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Afghanistan-Landesdirektor Robert Kressirer
"Wir fahren nur noch mit gepanzerten Fahrzeugen"

Robert Kressirer: "Wir fahren nur noch mit gepanzerten Fahrzeugen"
Selbstmordanschläge wie am Mittwoch in Kabul sind in Afghanistan an der Tagesordnung. FOTO: ap, RG
Kabul. Die internationale Gemeinschaft hat neue Milliarden für Afghanistan versprochen. Aber wie geht Entwicklungshilfe in einem Land, in dem Krieg herrscht? Für die Mitarbeiter der GIZ heißt das: Wohnen im Büro und tägliche Treffen mit den Sicherheitsberatern.

Die Arbeit in Afghanistan ist weltweit das größte Projekt der deutschen staatlichen Entwicklungshilfe-Organisation GIZ. Auch in Kundus leistet sie Unterstützung – in jener nordafghanischen Stadt, die gerade zum zweiten Mal von den radikalislamischen Taliban angegriffen wurde. "Wir arbeiten aber nun anders als früher", sagt Landesdirektor Robert Kressirer im Interview.

Bei der Geberkonferenz für Afghanistan ist gerade viel neues Geld versprochen worden für die Entwicklung des Landes bis 2020. Die Bundesregierung will allein im kommenden Jahr rund 430 Millionen Euro dort ausgeben. Wie viel davon bekommt die GIZ zur Umsetzung ihrer Projekte, und was wird sie dann damit machen?

Kressirer: Da wissen wir Ende nächster Woche mehr. Aber grundsätzlich sage ich: Wir sind hier und bleiben hier, um den Afghanen zu helfen.

Auf welche Felder wird sich die staatliche deutsche Entwicklungshilfe in Afghanistan in Zukunft konzentrieren?

Kressirer: Bisher sind unsere Schwerpunkte vor allem Strom- und Wasserversorgung, Bildung, und zwar von Grundbildung über berufliche Bildung zu universitärer Bildung. Und dann Landwirtschaft. Dort helfen wir vor allem mit der Verbesserung von Wertschöpfungsketten – also, wie können Bauern mehr und bessere Produkte anbieten und so mehr Geld verdienen. Ob wir das weitermachen, entscheidet aber letztlich die Bundesregierung zusammen mit Afghanistan. Unser Budget lag zuletzt jährlich immer so bei 120 Millionen Euro, und wir hoffen natürlich, dass die Bundesregierung das so beibehält.

Robert Kressirer (59) ist Landesdirektor der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). FOTO: dpa, wst

Aber kann dieses Geld in einer so schwierigen Umgebung überhaupt noch sinnvoll eingesetzt werden? Die norwegische Regierung hat gerade einen sehr selbstkritischen Bericht zu ihren Jahren der Entwicklungshilfe in Afghanistan veröffentlicht. Da heißt es, man habe letztlich kaum eine Veränderung bewirkt.

Kressirer: Das würde ich für die GIZ nicht sagen. Wir haben in den vergangenen Jahren 120 Schulen und Universitäten mit aufgebaut und dadurch im Norden mehr als 1,2 Millionen mehr Kindern Bildung ermöglicht. Wir haben 250 000 Berufsausbildungsplätze geschaffen oder eine halbe Million Menschen mit sauberem Wasser versorgt. Wir berühren schon die Leben von Millionen Menschen.

Die Vereinten Nationen zählen für dieses Jahr schon 93 entführte Entwicklungshelfer. Vergangenes Jahr war eine GIZ-Mitarbeiterin darunter, die später freigelassen wurde. Anschläge, Entführungen, Ausgangssperren - wie bleibt man da funktionsfähig?

Kressirer: Ja, die Sicherheitslage hat sich verändert. Früher habe ich mich einmal die Woche mit unserem Sicherheitsbüro getroffen, um zu diskutieren, was ist passiert, worauf sollten wir achten. Heute ist es beinahe jeden Tag. Wir fahren jetzt in der Hauptstadt nur noch mit gepanzerten Fahrzeugen. Und unsere internationalen Mitarbeiter wohnen nicht mehr in eigenen Häusern, sondern auf den Compounds, wo sie auch arbeiten. Wir haben auch ihre Zahl verringert, von etwas unter 200 auf 100. Effektivität und Sicherheit gehören zusammen. Das bekommen Sie nicht umsonst. Jetzt können wir mehr Verantwortung auch an unsere 1400 nationalen Mitarbeiter abgeben – die sind heute deutlich besser ausgebildet als noch vor zehn Jahren.

Die GIZ hat noch Projekte in der nordafghanischen Stadt Kundus. Die ist gerade zum zweiten Mal von den Taliban angegriffen worden. Beim ersten Mal, im Herbst 2015, blieben sie zwei Wochen und zerstörten auch GIZ-Büros.

Kressirer: Ein Großteil unserer Arbeit läuft dort weiter – aber anders als früher. Wir haben dort keine Mitarbeiter mehr, weder afghanische noch internationale. Aber wir haben Partner, die da einspringen, afghanische Consultingfirmen und NGOs. Und dann holen wir Menschen aus den Projekten, zum Beispiel Grundschullehrer, für Trainings in Nachbarprovinzen. In den anderen Nordprovinzen Balkh, Baghlan, Samangan, Takhar und Badakhshan sind wir ja weiter tätig.

(dpa)
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