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Schlacht um Aleppo
Putin wird zum Sieger in Syrien

Syrien: Schwere Kämpfe um Aleppo
Syrien: Schwere Kämpfe um Aleppo FOTO: ap
Berlin. Apokalyptische Bilder kommen aus Aleppo, 300.000 Menschen droht der Hungertod. Scheinbar großherzig propagiert Russland Arm in Arm mit dem Assad-Regime die humanitären Fluchtwege aus den eingeschlossenen Stadtvierteln. Dahinter steckt große Machtpolitik: Putin wird zum Gewinner des Syrien-Krieges. Eine Analyse. Von Gregor Mayntz

Brandbomben, Splitterbomben, Fassbomben aus der Luft, Artillerie und Spezialkräfte auf dem Boden, ganze Straßenzüge gehen in Flammen auf, Krankenhäuser werden angegriffen, Nachschubwege abgeschnitten. So erleben die Menschen in und bei Aleppo den Ende Februar in Kraft getretenen "Waffenstillstand" bereits seit Wochen. Die militärische Eskalation strebt in diesen Tagen ihrem Höhepunkt zu. Baschar al-Assads Truppen und seine vom Iran gesteuerten Helfer aus Afghanistan und Palästina schaffen zusammen mit Wladimir Putins hochmodernen Bombern und Bodentruppen Fakten für die syrische Nachkriegsordnung.

Lange ist es her, dass der im Nahen und Mittleren Osten zumeist bestens informierte Bundesnachrichtendienst 2014 die endgültige Niederlage der Regierungstruppen eher binnen Wochen als Monaten vorhersagte. Doch dann schickte das schiitische Ajatollah-Regime dem schiitischen Assad-Regime die schiitische Hisbollah zur Hilfe und konnte der Übermacht der bis zu hundert sunnitischen Verbände und Organisationen von der gemäßigten Freien Syrischen Armee bis zu radikalen islamistischen Gruppen standhalten.

Putin erscheint auf der Bildfläche

Bis letzten Herbst. Da wurde es wieder eng. Und da erschien Putin auf dem Plan. Hatte die von den USA-geführte Allianz ihre Luftschläge so präzise wie möglich auf die Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat und der terroristischen Al-Nusra ausgerichtet, ging Russlands Luftwaffe, die bald von Spezialisten vor Ort begleitet wurde, gegen alle Feinde des Verbündeten Assad vor. Und wie zuvor in der Ost-Ukraine, als die Rebellen vor der regulären ukrainischen Armee fast besiegt worden wären, schafften die modernen russischen Streitkräfte die Wende.

Damit hat Putin drei nachhaltige Effekte erreicht: Erstens ist Russlands Einfluss in der umkämpften und zerstrittenen Region nicht nur erhalten, sondern deutlich ausgeweitet worden. Auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat darauf bereits reagiert. Seine Hegemonialpläne über die gesamte Nachbarschaft und insbesondere Syrien hängen nun ganz von seinen Beziehungen zu Russland ab. Deshalb ist er vor Putin auf die Knie gefallen, um die böse Sache mit dem Abschuss eines russischen Militärjets aus der Welt zu schaffen. Putin hat die Geste akzeptiert und die neue russisch-türkische Freundschaft hervorgehoben. Hilft ihm das doch, einen Keil in die Nato und zwischen die Türkei und Europa treiben zu können.

Augenhöhe mit den USA

Zweitens ist für Putin endlich die Augenhöhe mit den USA hergestellt. Bereits bei den Verhandlungen über den Waffenstillstand im Vorfeld der Münchner Sicherheitskonferenz war zu spüren, wie wichtig Moskau diese Aufwertung ist. Jahrelang hatten die Russen jede UN-Lösung für Syrien blockiert, weil sie sich zuvor im Vorgehen des Westens gegen das libysche Gaddafi-Regime über den Tisch gezogen fühlten. Nun machte der Westen klar, dass eine neue Ost-West-Verständigung nach der Krim-Annexion nur über konstruktives russisches Mittun im Atomstreit mit dem Iran und der Beendigung des syrischen Bürgerkrieges liegen könne. Prompt zeigte Moskau, dass die Welt ohne Russland nicht vorankommt und für die Lösung der größten Krisen, Konflikte und Kriege an jeden Konferenztisch, in jede Absprache gehört.

Farbrevolutionen sind besiegbar

Drittens hat Russland das Gespenst der Farbrevolution vertrieben. Jeder Autokrat fürchtet seit der orangenen Revolution 2004 in der Ukraine, dass sich friedlicher Bürgerprotest aus kleinsten Anlässen zum Volksaufstand und zur Entmachtung scheinbar sattelfester Regime entwickeln kann. Auch Putin war lange Zeit traumatisiert vom Dezember 2011, als nach offenbar gefälschten Wahlergebnissen die Moskauer zu Hunderttausenden auf die Straßen gingen und dabei auch Rufe wie "Nieder mit Putin" zu hören waren. Als Farbrevolutionen werteten die Analysten des Kremls auch die meisten Aufstände im so genannten "arabischen Frühling" einschließlich des Aufbegehrens in Syrien, das Assad so brutal niederknüppeln ließ – und damit erst Recht den Widerstand entfachte. Wenn Putin nun am Ende auf der Gewinnerseite steht, ist das auch eine Genugtuung mit der Botschaft, dass Farbrevolutionen besiegbar sind.

(may-)
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