Afghanistan: Rätsel um Blutbad nach US-Angriff
zuletzt aktualisiert: 08.05.2009 - 15:32Kabul (RP). Nach Berichten über 120 durch US-Bomben getötete Zivilisten in Afghanistan meldet das amerikanische Militär Zweifel an der Darstellung an, dass die Opfer auf Luftangriffe zurückzuführen sind. Dorfbewohner hätten bestätigt, dass die Islamisten die Einwohner umgebracht hätten.
Die radikal-islamischen Taliban stehen unter Verdacht, die angeblichen zivilen Opfer von US-Luftangriffen auf zwei Dörfer in der Provinz Farah selbst getötet zu haben, um den Hass auf die internationalen Truppen in Afghanistan zu schüren. Aus ranghohen US-Militärkreisen verlautete, die mit der Untersuchung beauftragten Spezialisten gingen davon aus, dass die Dorfbewohner durch Granaten der Taliban-Kämpfer getötet wurden.
Die Taliban hätten dann einige Leichen, darunter tote Kinder, auf Fahrzeuge geladen und in dem Dorf verteilt, um es wie die Folgen eines Luftangriffs aussehen zu lassen.
USA ermitteln mit afghanischen Behörden
Der Kommandeur der US- und Nato-Soldaten in Afghanistan, General David McKiernan, berichtete, amerikanische Soldaten seien afghanischen Einheiten zu Hilfe gekommen, die am Sonntag in einen Taliban-Hinterhalt geraten seien. Die Islamisten hätten drei Zivilisten enthauptet – möglicherweise, um die Polizei anzulocken. "Wir haben Informationen, die uns zu merklich anderen Schlussfolgerungen über den Grund für die zivilen Verluste führen", sagte McKiernan. Einzelheiten wollte er nicht nennen.
Die USA arbeiten nun mit den afghanischen Behörden zusammen, um den Fall aufzuklären. Als Quelle für die Vorwürfe gegen die Taliban werden Einheimische genannt. Sie hätten dies den US-Ermittlern berichtet, die zu dem Dorf aufgebrochen waren. Es gebe bislang aber keine konkreten Beweise. Nach Angaben aus afghanischen Behördenkreisen wurden bei dem Angriff im Westen des Landes bis zu 120 Zivilisten getötet. In den Dörfern hatten sich Taliban-Kämpfer verschanzt, die von afghanischen Soldaten umzingelt worden seien. Die Afghanen hätten Unterstützung durch US-Kampfflugzeuge angefordert.
Opfer vermeiden
Präsident Barack Obama hatte bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai und seinem pakistanischen Kollegen Asif Ali Zardari am Mittwochabend erklärt, die USA würden alles tun, um Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden. US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte, die Regierung bedauere zutiefst den Tod Unbeteiligter in Afghanistan. Barack Obama lobte nach dem Dreiergipfel den Willen zu einer "nie dagewesenen Zusammenarbeit". Der Kampf gegen aufständische Islamisten in Afghanistan und Pakistan sei eine schwierige Aufgabe. Es werde "noch mehr Gewalt und auch Rückschläge geben", sagte er. Karsai und Zardari seien sich der ernsten Bedrohung bewusst und hätten ihre Entschlossenheit bekräftigt, dagegen vorzugehen.
Nach dem Tod der Zivilisten in Farah haben Hunderte von wütenden Afghanen gegen die Regierung in Washington protestiert. Demonstranten warfen gestern in der Hauptstadt der Provinz mit Steinen auf Regierungsgebäude und riefen Parolen wie "Tod Amerika". Einige feuerten nach Angaben von Augenzeugen auch Schüsse in die Luft ab. Als Polizisten die Menge auseinandertreiben wollten, warfen die Demonstranten auch Steine auf sie, wie der stellvertretende Gouverneur der Provinz Farah, Mohammed Junus Rasuli, mitteilte. Vier Verletzte wurden nach Ärzteangaben im Krankenhaus behandelt.
Angriff auf Patrouille
Bei der Trauerfeier für den in Afghanistan bei einem Anschlag getöteten Bundeswehrsoldaten hat Verteidigungsminister Franz Josef Jung den Einsatz rechtfertigt. "Diejenigen, die jetzt an Rückzug denken, würden Afghanistan wieder in die Hände der Taliban geben", sagte der CDU-Politiker gestern in Bad Saulgau. "Genau das ist es, was die Taliban erreichen wollen. Und das dürfen wir im Interesse unserer Sicherheit nicht zulassen."
Ein 21-jähriger Hauptgefreiter aus Saulgau, der in Donaueschingen beim Jägerbataillon 292 stationiert war, war am 29. April bei Kundus in einen Hinterhalt geraten und durch eine Panzerfaustgranate tödlich verletzt worden.
Im Norden Afghanistans ist am Donnerstag eine Bundeswehr-Patrouille mit 29 Soldaten unter Beschuss geraten. Niemand wurde verletzt. Die Soldaten wurden nach Angaben des Verteidigungsministeriums gegen Mittag in der Nähe von Kundus mit Panzerabwehrwaffen attackiert und verfolgten die Angreifer anschließend zusammen mit afghanischen Sicherheitskräften.
Es habe ein mehrstündiges Gefecht gegeben, in dessen Verlauf vier Mitglieder der Gegenseite durch afghanische Sicherheitskräfte getötet, vier weitere verwundet und vier gefangen genommen worden seien - "allesamt durch afghanische Behörden", berichtete Raabe. Auch am Freitag sei noch weiter gekämpft worden.
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