| 01.46 Uhr

Gewalt bei Referendum
Zahl der Verletzten in Katalonien steigt auf 844

Polizei geht hart gegen Teilnehmer des Referendums vor
Polizei geht hart gegen Teilnehmer des Referendums vor FOTO: rtr, PH/FL
Barcelona. Während der Abstimmung über die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien hat es Hunderte Verletzte bei Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Befürwortern des Referendums gegeben.

Trotz eines gerichtlichen Verbotes und gegen den Willen der Zentralregierung in Madrid hat die katalanische Regionalregierung in Barcelona das umstrittene Referendum über eine Loslösung der Region von Spanien durchgezogen. Dabei kam es zu heftigen Zusammenstößen.

Schon bei der Öffnung der Wahllokale um 9 Uhr griffen die von Madrid entsandte paramilitärische Guardia Civil und die Nationalpolizei teilweise hart durch. Sie versuchten, Wähler energisch am Zugang zu den Urnen zu hindern. Beamte schlugen und traten auf Menschen ein, die sich friedlich vor den Wahllokalen versammelt hatten. Bis zum Abend wurden nach amtlichen Angaben 844 Bürger verletzt, darunter einige schwer. 33 Polizisten erlitten Blessuren.

Referendum in Katalonien: Eindrücke von den Demos in Barcelona

Der spanische Regierungschef Mariano Rajoy hat den Polizeieinsatz als erfolgreich bezeichnet. "Heute hat es kein Referendum für eine Selbstbestimmung in Katalonien gegeben", sagte Rajoy am Sonntagabend nach dem Ende der Volksabstimmung in einer Fernsehansprache. "Der Rechtsstaat bleibt mit all seiner Stärke in Kraft."

90 Prozent stimmen für Loslösung

Regionalpräsident Carles Puigdemont erklärte indes in einer TV-Ansprache am Abend, Katalonien habe beim Referendum das Recht auf staatliche Unabhängigkeit von Spanien gewonnen. Nach Angaben von Jordi Turull, dem Sprecher der Regionalregierung, hätten sich 90 Prozent der Wähler für eine Loslösung von Spanien ausgesprochen.

Angespannte Stimmung am Referendumstag in Katalonien FOTO: dpa, nicolas carvalho ochoa htf

Dieses Resultat verkündete Turull in der Nacht zu Montag in Barcelona. Den Angaben des Sprechers zufolge gaben aber weniger als die Hälfte der 5,3 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimmen ab. Insgesamt seien 2,26 Millionen Stimmzettel gezählt worden, die Zahl der Ja-Stimmen habe bei 2,02 Millionen gelegen.

"Das Zusammenleben gewinnt"

Die stärkste Oppositionskraft in Madrid, die sozialistische Partei (PSOE), sprach von "Schande und Traurigkeit". PSOE-Chef Pedro Sánchez rief zur Bewahrung der Ruhe auf, damit "das Zusammenleben gewinnt". Die Sorge um die Gewalt in einem der wichtigsten Länder der EU erreichte auch Deutschland. "Die Eskalation in Spanien ist besorgniserregend", schrieb der SPD-Chef und langjährige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz auf Twitter. Madrid und Barcelona müssten "sofort deeskalieren und den Dialog suchen".

Ein Kompromiss ist aber weiter nicht in Sicht. Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont erklärte, die Sicherheitskräfte hätten auch Gummigeschosse und Schlagstöcke gegen friedliche Bürger eingesetzt. Er sprach von einem "ungerechtfertigten, irrationalen und unverantwortlichen" Gewalteinsatz. In Richtung der Regierung des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy sagte er: "Es ist alles gesagt, die Schande wird sie auf ewig begleiten."

Regionalregierung will klagen

Am Abend kündigte ein Sprecher der katalanischen Regionalregierung juristische Schritte gegen die Zentralregierung in Madrid an. Diese wies alle Vorwürfe zurück. Die stellvertretende Regierungschefin Soraya Sáenz de Santamaría sagte, der Einsatz der Polizei sei aufgrund der "Verantwortungslosigkeit" der Regierung in Barcelona nötig und auch "verhältnismäßig" gewesen. Sie bezeichnete die Abstimmung als Farce: "Es hat kein Referendum gegeben. Der Rechtsstaat funktioniert und hat Werkzeuge, um die Einhaltung der Gesetze zu gewährleisten." Rajoy ließ sich bis zum Abend nicht öffentlich blicken.

Die Frage auf den Stimmzetteln lautete: "Wollen Sie, dass Katalonien zu einem unabhängigen Staat in Form einer Republik wird?" Laut Regionalregierung lief die Stimmabgabe in mehr als 95 Prozent der 3215 Wahllokale normal ab. Da die Gegner einer Abspaltung überwiegend nicht zur Wahl gingen, wurde eine klare Mehrheit für die Unabhängigkeit erwartet. Je höher die Beteiligung, desto mehr Gewicht dürfte das Referendum haben.

Gewerkschaften rufen zu Generalstreik auf

Aus Protest gegen die Gewalt beschloss der Fußball-Topclub FC Barcelona, das  Spiel gegen UD Las Palmas unter Ausschluss der Öffentlichkeit auszutragen. Der Antrag des Vereins, das Spiel ganz abzusagen, war vom Verband abgelehnt worden.

Der Gewerkschaftsbund CCOO rief für Dienstag zu einem Generalstreik in Katalonien auf, um gegen die Polizeigewalt zu demonstrieren. Zudem sollte es am Montag Proteste vor Rathäusern in der Region geben. Mit dem Streik solle "die Gewalt vonseiten der Sicherheitskräfte des Staates, um das Referendum zu stoppen" verurteilt werden, erklärte CCOO in einer Mitteilung. Auch der Präsident der Organisation Omnium Cultural, Jordi Cuixart, rief für Dienstag zur Arbeitsniederlegung auf.

Eine "schlagkräftige Antwort" auf die Repression sei nötig, sagte die regionale Sprecherin des nationalen Gewerkschaftsbundes CCOO, Dolors Lobet, am Sonntagabend in Barcelona nach einem Treffen mit Vertretern mehrerer Verbände und Gruppierungen. Der UGT, neben CCOO der einflussreichste Gewerkschaftsverband Spaniens, wolle am Montag über eine Teilnahme an der Arbeitsniederlegung entscheiden.

 

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Referendum in Katalonien: Behörden sprechen von mehr als 300 Verletzten


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.