"Chemie-Ali" ist bereits zum Tode verurteilt: Saddams brutalster Vollstrecker wieder vor Gericht
zuletzt aktualisiert: 21.08.2007 - 12:19Bagdad (RPO). Er ist bereits zum Tode verurteilt - nur eine Berufung gegen das Urteil hat seine Hinrichtung bisher verhindert. Trotzdem steht "Chemie-Ali", einer der brutalsten Vollstrecker der Befehle Saddam Husseins, in Bagdad erneut vor Gericht. Zu viele Taten seien noch ungesühnt, so die Anklage.
Ali Hassan el Madschid wurde im Juni wegen seiner Rolle beim Giftgaseinsatz gegen ein kurdisches Dorf im März 1988 bereits zum Tod durch den Strang verurteilt.
Die Liste seiner Schreckenstaten ist lang, und viele im Irak wollen, dass diese Taten gesühnt werden. Deswegen muss sich der wegen des Giftgaseinsatzes "Chemie-Ali" genannte Mann nun wegen seiner Verantwortung für die grausame Niederschlagung des Schiiten-Aufstandes von 1991 verantworten.
In weißem Gewand und mit weißer Kopfbedeckung kam der 66-Jährige am Dienstag am Stock in den Gerichtssaal. "Ich bin der Kämpfer Ali Hassan el Madschid", sagte er auf die Frage nach seinem Namen. Wer es in der Vergangenheit mit ihm zu tun hatte, konnte nicht darauf zählen, gut gekleidet und genährt vor einen Richter zu treten.
In der Anklageschrift zählt der Staatsanwalt unter anderem auf, wie Madschid während des Schiiten-Aufstandes höchstpersönlich in die Gefängnisse ging, den Gefangenen die Hände fesselte und sie mit seiner eigenen Waffe erschoss. Von Saddam Hussein habe er die Genehmigung erhalten, "alles und jeden zu zerstören, der sich den Streitkräften in den Weg stellte", sagte der Staatsanwalt.
Und Madschid, ein Cousin des Ende 2006 hingerichteten Saddam Hussein, hatte keine Skrupel, seine Order umzusetzen. In den 90er Jahren machte er sich als Kommandeur der Republikanischen Garde für den Süden des Landes an die Zwangsumsiedlung der Bevölkerung aus den südlichen Sumpfgebieten des Irak.
Oppositionelle brutal aus dem Weg geräumt
Seit Jahrtausenden lebten dort die Menschen als Fischer und Reisbauern im Einklang mit der Natur. Doch als schiitische Muslime waren sie der sunnitischen Führung unter Saddam suspekt. Von einer Million der sogenannten Marsch-Araber blieben nach Madschids Kampagne noch 40.000 in dem fruchtbaren Gebiet.
Wo immer es galt, wahre oder vermeintliche Oppositionelle brutal aus dem Weg zu räumen, kam Madschid zum Einsatz. 1990 wurde er im damals vom Irak besetzten Kuwait zum Gouverneur ernannt - mit dem Auftrag, "Widerstandsnester" auszuheben. Madschid koordinierte die Aktionen der verschiedenen konkurrierenden irakischen Geheimdienste gegen den kuwaitischen Widerstand und sorgte für zahlreiche Hinrichtungen.
Im Februar 1991, nach der Befreiung Kuwaits durch die Golfkriegsallianz unter Führung der USA, war Madschid als "Minister für lokale Angelegenheiten" für den Süden des Irak verantwortlich. Dort spielte er eine Schlüsselrolle bei der blutigen Niederschlagung des Aufstands der Schiiten gegen die Gewaltherrschaft des sunnitischen Machthabers in Bagdad.
Alis Truppen töteten 100.000 Schiiten
Am schlimmsten wüteten Madschids Truppen in den heiligen Städten Nadschaf und Kerbela. Der Staatsanwaltschaft zufolge kamen dabei 100.000 Schiiten um, die von den USA zum Aufstand ermutigt und dann im Kampf gegen Panzer und Kampfflugzeuge im Stich gelassen wurden. Seit dem Sturz Saddam Husseins nach dem US-geführten Einmarsch 2003 wurden laut Staatsanwaltschaft zahlreiche Massengräber entdeckt.
Madschid zeigte sich auch gegenüber seiner eigenen Familie ohne Skrupel. Sein Neffe und früherer Saddam-Schwiegersohn Hussein Kamel, der sich aus dem Irak abgesetzt hatte und dann zurückgekehrt war, wurde unter seinem Kommando getötet.
Sein eigenes Schicksal scheint der Mann mit den schweren Augenlidern und dem grauen Bart ebenfalls ohne große Gefühlsregungen hinzunehmen. Nach dem ersten Todesurteil gegen ihn verließ er den Gerichtssaal mit den Worten "Gott sei Dank". Wenn seine Berufung gegen den ersten Richterspruch abgewiesen wird, erfolgt ein Abbruch des zweiten Verfahrens und die Hinrichtung innerhalb von 30 Tagen.
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