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Essay
Die Türken und wir

Recep Tayyip Erdogan: Die Türken und wir
Beeinflusst die Erinnerung an die Türkenkriege die Verhandlungen um den EU-Beitritt des Landes? Hier die Schlacht am Kahlenberg 1683, gemalt von einem unbekannten Künstler: Polens König Johann III. Sobieski (vorn links) kommt Wien zur Hilfe. FOTO: DPA
Berlin. Die türkische Parlamentswahl an diesem Sonntag ist verknüpft mit Erwartungen an und Befürchtungen für das Verhältnis zwischen Europa und Ankara. Zugleich lässt sich eine rätselhafte emotionale Belastung erkennen, die seit Jahrhunderten bis heute auf die Menschen wirkt. Von Gregor Mayntz

Mit großen Erwartungen blicken Millionen Menschen und die deutsche Politik auf die türkische Parlamentswahl am morgigen Sonntag. Wird Staatschef Recep Tayyip Erdogan danach die Grenzen wieder sichern und den Flüchtlingszustrom nach Deutschland eindämmen? Werden die Wahlen nach den massiven Einschüchterungen und Verfolgungen von Regierungsgegnern überhaupt frei zu nennen sein? Driftet die Türkei in die arabische Welt ab? Weg von Europa? Oder kommt es zu neuen Instabilitäten bei uns?

Ein latentes Unbehagen, ja regelrechte Furcht gibt es bei Bewegungen aus der Türkei Richtung Europa. Auch mehr als fünf Jahrzehnte nach der Besiegelung des türkisch-europäischen Assoziierungsabkommens mit der klaren Perspektive immer enger werdender Kooperation wird Ankara immer noch hingehalten, sperren sich CDU und CSU nach Kräften gegen jede EU-Mitgliedschaft der Türkei. Gegner einer Einbindung Ankaras in die EU-Verantwortung fällt es leicht, Stimmung zu machen, bei vielen Deutschen ein Kopfkino anzuknipsen, in dem ihre Identität in anatolisch anmutenden Straßenszenen verloren geht. Da kann es ein Angst-Appell zum Bestseller bringen, wie es Thilo Sarrazin mit "Deutschland schafft sich ab" mühelos gelang.

Kann es wirklich sein, dass dahinter immer noch die Türkenkriege des 16. und 17. Jahrhunderts stehen? Wird das damalige europäische Aufatmen in den Genen vererbt, "die Türken" 1683 vor Wien gestoppt zu haben? Mit 160.000 Kriegern war Großwesir Kara Mustafa bis Wien marschiert, wurde vor dem greifbaren Durchbruch jedoch von einer europäischen Allianz vertrieben. Provokant gefragt: Entstand hier das Pegida-Gefühl, die Islamisierung des Abendlandes verhindert zu haben? Diese Sprache bügelt die Phasen religiöser Toleranz unter muslimischem Einfluss platt, die zur Wahrheit dazugehören.

Ja, die Sprache, sie ist immer noch verräterisch. Sechs harmlose Buchstaben, ein C, ein A, zwei F und zwei E, bilden den Auftakt für deutsch-türkische Emotionalisierung. Noch vor wenigen Jahren deutschen Kindern vorgesungen und im Internet nach zwei Klicks jederzeit abspielbar: "C, A, F, F, E, E, trink nicht so viel Caffee", heißt es völlig unverdächtig. Doch dann bekommen die Kleinen eine Warnung mit vor dem "Türkentrank" und dass sie bitte kein "Muselmann" sein mögen, der von dem Getränk "nicht lassen" könne.

Es ist kein Ausrutscher im unbedachten Sprachgebrauch. Klassiker in Oper und Literatur pflegen Aversionen gegen "die Türken". Und was tut der, der täuscht? Der "türkt". Mit der Anglizismen-Welle tritt dies inzwischen in den Hintergrund, wird weniger oft "ein Türke gebaut", häufiger ein "Fake" geschaffen.

In den emotionalen Beziehungen zu "den" Türken sind "die" Deutschen zwiegespalten. Die einen empfanden es als überfällig, dass ein Bundespräsident die schlichte Wahrheit aussprach, wonach der Islam zu Deutschland gehöre. Doch viele wehren sich bis heute gegen diese Feststellung. Weil sie im Grunde die Moscheen und Minarette für Fremdkörper halten, die schon wieder verschwinden, wenn die "Gastarbeiter" wieder gehen?

Sie gehen nicht. Von den drei Millionen mit türkischen Wurzeln hat eine Million den deutschen Pass, empfindet eine weitere Million Deutschland und die Türkei gleichermaßen als Heimat, lassen sich jährlich 33.000 einbürgern. Deshalb ist der Ku'Damm voller türkischer Fahnen, wenn die Türkei bei der EM gewinnt, schwingen dieselben Türken deutsche Fahnen, wenn Deutschland bei der WM gewinnt. Immer mehr Migranten der zweiten und dritten Generation mischen erfolgreich mit in Sport, Wirtschaft, Gesellschaft, Politik: Die deutsche Aishe hat die deutsche Eiche sinnvoll ergänzt. Nicht nur der Islam gehört zu Deutschland, vielmehr bringen Millionen türkisch-deutsche Lebenswege das Land voran.

Und warum treffen diese Einsichten immer wieder auch an Grenzen? Weil Erdogan die Realität der modernen Türkei in Richtung Klischee zu verändern versucht. Etwa wenn er mit seinem Tausend-Zimmer-Palast nicht nur architektonisch an osmanische Hegemoniesucht anknüpft. Oder beim Wahlkampf in Deutschland türkische Identität vor deutsch-türkische Integration stellt.

Auf der anderen Seite hat Goethe unrecht: Es kann uns nicht egal sein, ob "hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen". Regionale und innertürkische Konflikte haben direkte Auswirkungen auf Deutschland, auf seine äußeren Verpflichtungen wie auf seine innere Stabilität. Und Millionen Menschen können mit der Frage, was Deutsche und Türken trennt und verbindet, nichts mehr anfangen. Weil sie irgendwie oder auch ganz bewusst beides sind.

Quelle: RP
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