Umstrittenes Projekt spaltet Brasilien: Rio baut Mauer um Elendsviertel
VON TOBIAS KÄUFER - zuletzt aktualisiert: 25.05.2009 - 10:46Rio de Janeiro (RP). Die brasilianische Metropole will ihre weltberühmten Strände und die Viertel der Wohlhabenden mit einem zwei Meter hohen Bauwerk von den wuchernden Favelas abschotten. Viele Bewohner wehren sich.
Die Illusion von Sicherheit kostet die Steuerzahler umgerechnet etwa 14 Millionen Euro: Mit einer rund zwei Meter hohen und 15 Kilometer langen Betonmauer will Gouverneur Sergio Cabral die Gewalt in der brasilianischen Millionenmetropole Rio de Janeiro eindämmen und zugleich dem unkontrollierten Wildwuchs der Armenviertel Einhalt gebieten.
Vordergründig geht es in der weltbekannten Stadt am Zuckerhut um den Umweltschutz: Mit dem Bau des umstrittenen Begrenzungswalls wollen die Ordnungshüter verhindern, dass sich die Favelas immer weiter in den Urwald hineinfressen: "Das Ziel ist, die städtische Ordnung wiederherzustellen. Und wir wollen verhindern, dass der Wald weiter in Mitleidenschaft gezogen wird", mit diesen Worten präsentiert sich Cabral als Umweltschützer.
Bevölkerung: 190 Millionen Menschen leben in Brasilien, 500000 von ihnen sind Ureinwohner (indigene Völker)
Fläche: mit 8,5 Millionen Quadratkilometern ist es das fünfgrößte Land der Erde
Politik: Staatsoberhaupt und Regierungschef ist Luiz Inácio Lula da Silva, er führt eine lose zusammengefügte Koalition eines breiten Parteienspektrums.
Wirtschaft: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei 8264 Dollar.
Eine Einschätzung die einige der Favela-Bewohner sogar teilen, denn oft werden die Hütten an Steilhängen errichtet, die nach heftigen Regenfällen von verheerenden Erdrutschen bedroht sind. Jedes Jahr sterben auf diese Weise Dutzende Bewohner allein in Rio. Doch längst ist in Brasilien eine Diskussion über die tatsächlichen Beweggründe des symbolträchtigen Bauwerkes entbrannt. Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs den das Schwellenland in den vergangenen Jahren erfährt, ist die Armut im größten Staat Südamerikas nicht einmal ansatzweise besiegt.
Rund 1000 Favelas durchziehen planlos das Stadtgebiet. Rund 1,5 Millionen Menschen wohnen in den Armenvierteln. Die illegal errichteten Stadtviertel kennt die wohlhabende Mittel- und Oberschicht nur als Brutstätte von Gewalt und Kriminalität. Täglich flimmern in den Nachrichten Bilder von schwer bewaffneten Polizeistreifen über den Bildschirm, die sich nur vorsichtig durch die Straßen der Favelas bewegen können.
In den Slums der riesigen Stadt herrscht seit Jahren ein blutiger Krieg um die Vorherrschaft im Drogenhandel. Hohe Mordraten und geringe Aufklärungsquoten sind Beleg für die Machtlosigkeit einer Polizei, die in weiten Teilen von Drogengeldern korrumpiert ist.
Der wohlhabende Brasilianer setzt freiwillig keinen Fuß in die Slums seiner Heimat. Die Bauarbeiten für den ersten meterhohen Wall haben im Süden begonnen, wo die weltberühmten Strände Copacabana, Ipanema und Leblon liegen. Hier wohnen nicht nur die wohlhabenden Bürger Rios, sondern auch deren bettelarme Hausdiener, die sich weiter oben im Schatten der weltberühmten Christus-Erlöserstatue in provisorisch errichteten Hütten einquartiert haben.
Für viele der "Cariocas", wie die Einwohner Rios heißen, ist der Wildwuchs der Armenviertel ein Schandfleck im Straßenbild. Doch die Slumbewohner wehren sich, wollen nicht in ihrem Viertel eingesperrt und künftig an den wenigen Ein- und Ausgängen der Mauer kontrolliert werden. Einen kleinen Teilerfolg konnten die Proteste jetzt erreichen: Gouverneur Cabral erklärte sich bereit, die Mauern nun etwas niedriger ausfallen zu lassen. Statt der zunächst geplanten drei Meter, werde der Wall an einigen Stellen nur noch zwei Meter hoch ausfallen.
Doch die Diskussionen über die soziale Trennung in der Stadt werden damit nicht aufhören. Rio de Janeiro ist keineswegs der erste Fall in Lateinamerika, wo eine Mauer die reiche Oberschicht vor den armen Nachbarn schützen soll. Auch in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires sorgte vor wenigen Wochen der Bau einer Mauer in einem Villenvorort für wütende Proteste. Aufgebrachte Bewohner der benachbarten Armensiedlung zerstörten mit Hämmern und bloßen Händen die Zementblöcke.
Und als die USA vor rund drei Jahren den Startschuss zur Aufrüstung an der Grenze zu Mexiko gab, sorgte dass im Nachbarland für bittere und wütende Proteste. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) kritisierte die Pläne unlängst als "Akt der Diskriminierung". Auch für den portugiesischen Literaturnobelpreisträger Jose Saramago, ein bekennender Atheist und Kommunist, ist diese Art der "Zementierung" der Besitzverhältnisse keine Lösung der sozialen Konflikte: "Wir hatten die Mauer in Berlin. Wir haben eine Mauer in Palästina. Und jetzt haben wir die Mauern in Rio."
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