist nur auf wertvolle Fracht abgesehen, haben viele Seeräuber inzwischen ein neues "Geschäftsmodell" für sich entdeckt: Geiselnahmen mit anschließender Lösegelderpressung sind weitaus einträglicher.
Normalerweise halten mit Sturmgewehren und Panzerfäusten bewaffnete Piraten mit Schnellbooten auf ein Handelsschiff zu und entern es mit Seilen und Haken, ohne dass ein Schuss fällt. Binnen Tagen werden eine oder zwei Millionen Dollar Lösegeld übergeben und Schiff und Besatzung wieder freigelassen, ohne dass jemand verletzt wurde. Geiseln berichteten gar, sie seien "opulent" verpflegt worden – Essen und Getränke stellen die Piraten den Eignern in Rechnung. Die zahlen die Versicherungen mit dem Lösegeld. Die Versicherungsprämien für Passagen entlang der ostafrikanischen Küste steigen mit der Zahl der Überfälle.
Hauptmotiv der Piraten ist die persönliche Bereicherung, so die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Piraterie trete überwiegend dort auf, wo stark befahrene Seewege an Küstenstaaten vorbeiführen, in denen gewaltsame Konflikte und Armut herrschen. Für Somalia trifft das in besonderem Maße zu: In weiten Teilen Süd- und Zentralsomalias herrschen lokale Clans und Milizen. Seit dem Zusammenbruch der somalischen Staatsgewalt 1991 steig der Zahl der Piratenangriffe kontinuierlich an, so die Stiftung.
Das Gewaltmonopol des Staats sei "derart ausgehöhlt, dass weder auf dem noch in den Küstengebieten Sicherheit gewährt werden kann“, schreibt die Stiftung. Teilgebiete des Landes haben sich unter dem Namen Somaliland und Puntland für unabhängig erklärt. Angriffe in Küstennähe sind deshalb so beliebt, weil die Schiffe hier vor Anker liegen oder aufgrund von Untiefen, Meerengen oder hohem Schiffsaufkommen langsam fahren müssen.
Neben den Golf von Aden vor Somalia sind laut einem Papier der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik dabei vor allem die Küsten Nigerias, Indonensiens sowie der Hafen Dar es Salaam in Tansania und Chittagong in Bagladesch betroffen.
Warum sind die Armee so hilflos?
Seit 2001 werden die Piraten vor Somalias Küste im Rahmen der Operation Enduring Freedom von der internationalen Staatengemeinschaft durch die Task Force 150 militärisch bekämpft. In der Folge war zunächst war ein leichter Rückgang zu verzeichnen, bis die Piratenüberfälle 2005 wieder sprunghaft anstiegen, berichtet die Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik. Seit Dezember 2008 beteiligt sich auch die Bundeswehr im Rahmen der EU-Mission "Atlanta" an der Militäraktion.
Die deutsche Marine ist derzeit mit vier Schiffen, vier Hubschraubern und einem Flugzeug an dem Einsatz gegen die Piraten im Golf von Aden beteiligt. Die Bundeswehr besitzt dabei ein sogenanntes robustes Mandat, kann im Notfall also auch scharf schießen. "Warnschüsse wurden auch schon abgegeben", sagte ein Sprecher des Bundeswehr im Gespräch mit unserer Redaktion.
Doch wirklich verhindern kann das internationale Aufgebot von Kriegsschiffen die Überfälle nicht. Der Bundeswehr-Sprecher erklärt das mit der Größe des Seegebiets, auf dem die Piraten operieren. Die Seeräuber hätten ihr Operationsgebiet inzwischen auf „deutlich außerhalb des Golfs von Aden“ ausgeweitet, so der Sprecher weiter.Bundeswehr stockt Kontingent auf
Angesichts der angespannten Lage im Einsatzgebiet hat die Bundeswehr ihr Kontingent für die Anti-Piraten-Mission deutlich aufgestockt. Ursprünglich war nur eine deutsche Fregatte mit 220 Soldaten beteiligt. In den vergangenen Wochen wurde die Truppenstärke mehr als verdreifacht: Drei Schiffe aus anderen Einsatzverbänden wurden abgezogen und in den Kampf gegen die Piraten geschickt.
Am meisten Erfahrung mit der Piratenjagd hat die Besatzung der "Rheinland-Pfalz". Die Fregatte patrouilliert seit Februar vor der somalischen Küste. Unterstützung bekam sie am 23. März von der Fregatte "Emden" und dem Versorger "Spessart", die aus einem Nato-Verband abgezogen wurden. Die "Spessart" wurde nur eine Woche später von Piraten beschossen. Es wurde aber niemand verletzt. Die Angreifer wurden später gefasst und an die kenianische Justiz übergeben.
Vor einer Woche wechselte auch die "Mecklenburg-Vorpommern" zu "Atalanta". Die Fregatte kontrollierte vorher im Rahmen der Anti-Terror-Operation "Enduring Freedom" den Schiffsverkehr am Horn von Afrika. Wie die "Rheinland-Pfalz" hat auch die "Mecklenburg-Vorpommern" zwei Hubschrauber vom Typ "Sea Lynx Mk 88" an Bord. Seit Samstag ist zudem ein Aufklärungsflugzeug der Bundeswehr vom Typ "P-3C Orion" im Einsatz gegen die Piraten.
Die Aufstockung des deutschen Kontingents ist von dem am 19. Dezember beschlossenen und für ein Jahr geltenden Bundestagsmandat gedeckt. Danach können bis zu 1.400 Bundeswehrsoldaten an der EU-Mission teilnehmen.
Neues Kapital der Piratenbekämpfung?
US-Präsident Barack Obamas Kampfansage an die Piraterie könnte nach Ansicht von Crispian Cuss vom Sicherheitsunternehmen Olive Group "ein neues Kapitel" einläuten. 2008 hätten die Seeräuber "ein richtig gutes Jahr gehabt, viel Geld gemacht, und alle Entführungen wurden friedlich gelöst". Die Besatzungen zu bewaffnen, lehnen Reedereien und Versicherer ab. Auch Noel Choong vom IMB hält nichts davon: "Dann schießen die Piraten auf die Crews, auch wenn die unbewaffnet sind. Das schafft weitere Probleme, weil dann die Besatzungen beginnen, auf andere Schiffe zu schießen" - auch wenn es gar keine Piraten sind. Gegen internationales Recht verstieße es ohnehin, und eine Änderung würde Jahre dauern.
Bislang habe die Staatengemeinschaft nicht viel unternommen, kritisiert Cuss. "Wenn vielleicht fünf Schiffe der EU-Mission auf einer zweieinhalb Millionen Quadratkilometer große Fläche patrouillieren, zeigt das, dass sie es nicht ernst nehmen." Die jüngsten Vorfälle müssten aufrütteln, fordert er. Die Staatengemeinschaft müsse sich entscheiden, ob es die Sache wert sei, direkt oder indirekt in Somalia zu intervenieren, oder ob man weiter zahlen wolle. "Die internationale Staatengemeinschaft hat das Problem der Piraterie erkannt“, sagte dagegen eine Sprecherin des Auswärtigen Amts gegenüber unserer Redaktion, das zeige das militärische Vorgehen. Deutschland unterstütze nicht nur die Bemühungen der Staatengemeinschaft, die Piraten militärisch zurückzudrängen, sondern auch die Bemühungen der Afrikanischen Union, Somalia zu stabilisieren.
Er weist auch darauf hin, dass bislang in der Regel keine Geiseln umgebracht wurden: In all den Jahren wurde ein einziger philippinischer Seemann unter unklaren Umständen getötet. Auch Cross findet das bemerkenswert, "wenn man bedenkt, wie viele Geiseln genommen wurden, und dass da sehr, sehr junge Männer mit Waffen herumlaufen. Da ist schon die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls sehr groß, von Mord ganz zu schweigen".
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum