Kaukasus – Drehbuch eines Krieges: Russland will sich Südossetien einverleiben
VON GODEHARD UHLEMANN - zuletzt aktualisiert: 29.08.2008 - 14:27Düsseldorf (RP). Mit der durch Russland anerkannten Eigenständigkeit dürfte es für Südossetien schon sehr bald wieder vorbei sein. Der russische Bär ist hungrig. Der Zwergstaat soll der Russischen Föderation einverleibt werden. Ein weiteres Kapitel im langen Drehbuch des Kaukasuskrieges.
Der südossetische Parlamentspräsident Snaur Gassijew sagte am Freitag in Zchinwali, der russische Präsident Dmitri Medwedew und der südossetische Führer Eduard Kokoiti hätten sich darauf bei einem Treffen in Moskau in dieser Woche verständigt. Gassijew sagte, Russland werde Südossetien "in einigen Jahren" oder früher absorbieren. Diese Position sei von Medwedew und Kokoiti mit Nachdruck erklärt worden.
Damit scheint Russland gewillt, dem Drehbuch des Krieges im Kauskasus ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Die Auseinandersetzung mit Russland scheint die logische Konsequenz aus einer langen Ansammlung gegenseitiger Provokationen zu sein, die sich zum Krieg aufschaukelten.
Panzer rollten, Geschütze donnerten
An sich sollte der 8. August ein Tag des Friedens und der Freude sein. Die Welt blickte erwartungsvoll nach Peking, wo das Herz Chinas vor Aufregung schneller schlug. Es war der Eröffnungstag der Olympischen Spiele. Tausende Kilometer entfernt im Kaukasus dachte an diesem Freitag kaum jemand an das sportliche Großereignis. Seit der Nacht war Krieg. Georgien wollte die Kontrolle über seine abtrünnige Region Südossetien zurückerobern.
Damit waren weder die Südosseten noch Russland einverstanden, das seine schützende Hand über die rund 80.000 Südosseten hält. Panzer rollten, Geschütze donnerten, Menschen flohen, Menschen starben. Wer hatte das Drehbuch zu dieser kaukasischen Tragödie geschrieben und das Stück zur Aufführung gebracht?
Für Russland saß der Alleinschuldige in Tiflis. Georgiens Präsident Saakaschwili, der am 5. Januar wiedergewählt worden war, wurde als Kriegstreiber ausgemacht. In Tiflis sah man den Kreml als Aggressor. Machte er sich nicht anheischig, die Souveränität und die territoriale Einheit Georgiens wahrlich mit Füßen zu treten?
Krise mit Lebenslauf
Die Schuldfrage der Kaukasus-Krise lässt sich an keinem Datum festmachen: Die Krise hat einen Lebenslauf. Die Welt wurde am 8. August vom Kriegsdonner in Südossetien überrascht, obwohl sich das Menetekel längst angekündigt hatte. Doch es war Abchasien, wo erste Gewitterwolken aufzogen.
Ende April hatte dort ein russisches Kampfflugzeug eine georgische Aufklärungsdrohne abgeschossen. Moskau bestritt die Verletzung von Waffenstillstandsvereinbarungen. Der EU-Außenbeauftragte Xavier Solana versprach, er werde seine Krawatte essen, wenn es die Russen nicht waren. Später bestätigte eine Untersuchung der UN-Mission in Georgien (Unomig), es waren die Russen.
Russland verstärkte daraufhin seine Friedenstruppen in Abchasien, ohne festgelegte Obergrenzen zu verletzen. Doch auch Saakaschwili wusste, wie man Russland reizt. Er wollte sein Land so rasch wie möglich in die Nato führen. Anfang April konnten sich die USA mit ihrem Wunsch, Georgien dafür grünes Licht zu geben, auf dem Nato-Gipfel in Bukarest nicht durchsetzen.
Moskaus Puls beschleunigte sich
Bundeskanzlerin Angela Merkel erreichte zusammen mit Frankreichs Staatschef Sarkozy, dass Georgien irgendwann die Beitrittsmöglichkeit bekommen soll. Schon das war ausreichend, um den Moskauer Puls zu beschleunigen. Mitte April wies Wladimir Putin, bis zum 7. Mai noch russischer Präsident, die Regierung an, stärker mit den nicht anerkannten Behörden in den beiden abtrünnigen georgischen Gebieten zusammenzuarbeiten. Das war bereits hart an der Grenze zur politischen Anerkennung.
Saakaschwili zog noch im April rund 12.000 Soldaten im Stützpunkt Senaki zusammen. Russland antwortete im Mai und Juni mit der Entsendung von Fallschirmspringern und einem Bautrupp, um in Abchasien Bahnstrecken auf Vordermann zu bringen. Es war die Vorarbeit für Militärtransporte.
In den folgenden Wochen kam es immer wieder zu bewaffneten Zwischenfällen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die seit Dezember 1992 den Waffenstillstand überwacht, ist Teil der gemeinsamen Kontrollmission mit Russland, Georgien sowie Nord- und Südossetien. Mehr als das buchhalterische Festhalten von Zwischenfällen gelang ihr nicht. Der amtierende OSZE-Vorsitzende, Finnlands Außenminister Alexander Stub, meinte später, erste Informationen über den Krieg habe er in der Nacht zum 8. August erhalten.
"Weitreichender Militärkonflikt steht bevor"
Auf den georgischen Statthalter in Südossetien war am 3. Juli ein Attentat verübt worden. Dmitrij Sanakojew überlebte, drei Tage später verletzten russische Jets georgischen Luftraum. Sie signalisierten der in Tiflis als Gast weilenden US-Außenministerin Condoleezza Rice, wer im Kaukasus der Platzhirsch ist.
Die USA hatten Georgien seit Jahren mit 460 Millionen Dollar unterstützt, 190 Millionen waren davon für das Militär gedacht. Kurz vor Kriegsausbruch übten 1000 US-Soldaten mit 600 georgischen Soldaten der 4. Infanteriebrigade beim Manöver „Direkte Antwort 2008“ vor Tiflis den Ernstfall.
Doch auch die Russen übten ihn. Ihr Manöver „Kaukasus 2008“ umfasste 8000 Mann. Das Übungsfeld lag nicht weit vom Roki-Tunnel nach Südossetien. Am 3. August vermeldete das Außenministerium in Moskau ein „weitreichender Militärkonflikt“ stehe bevor. Am Morgen des 7. August standen an der Grenze zu Südossetien 12.000 Georgier. Sie sollten zum Roki-Tunnel vorstoßen und ihn für Russen blocken. Bevor der Tag vorbei war, lag die südossetische Hauptstadt Tschinwali unter Beschuss. Der Krieg hat begonnen.
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