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Türkei
Kampf um die Straße

Recep Tayyip Erdogan und die Türkei: Kampf um die Straße
Fahnen auf dem Taksim-Platz. FOTO: ap, LP
Istanbul. Gezi-Park und Taksim-Platz wurden 2013 zum Symbol der ersten Niederlage Recep Tayyip Erdogans. Nach dem Putsch ist die Stimmung wieder aufgeheizt; das Straßenbild aber hat sich verändert. Von Frank Nordhausen

Surreal fühle es sich an, sagt Cem Tüzün und lächelt ein wenig. Die organisierten Kundgebungen nach dem Putsch, die Diskussion um Todesstrafe, Gülenisten, Verräter der Nation. Während des versuchten Staatsstreiches einer kleinen Gruppe der Militärs am Freitagabend kamen mehr als 250 Menschen in wenigen Stunden um. Tausende in Militär, Justiz und Verwaltung wurden seither verhaftet, rund drei Millionen Beamte aus den Ferien zurückbeordert. "Und dann ruft Staatspräsident Erdogan sein Volk nachts um halb zwei zu seiner Privatresidenz und hält ihm eine Rede, die sich allen Ernstes darum dreht, dass er den Gezi-Park mit einer Kaserne im Osmanenstil bebauen und auf dem Taksim-Platz ein festliches Opernhaus errichten will! Ist das nicht unglaublich?"

Cem Tüzün nippt an seinem Tee in einem Café im Istanbuler Szeneviertel Beyoglu. Der linke Netzwerker, Mitglied der sozialdemokratischen Oppositionspartei CHP, berichtet von seinen Gedanken seit Freitag. Er war in seinem Sommerhaus am Mittelmeer. "Ich habe den Putsch von 1980 miterlebt und wurde verhaftet, ich kenne keinen Linken oder Liberalen, der einen Militärputsch gutheißt", sagt er. Doch viele Freunde würden ihre Wohnung jetzt nicht verlassen, sie hätten Angst vor Islamisten, Angst vor Übergriffen durch den Mob.

Der 52-Jährige hat die letzte Nacht ganz in der Nähe an jenem Platz verbracht, der sein Leben mitbestimmt: dem Taksim, dem Herz der Megametropole. Dieser ist ein zentrales Symbol der türkischen Linken und Kemalisten, seit dort am 1. Mai 1977 Unbekannte auf Gewerkschafter schossen und ein Blutbad anrichteten. Tüzün hat hier gegen den Abriss von Häusern und für den Erhalt denkmalgeschützter Kinos gekämpft und sich als führendes Mitglied der Taksim-Solidaritätsplattform 2013 gegen die von Erdogan geplante Bebauung des Gezi-Parks mit einem Einkaufszentrum im Stil einer Osmanenkaserne eingesetzt. Es folgte ein Sommer des Aufruhrs, der das ganze Land ergriff und sich zunehmend gegen den autoritären Regierungsstil Erdogans richtete. Gezi-Park und Taksim-Platz wurden zum Symbol der ersten großen politischen Niederlage des mächtigen Politikers. Es war eine Schlappe, die Erdogan bis heute nicht verwunden hat, wie sein Auftritt in der Nacht zum Dienstag beweist. "Jetzt versuchen die Erdogan-Leute, eine Art Gezi-Moment für sich zu schaffen. Aber das hat etwas Künstliches", sagt Cem Tüzün.

Flaggenmeer auf dem Taksim-Platz

Seit der Niederschlagung der Gezi-Proteste wurde der Taksim-Platz für politische Versammlungen gesperrt. Die Begründung für das Verbot von Gewerkschafts-, Schwulen- oder Kurdendemonstrationen war stets dieselbe: Sicherheitsbedenken. Selbst die kleinste Kundgebung wurde von der Polizei gewaltsam aufgelöst. Jetzt haben Erdogan und Ministerpräsident Binali Yildirim dazu aufgerufen, sich auf Straßen und Plätzen zu versammeln, um "die Republik zu verteidigen". Seither verwandelt sich der Taksim jeden Abend in ein Meer aus roten türkischen Flaggen.

Von der Fassade des entkernten Atatürk-Kulturzentrums grüßen jetzt zwei überdimensionale Erdogan-Porträts. Das ist symbolisch bedeutsam, denn diese Stelle war bisher für den säkularen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk reserviert. Abends gehört der Platz nun den Nationalen, Konservativen und Frommen aus allen Vierteln der Stadt. Es herrscht Volksfeststimmung. Rote bengalische Feuer und Hunderte Handys leuchten für die Familien-Selfies. Bis zu 10.000 Menschen werden mit politischen Parolen und dem AKP-Wahlkampf-Schlager "Recep Tayyip Erdogan" beschallt.

Die Stadtteilverwaltung von Beyoglu hat eine professionelle Bühne mit zwei Großbildschirmen und Soundsystem aufgebaut. Alle in Istanbul dürfen seit Samstag U-Bahnen, Busse und Bosporusfähren kostenlos benutzen. Plötzlich brausen Dutzende Motorradfahrer auf den Platz, stoppen ihre Maschinen, brüllen "Allahu akbar!". Junge Männer und Frauen formen ihre Hände zum Wolfsgruß, dem Zeichen der faschistischen "Grauen Wölfe", und rufen Parolen aus der Militärausbildung: "Alles für das Volk!" Als der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu dann am späten Dienstagabend spricht, fordern die Menschen in lauten Sprechchören: "Todesstrafe für die Verräter!" Eine junge Frau, die international arbeitet, findet das richtig: "Natürlich müssen die Rädelsführer hingerichtet werden." Sie hoffe, dass nun alle "Verräter der parallelen Organisation" gefunden und bestraft würden. "Parallele Organisation" ist eine Umschreibung Erdogans für die Anhänger der islamischen Gülen-Bewegung, die er für den Putschversuch verantwortlich macht.

Normalität und Stabilität?

Die Menschen auf dem Platz feiern ein neues großes gemeinsames Narrativ: Es waren nicht die Parteien, es war das einfache Volk, das die Putschisten stoppte. Doch auf dem Taksim-Platz ist eher das halbe Volk. Man sieht keine Anhänger der linken oder kurdischen Opposition. Nur Cem Tüzün ist an diesem Abend gekommen, um sich der wiedergewonnenen Demonstrationsfreiheit zu erfreuen. Er kündigte sein Erscheinen per Facebook und Twitter an und erhielt Hunderte besorgter Warnungen von Freunden. Sie fürchten, dass anstelle der Gülenisten, die keine Erkennungszeichen tragen, jetzt Säkulare, Minderheiten, alle "Anderen" zur Zielscheibe werden. Tüzün sagt lächelnd, er habe sich gut beschützt gefühlt. 20 bis 30 Zivilpolizisten hätten ihn ständig im Auge gehabt.

Der Aktivist glaubt, dass sich viele in der Türkei nur nach einem sehnen: Normalität und Stabilität. Ob es Erdogan jetzt gelinge, Taksim-Platz und Gezi-Park symbolisch zu okkupieren, sei letztlich nebensächlich. Viel wichtiger sei, ob das Land noch tiefer ins Chaos sinke oder ob es endlich eine Umkehr gebe, personell oder politisch. "Viele Freunde sind tief deprimiert und denken, sie müssten auswandern", sagt er. "Aber ich glaube, wir Türken werden die Probleme lösen. Wir sind Meister der Improvisation. Wir haben jetzt fünf Militärputsche überstanden! Wir brauchen nun klare Ansagen gegen eine Diktatur. Wir brauchen eine mutige Führung der Opposition." Ausländische Freunde würden ihn seit dem Putsch ständig zum Essen einladen, um ihr Mitgefühl auszudrücken, sagt er: "Aber wir brauchen kein Mitgefühl, wir brauchen jetzt Unterstützung."

Quelle: RP
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