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Russland und die Geister der Vergangenheit
Josef Stalin ist immer noch nicht entzaubert

Der Stalin-Kult in Russland lebt
Der Stalin-Kult in Russland lebt FOTO: dpa, si moa cul
Moskau. Schon 1953 stellte der damalige Sowjetführer Chruschtschow in einem "geheimen" Bericht die Verbrechen seines Vorgängers Stalin an den Pranger. Trotzdem lebt Stalin-Kult bis heute in Russland weiter.

Die Blumensträuße lassen keinen Zweifel aufkommen, wer an der roten Kremlmauer in Moskau der Star ist: Sowjetdiktator Josef Stalin (1879-1953). Verehrer tragen das ganze Jahr über Blumen zum Grab des Despoten im Schatten des berühmten Lenin-Mausoleums am Roten Platz.

Vor genau 60 Jahren, am 25. Februar 1956, brach die Sowjetunion mit ihrem verehrten "Führer" und "Vater der Völker". Drei Jahre nach Stalins Tod (5. März 1953) rechnete Kremlchef Nikita Chruschtschow in einem "geheimen" Bericht auf dem XX. Parteitag der Kommunisten mit den Verbrechen des Massenmörders ab und leitete eine Entzauberung des in der Sowjetunion beispiellosen Personenkultes ein.

Es gehe darum, wie der Stalin-Kult zu einer Quelle "der größten und schwersten Perversionen der Parteiprinzipien" geworden sei, sagte Chruschtschow gleich zu Beginn. Der Schritt war gewagt: Seine eigene umstrittene Rolle bei den Verbrechen unter Stalin ließ Chruschtschow, langjähriges Mitglied der Führungsriege, offen. Für die Parteibasis, die Stalin weiter verherrlichte, kam die neue Linie wie ein Schlag.

Die Verklärung Stalins ist auf dem Vormarsch, die Gräuel vergessen

Dennoch durchweht bis heute der Mythos Stalin die russische Gesellschaft. Der Schreckensherrschaft mit Todeslagern (Gulag) und Erschießungen fielen in den 1930er Jahren Hunderttausende Menschen zum Opfer. Inzwischen, mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Tod des Tyrannen, ist die Verklärung Stalins wieder auf dem Vormarsch.

Eine aktuelle Umfrage des angesehenen Moskauer Lewada-Zentrums zeigt: Die Zahl der Kritiker, die in der Stalin-Ära mehr Negatives als Positives sehen, ist seit 1999 um fast 10 Punkte auf 13 Prozent gesunken. Mehr als ein Drittel der Befragten stellt Stalins Sieg gegen Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg über alles.

Der Historiker Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau sieht als Ursache für die Umfragewerte innenpolitische Probleme wie die tiefe Wirtschaftskrise. "Die Stalin-Zeit wird als Epoche der Stabilität, der Stärke der Sowjetunion und des industriellen Aufbruches verklärt", sagt Uhl. Die Russen erwarteten schnelle Wege der Krisenbewältigung wie unter Diktator Stalin.

Zwar verurteilt Präsident Wladimir Putin Stalin offen als Verbrecher. Das hinderte ihn aber nicht daran, schon zu Beginn seiner Zeit an der Macht vor mehr als 15 Jahren stalinistische Symbolik zu übernehmen. Es war Putin, der etwa die unter Stalin gespielte Sowjethymne zur russischen Nationalhymne erhob, wenn auch mit neuem Text. Das Zeichen der Luftwaffe ist inzwischen wieder der rote Sowjetstern.

Poster, Statuen, Plakate - Stalin ist allgegenwärtig

Zum jährlichen Weltkriegsgedenken am 9. Mai, dem wichtigsten Nationalfeiertag, tragen Russen immer wieder Stalin-Porträts durch die Moskauer Straßen. An mehreren Orten im Riesenreich wurden einst demonstrativ abgerissene Stalin-Statuen wieder zu neuem Glanz aufpoliert. In der Hafenstadt Archangelsk am Weißen Meer läuft derzeit eine Debatte, Stalin ein neues Denkmal zu setzen.

Für große Aufregung hatte im Dezember die Kommunistische Partei (KP) gesorgt, die im südrussischen Pensa ein Stalin-Zentrum gegründet hat. Als Pilgerstätte kritisieren Menschenrechtler dies. "Die KP predigt die Ideale eines diktatorischen Staates", wettert Arseni Roginski von der Organisation Memorial. Die international geachtete Gruppe setzt sich für die Aufklärung der Verbrechen unter Stalin ein. Historiker prangern seit Jahren eine mangelnde Debatte über die Stalinzeit an.

Auch der Direktor des russischen Staatsarchivs, Andrej Sorokin, ist unzufrieden mit der Situation. "Die russische Gesellschaft braucht heute weniger Diskussionen über Personen, als vielmehr Debatten über die Sowjetzeit, über ihre Leistungen, aber auch über den Preis dieser Leistungen, über die Fehler und Verbrechen, die leider auch geschehen sind", sagt er der Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta".

"Mit Stalins Entthronung war der Kult nicht erschöpft", meint Sorokin mit Blick auf Formen der Verehrung späterer Sowjetherrscher bis hin zu Michail Gorbatschow. Kritiker warnen bereits vor einem wachsenden Putin-Kult, auch wenn dieser weniger ausgeprägt ist als unter Stalin.

Der Präsident ist nicht nur in den staatlich kontrollierten Medien omnipräsent. Putin-Devotionalien vom T-Shirt bis zum Salzstreuer sind in Moskaus Souvenirläden zu haben. Und hin und wieder finden sich auch Stalin-Andenken in den Auslagen.

(felt/dpa)
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