Justiz-Krimi um Wikileaks-Gründer: Schweden widerspricht - Assange bleibt in Haft
VON ALEXEI MAKARTSEV - zuletzt aktualisiert: 14.12.2010 - 18:47London (RP/RPO). Der Fall Assange entwickelt sich zum Justiz-Krimi. Erst ordnete das britische Gericht die Freilassung des Wikileaks-Gründers gegen eine Kaution an, dann aber legte die schwedische Staatsanwaltschaft Beschwerde ein. In 48 Stunden muss sich nun entscheiden, wie es mit Julian Assange weitergeht.
Ein britischer Richter ordnete am Dienstagnachmittag überraschend die Freilassung von Assange auf Kaution von 240.000 Pfund (290.000 Euro) an. Die strengen Auflagen: Assange muss eine elektronische Fußfessel tragen, sich an einer bekannten Adresse aufhalten und sich jeden Abend bei der Polizei melden.
Doch möglicherweise kommt es gar nicht so weit. Am Abend sitzt der Australier immer noch hinter Gittern. Die schwedische Staatsanwaltschaft stemmt sich gegen seine Freilassung und hat Berufung eingelegt. Damit kann Assange frühestens in 48 Stunden auf freien Fuß kommen. Entscheiden muss nun der High Court in London - und das bis zum Donnerstag. Sollte er die Beschwerde aus Schweden ablehnen, könnte der „gefährlichste Mann der Welt“ (Daily Telegraph) Weihnachten und Silvester in Freiheit feiern.
Diese Freiheit ist allerdings stark eingeschränkt: So wird der angebliche Vergewaltiger bis zur nächsten Anhörung am 11. Januar in London eine „elektronische Fußfessel“ tragen müssen, er darf nachts seine temporäre Unterkunft nicht verlassen und ohne Pass kann er nicht ausreisen. Dennoch kommt die Entscheidung des Gerichts für Assange einem ersten kleinen Sieg gleich. „Alles, was geschehen ist, hat meine Entschlossenheit noch gestärkt“, diktierte der Australier aus seiner Zelle in einem Telefonat mit seiner Mutter. Er kritisierte dabei die Kreditkarten-Unternehmen, die keine Spenden für „Wikileaks“ akzeptieren: „Sie dienen den Interessen der US-Außenpolitik“.
Ein ernstes, rotglühendes Gesicht im Halbdunkel eines engen Raums: Ein unheimliches Bild, das perfekt zum Image des 39-jährigen „Wikileaks“-Gründers passt, dessen Enthüllungen seit Wochen der US-Regierung Angst einjagen. Die neue „Höllen-Aufnahme“ von Assange entstand am Dienstag, als ein Reporter durch eine verdunkelte Fensterscheibe den Insassen eines Gefangenentransporters vor dem Westminster Magistrates Court fotografierte.
Wieder setzen sich Promis für Assange ein
Als der Australier am Gericht ankam, demonstrierten davor einige Dutzend Menschen für die „Freiheit des Internet“. Auch einige Prominente kamen zur Anhörung: Bianca Jagger, der Filmregisseur Ken Loach sowie die Milliardärstochter und Unicef-Botschafterin Jemima Khan. Die renommierten „Wikileaks“-Fans hatten sich darauf geeinigt, Assange aus der Haft durch eine Kautionszahlung freizukaufen. Auch der bekannte US-Regisseur Michael Moore will 20.000 Dollar beizusteuern.
Assange hatte zur zweiten Anhörung ein weiteres Ass aus dem Ärmel gezaubert: Er wird im Rechtsstreit mit Schweden von einem der berühmtesten Juristen des Vereinigten Königreichs vertreten. Der 64-jährige Kronanwalt Geoffrey Robertson leitete in der Vergangenheit das Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen in Sierra Leone. Der bekannte Menschenrechtler hat den Schriftsteller Salman Rushdie vor dem Vorwurf der „Gotteslästerung“ verteidigt. Mit seiner Autorität schaffte es Robertson, den Richter zu überzeugen, dass einer der bekanntesten Menschen der Welt in Erwartung seiner möglichen Überstellung nach Stockholm nicht so leicht untertauchen könnte. Als die Nachricht von der baldigen Entlassung am Nachmittag zu den Demonstranten vor dem Gericht in London drang, gab es einen Riesenjubel.
"Julian ist kein Verbrecher"
Die Verteidiger haben die „extremen“ Haftbedingungen in Wandsworth kritisiert, die aus ihrer Sicht einer illegalen Isolation von Assange gleichkämen. So soll der „Wikileaks“- Chef nur 30 Minuten am Tag außerhalb seiner Einzelzelle verbringen können. Darin stehe er unter permanenter Überwachung durch Infrarotkameras, war in den Medien zu lesen. Assange dürfe weder fernsehen, noch Radio hören, geschweige denn einen Computer benutzen.
„Julian ist kein Verbrecher. Ich habe Angst um seine Sicherheit“, sagte am Dienstag den Journalisten Christine Assange, die zur Gerichtssitzung nach London gereist war. „Bitte hilft meinem tapferen Sohn“, appellierte sie. Genau das ist der Albtraum der Regierung in London. Sie fürchtet, dass die Hacker einen virtuellen Krieg gegen die britischen Behörden beginnen könnten, wenn Assange in Schweden angeklagt werden würde.
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