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Hunderte Schiedsgerichte auf der Insel
Scharia-Justiz erobert Großbritannien

Hunderte Schiedsgerichte auf der Insel: Scharia-Justiz erobert Großbritannien
Scharia-Urteile kommen schnell und sind billig. Frauen haben oft schlechte Karten, warnen Experten. FOTO: dpa, dpa
London. Es sind möglicherweise Hunderte Schiedsgerichte, die in Großbritannien auf der Basis des Koran Streitsachen schlichten und Rechtsauskünfte geben. Die Praxis ist legal und breitet sich immer mehr aus. Kritiker befürchten allerdings eine Unterwanderung der staatlichen Rechtsordnung und sehen insbesondere die Stellung der Frauen bedroht. Von Alexei Makartsev

Sie haben viel durchgemacht, jetzt geht es nicht mehr. Die zwölfjährige Ehe von Samiyah und Hashim (Namen geändert) endet in einem kleinen Zimmer mit Laminatfußboden, einem Regal mit dicken arabischen Bänden und Neonlampen, die kaltes Licht werfen. Sie trägt Jeans, ein modisches Top und Stöckelschuhe.

"Er hat mich vergewaltigt und geschlagen"

Der unrasierte Mann neben ihr hat eine schlecht sitzende Hose und ein zerknittertes Jackett angezogen. "Er hat mich vergewaltigt und geschlagen", sagt aufgeregt die junge Britin. Hashim hört reglos zu, dann brüllt er los: Samiyah habe Alkohol getrunken. "Ruhe", sagt der weißhaarige Brillenträger, der vor ihnen auf einer Erhöhung sitzt. Die sanften Worte von Sukhaib Hasan klingen wie ein Befehl, den man nicht missachten darf.

Hasan ist Richter, und seine Urteile fällt er in einem grauen Ziegelsteinbau im Londoner Stadtteil Leyton nach dem islamischen Recht, der Scharia. Auch den Scheidungsfall der Muslimin Samiyah. Die junge Frau ist im Westen aufgewachsen. Mit 15 Jahren wurde sie auf Druck ihrer Familie mit einem einfachen Mann aus einem pakistanischen Dorf verheiratet. Sie passten nicht zusammen. Nachdem Hashim gewalttätig wurde, zog die selbstbewußte 27-Jährige mit ihrem Sohn aus.

"Doch sie will nicht mehr"

Die Eheleute aus Sheffield sind an diesem Tag 270 Kilometer weit nach London gereist, um ihren Streitfall gegen ein geringes Entgelt von einem islamischen Gelehrten entscheiden zu lassen. "Er hat ihr vergeben, doch sie will nicht mehr", erklärt in einer Sitzungspause Dr. Hasan. "Ein gewöhnliches Gericht würde diese Ehe sofort lösen. Dagegen versuchen wir, die beiden zu versöhnen."

Die Zentrale des Islamischen Scharia-Rats (ISC) in London unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von den schmucklosen zweistöckigen Wohnhäusern nebenan. Doch der Schein trügt: Hinter dem Aushängeschild des ISC verbirgt sich eine einflußreiche Institution – ein Netzwerk aus Dutzenden Scharia-Gerichten, in denen die Finanz- und Familienprobleme nach den Koran-Prinzipien entschieden werden. Es ist eine undurchschaubare Parallelwelt, in der englisch und arabisch gesprochen wird und die auf viele Briten bedrohlich wirkt.

"Scharia Superstar"

Die Medien nennen ihn den "Scharia Superstar": Der gebürtige Inder Sukhaib Hasan gründete 1982 den ISC, um die Muslime in Rechtsfragen zu beraten und Konflikte zu schlichten. 14 Jahre später wurde das fremde Rechtssystem in Großbritannien durch ein Gesetz legalisiert. Dabei wurden die Scharia-Gerichte den Schiedsgerichten faktisch gleichgestellt. Ihre Entscheidungen sind bindend, wenn sich beide Seiten zuvor damit einverstanden erklärt haben.

Obwohl Hasan islamische Ehen beenden kann, müssen diese zusätzlich immer von einem gewöhnlichen Richter getrennt werden. Der ISC in London beschäftigt sich jeden Monat im Schnitt mit 30 neuen Fällen. "Wir üben niemals Zwang aus, und wir sind fair", sagt sein Vorsitzender. "Es ist eine große Entlastung für die britische Justiz. Auch deswegen, weil wir mit vielen Einwanderern in deren Heimatsprache sprechen können."

Das Telefon klingelt. Ein verzagter Vater will wissen, was der islamische Glauben von ihm verlangt, wenn er sein sterbendes Kind im Krankenhaus von der Lebenserhaltungsmaschine trennen wird. Irgendwo im Haus preist eine laute, melodische Männerstimme den Allmächtigen.

Die Glatzen von Blackburn

In seinem kleinen Büro vor einer Bücherwand mit goldglänzenden arabischen Buchstaben wirkt der sanfte Mann mit dem weißen Bart Welten entfernt von den Glatzköpfen, die im April in Blackburn lautstark das Ende der Scharia-Justiz im Königreich gefordert haben. Die Aufmärsche der Neonazis sind das sichtbarste Zeichen des Mißtrauens gegenüber dem Islam, der von 51 Prozent der Inselbewohner als "feindselig" empfunden wird.

Es gibt aber auch andere Proteste. Zehntausende Briten haben im Internet Unterschriften für das Verbot des "barbarischen Rechts" der Einwanderer gesammelt, das nach ihrer Überzeugung die Frauenrechte mit Füßen tritt. Manche Zeitungen warnen das Land vor einem Abgleiten in die Diktatur, sollte die Politik nicht die Ausbreitung der alternativen Justiz stoppen. Die Furcht vor dem islamischen Recht gründet auf einer Aufsehen erregenden Untersuchung, die vor zwei Jahren 85 Scharia-Gerichte auf der Insel gezählt hat. "Heute dürfte es Hunderte davon geben", sagt der Autor der Studie, Dennis MacEoin.

Frage nach der Überwachung

Der Islam-Experte aus Newcastle schwört, dass seine Schätzungen zuverlässig seien. Er warnt vor einer Aushöhlung der Demokratie. "Viele dieser Gerichte arbeiten im Untergrund, in Moscheen oder in privaten Häusern. Die Imame können dort die Frauen diskriminieren und das Recht verletzen, trotzdem sind ihre Urteile ein Gesetz für gläubige Muslime. Mich stört, dass niemand diese Prozesse überwacht."

MacEoin ist verbittert darüber, dass die Politiker um das brisante Thema einen weiten Bogen machen. Tatsächlich gibt es eine Initiative im Parlament, die darauf abzielt, die Scharia unter Kontrolle des Staates zu stellen. Der Gesetzentwurf soll sicherstellen, dass die islamischen Gerichte sich nicht länger mit Familienfragen befassen. Trotz einiger positiver Reaktionen werden ihm jedoch nicht viele Chancen eingeräumt. Die 1,7 Millionen Muslime in Großbritannien haben seit 2008 wiederholt Beistand von Prominenten erhalten.

Britisches Recht soll Vorrang haben

Erst begrüßte das Oberhaupt der Anglikaner, Rowan Williams, überraschend die "unvermeidliche" Verbreitung der Scharia. Wenn man ihre Elemente ins Zivilrecht übernähme, würde dies soziale Spannungen mindern, argumentierte der Erzbischof von Canterbury. Später nannte der ranghöchste englische Richter, Nicholas Phillips, die Scharia geeignet für die Schiedsgerichte, allerdings stellte er klar, dass das britische Recht Vorrang haben müsste.

Das ärgert den Anwalt Faiz Siddiqi, der als Chef des Muslim Arbitration Tribunal (MAT) ein eigenes Netz aus sieben Scharia-Gerichten betreibt. "Es gibt keinen Widerspruch zwischen den beiden Rechtssystemen. Wer das behauptet, will die Muslime als Fundamentalisten brandmarken", sagt der gebürtige Pakistaner, der im Schnitt etwa 60 Konflikte im Monat schlichtet. Das Erstaunliche ist, dass immer mehr Christen mit ihren familiären Problemen den MAT aufsuchen – in der Zentrale in Nuneaton sind es 15 Prozent aller Fälle.

Billiger und schneller

"Sie kommen zu uns, weil wir billiger und schneller arbeiten als herkömmliche Gerichte", sagt der 44-jährige Siddiqi. "Wir haben eine gute Ethik, wir beschützen die Frauen. Darüber müsste sich der Staat freuen." Der bärtige Sheikh nennt auch Deutschland ein "offenes Land" für die Einführung der Scharia. "Intelligente Menschen werden davor keine Angst haben", versichert der Anhänger der Polygamie, der einmal auch die Homosexualität als "unnatürlich und unmoralisch" gegeißelt hat.

Im Scharia-Gericht von Leyton will Sukhaib Hasan noch einen letzten Versuch unternehmen, die Ehe von Samiyah und Hashim zu retten. E bittet die Mutter der jungen Frau hinein. Sie redet auf ihre Tochter ein, ohne Erfolg. "Ich weiß nicht mehr, was Liebe ist", sagt weinend die 27-Jährige. "Außer Hass auf diesen Mann ist in meinem Herzen nichts mehr geblieben". Hasan schaut sie lange an, dann macht er ein Zeichen, dass sie gehen kann.

(csi/top)
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