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Flüchtlinge im Mittelmeer
Retter unter Verdacht

Flüchtlingskrise: Auf dem Meer mit "Jugend Rettet" auf der Iuventa
Lampedusa. Private Seenotretter fischen Flüchtlinge aus dem Meer, aber manchen EU-Regierungen gefällt das gar nicht. Machen die Helfer gemeinsame Sache mit Schleppern? Fragen und Antworten. Von Pauline Schinkels, Correctiv

Der deutsche Innenminister ist besorgt. Sein italienischer Kollege Marco Minniti habe ihm gesagt, "dass Schiffe in libysche Gewässer fahren und vor dem Strand ihre Positionslichter einschalten, um den Rettungsschiffen schon mal ein Ziel vorzugeben". Thomas de Maizière (CDU) sagt: "Das löst kein Vertrauen aus." Die Staatsanwaltschaft im sizilianischen Trapani sieht das offenbar genauso. Sie wirft privaten Seenotrettern wie dem deutschen Verein "Jugend rettet" vor, mit Schlepperbanden zu kooperieren. Deswegen hat die italienische Behörde am Mittwoch das deutsche Schiff "Iuventa" beschlagnahmt. Es liegt nun im Hafen von Lampedusa. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was wird den Rettern vorgeworfen? Das Internet ist voll von Spekulationen. Mal heißt es, die Vereine telefonierten mit Schleppern. Mal sollen sie ihnen Lichtzeichen geben, um zu signalisieren, wo die Rettungsschiffe genau stehen. Mal lautet der Vorwurf, dass sie ihr Ortungssignal abschalten, damit niemand nachverfolgen könne, dass sie die Flüchtlinge direkt vor der libyschen Küste abholen. 22 Kilometer vor der libyschen Küste verläuft die Grenze, die die Helfer nicht überschreiten dürfen. Genau das soll aber mehrfach passiert sein, so steht es in vielen Artikeln. Sogar von "Taxifahrten" über das Mittelmeer für Geflüchtete ist die Rede.

Und was ist an den Vorwürfen dran? Es ist schwierig, das abschließend zu beurteilen, zumal nicht klar ist, welche Beweise der Staatsanwaltschaft konkret vorliegen. Laut der italienischen Zeitung "La Repubblica" haben die Ermittler die Kommunikation von "Jugend rettet" abgehört, worauf sich der Vorwurf der Kooperation mit Schleppern erhärtet habe. Willi Wittig ist Experte für Nautik und Seeverkehr an der Hochschule Bremen. Er hält zumindest einige der Vorwürfe nicht für glaubwürdig. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schiffe im großen Stil ihr Ortungssystem abschalten", sagt Wittig. Es lasse sich nachvollziehen, wann jemand das Signal abschalte, "so dumm ist niemand." Journalisten der "Zeit" haben kürzlich die Positionsdaten der Rettungsschiffe ausgewertet. Ergebnis: Die privaten Seenotretter halten sich an die Richtlinien.

Was ist mit den Leuchtsignalen? Auch das mag Seefahrtsexperte Wittig nicht recht glauben. Vorausgesetzt, die Schiffe bleiben in internationalem Gewässer, also vor der libyschen Küste - schon das Licht sei nicht stark genug. Die Nichtregierungsorganisationen verweisen auf die internationalen Kollisionsverhütungsregeln. Die besagen, dass Schiffe nachts, bei beschränkter Sicht und zur Seenotrettung durch Lichter sichtbar zu machen sind. Rechtswidrig wäre es, wenn keine Seenotlage vorläge und die Leuchten lediglich der Zusammenarbeit mit Schmugglern dienen würden. Zu diesem Fazit kommt ein entsprechendes Arbeitspapier des Bundestages. Diese Zusammenarbeit wirft die sizilianische Staatsanwaltschaft den Rettern allerdings vor.

Steigen wegen der Rettungsschiffe mehr Flüchtlinge in Boote? Forscher der Universität Oxford kommen zu dem Ergebnis: Mehr Seenotretter bedeuten nicht mehr Geflüchtete. Genau wie weniger Seenotretter nicht bedeuten würden, dass weniger Flüchtlinge die Überfahrt wagen. Es sterben dann lediglich mehr. Vergleicht man die Orte, wo Geflüchtete im Mittelmeer aufgelesen wurden, dann rücken die Retter von Jahr zu Jahr näher an die libysche Küste, das ergab eine Datenauswertung der "New York Times". Dafür gibt es verschiedene Gründe. Um gegen Schleusernetzwerke vorzugehen, wurden die bisherigen Holzboote, die für die Überfahrten genutzt wurden, verbrannt. Inzwischen schicken die Schlepper die Geflüchteten auf billigen Schlauchbooten nach Europa. Der Sprit reicht oft nur für wenige Kilometer. Die Helfer sagen, dass sie deshalb näher an die Küste müssen. Gerade das würde den Schleppern die Arbeit erleichtern, sagen die Behörden. Die EU hat nach Kritik an ihren Einsätzen wie "Mare Nostrum" die humanitäre Hilfe im Mittelmeer reduziert und damit die privaten Retter auf den Plan gerufen. Laut der europäischen Grenzschutzagentur Frontex werden inzwischen 40 Prozent der Flüchtlinge von privaten Schiffen gerettet.

Wann darf die "Iuventa" wieder aufs Meer? Die italienischen Behörden wollen, dass die Helfer einen Verhaltenskodex unterzeichnen. Neben "Jugend rettet" weigern sich auch die Vereine "Sea-Watch", "Ärzte ohne Grenzen" und "Sea-Eye", dies zu tun. Der sechsseitige Kodex verlangt von den Rettern, nicht in libysche Gewässer zu fahren, nicht ihr Ortungssignal abzuschalten und nicht mit Schmugglern zu kommunizieren. Die drei deutschen Organisationen "Sea-Eye", "Sea-Watch" und "Jugend rettet" sagen, dass sie das ohnehin schon tun. Nur in Ausnahmefällen und auf Geheiß der Koordinierungsstelle für Seenotrettung in Rom fahre man in libysche Gewässer. Die letzten Verhandlungen mit den Behörden waren am Montag, wann die "Iuventa" wieder aufs Meer darf, ist unklar.

Warum ist der Kodex für die Helfer problematisch? Für die Retter geht es um ihre Akzeptanz und ihre Existenz. Denn sollten sie den Kodex in seiner derzeitigen Fassung unterzeichnen, könnte dies das Aus für kleine Rettungsschiffe wie die "Iuventa" bedeuten. Derzeit leisten die Vereinsmitglieder eine Erstversorgung. Dann warten sie auf größere Schiffe, die die Flüchtlinge mit nach Italien nehmen. Der Kodex schließt eine solche Übergabe aus.

Warum ist der Kodex für Italien so wichtig? Das Land fühlt sich in der Flüchtlingsfrage allein gelassen. Es trägt die Hauptlast, weil die Verteilung der Flüchtlinge in der EU ungeklärt ist. Seit Januar kamen 85.183 Flüchtlinge über die Mittelmeerroute nach Italien. Viele werten den Kodex als Hilferuf. Auch das deutsche Innenministerium unterstützt ihn.

Wir müssen retten, sagen die NGOs - stimmt das? Artikel 98 des Internationalen Seerechtsübereinkommens schreibt vor, dass, wer in Not ist, gerettet werden muss. Es spielt dabei keine Rolle, ob die betreffende Person sich absichtlich oder nicht absichtlich in eine entsprechende Situation gebracht hat. Daran halten sich auch Handelsschiffe, die Frontex-Operation "Triton" und die EU-Militärmission "Sophia". Die deutschen Marineeinheiten, die an "Sophia" beteiligt sind, retteten dieses Jahr bisher 2100 Geflüchtete auf dem Meer.

Die Autorin ist Redakteurin des Recherchezentrums Correctiv, mit dem unsere Zeitung kooperiert. Es finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Informationen finden Sie unter: http://correctiv.org

Quelle: RP
 
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