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Flüchtlingspolitik
Schwedens Abschied von der Offenheit

Schwedens Abschied von der Offenheit
Ein Bild aus dem September: Flüchtlinge gehen über eine dänische Autobahn in Richtung Norden. Ihr Ziel ist Schweden. FOTO: dpa, cul bra
Stockholm. Lange galt Schwedens Flüchtlingspolitik in Europa als besonders liberal. Ende 2015 aber hat das Land eine beispiellose Kehrtwende vollzogen. Die rot-grüne Regierung ist von ihrer Politik der Ideale überfordert. Von Rudolf Hermann

Eine Szene, wie sie eigentlich niemand für möglich gehalten hätte: Im Riksdag, dem schwedischen Parlament, erheben die Abgeordneten der rot-grünen Regierungskoalition zusammen mit den Parlamentariern der rechtsnationalen Schwedendemokraten die Hand, um ein Gesetz zu verabschieden, das auf drei Jahre Ausweiskontrollen bei der Einreise nach Schweden vorschreibt. Dagegen sind die Linksaußen-Partei und das liberale Zentrum, Letzteres wegen Befürchtungen um die wirtschaftliche Zukunft der Metropolregion Kopenhagen-Malmö. Die bürgerlichen Parteien enthalten sich der Stimme. Sie unterstützen die Maßnahme zwar prinzipiell, aber nur für sechs Monate. Eine Allianz von Linksgrün und Rechtsaußen - steht Schwedens Politik Kopf?

Die Szene mag die Ratlosigkeit illustrieren, die in Schweden angesichts der europäischen Flüchtlingskrise herrscht. Noch vor einigen Monaten hatte es von Sozialdemokraten und Grünen geheißen, eine Obergrenze für die Zahl der Asylsuchenden gebe es nicht. Nun zog man die Notbremse in einer Entwicklung, deren Kontrolle der Regierung entglitten ist. Und Hilfe leistet ausgerechnet jene politische Kraft, in der die Regierungsparteien rechtsextremes Gedankengut orten und von der sie eigentlich so weit weg wie möglich sein möchten.

Gegen moderatere Maßnahmen zur Minderung der Attraktivität Schwedens als Zielland für Asylsuchende, wie sie von der bürgerlichen Opposition schon vor Monaten vorgeschlagen worden waren, hatte sich das Kabinett von Ministerpräsident Stefan Löfven wiederholt gewehrt. Man verteidigte das Ideal von Schweden als "humanitärer Supermacht". Bis unter dem Druck der 200.000 Flüchtlinge, die allein dieses Jahr nach Schweden gekommen sind, der Hebel umgelegt werden musste.

Schwedens Ruf als hilfsbereites Land geht zurück auf die frühen 1990er Jahre, als Kriegsvertriebenen vom Westbalkan großzügig Unterstützung geleistet wurde. Eine zweite Welle mit Immigranten vor allem aus dem nahöstlichen Raum folgte im Nachgang des Irak-Krieges von 2003. Attraktiv ist das Land für Migranten nicht nur materiell durch sein extensives System von Sozialleistungen, sondern auch aufgrund des gesellschaftlichen Klimas. Eine substanzielle Mehrheit in Bevölkerung und Politik, links wie rechts der Mitte, sieht nach wie vor eine Verantwortung Schwedens als reichen Landes und befürwortet eine offene Immigrationspolitik. Auf die Zuwanderung hatte das achtjährige Zwischenspiel einer Mitte-rechts-Regierung zwischen 2006 und 2014 im generell eher sozialdemokratisch geprägten Schweden keinerlei dämpfenden Einfluss.

Fotos: Flüchtlinge wollen von Dänemark nach Schweden laufen FOTO: dpa, cul

Durch die verhältnismäßig starke Zuwanderung in den vergangenen fünfzehn Jahren aus dem arabischen und afrikanischen Raum haben sich in Schweden substanzielle Gemeinden etwa aus Eritrea, Somalia, dem Irak oder Syrien herausgebildet. Der Familiennachzug war in Schweden bis zur jüngsten Verschärfung des Asylgesetzes liberal geregelt; bei Syrern galt seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs praktisch ein Automatismus für die Zuerkennung einer unbegrenzten Aufenthaltsbewilligung. Dies machte Schweden schließlich zu einem verheißungsvollen Zielland nicht nur für diejenigen, die bereits Verwandtschaft im Land hatten, sondern auch für Flüchtlinge, die hofften, in einer neuen Umgebung mit Landsleuten einen einfacheren Start zu haben.

Die Zunahme der Zuwanderung hat allerdings eine Diskrepanz offengelegt zwischen dem deklarierten Willen von Politikern und Bevölkerung zur Aufnahme von Migranten und der Bereitschaft, die für eine nachhaltige gesellschaftliche Integration nötigen Strukturen zu schaffen oder zu verändern. Langzeitstudien zeigen, dass es schon zwischen 2004 und 2014, also in einer Zeit relativ moderater Zuwanderung, nur schlecht gelungen ist, Asylsuchende und Migranten aus Familiennachzug in das schwedische Erwerbsleben und die Mehrheitsgesellschaft allgemein einzugliedern.

Problembereiche sind der erschwerte Zugang von Immigranten zu Wohnraum, was einer gewissen Ghettobildung Vorschub leistet, und schwerfällige Abläufe bei der Anerkennung von Berufsausweisen und der Ausstellung von Arbeitsbewilligungen. Zwei Grundbedingungen für erfolgreiche Integration - Wohnen und Arbeiten - lassen sich damit schon jetzt nur schwer erfüllen. Mit dem in den letzten Monaten noch substanziell angeschwollenen Flüchtlingsstrom dürfte sich die Situation weiter verschärfen. Ohne Integration stellt die Zuwanderung aber mittelfristig eine Gefahr für die finanzielle Stabilität des Sozialsystems dar. Schon jetzt gehen laut einer neuen Studie volle zwei Drittel der ausbezahlten Sozialtransfers an die Gruppe der nicht in Schweden Geborenen, die gerade 16,5 Prozent der Bevölkerung darstellen.

Diese Entwicklung wird von einem wachsenden Teil der Bevölkerung als Problem wahrgenommen. Das wiederum ist ein Grund für die zunehmende Popularität der immigrationsfeindlichen Schwedendemokraten. In Umfragen ist ihre Unterstützung innerhalb eines Jahres von 13 Prozent auf rund 20 Prozent gestiegen, was sie fast auf Augenhöhe mit den Großparteien der Sozialdemokraten und moderaten Konservativen bringt.

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Quelle: RP