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Todesschütze verhaftet: Schwere Krawalle erschüttern Griechenland

zuletzt aktualisiert: 07.12.2008 - 15:55

Athen (RPO). Am Tag nach dem Tod eines 15-jährigen Demonstranten steht Griechenland unter Schock. Die tödliche Schüsse eines Polizisten haben in Athen und weiteren Landesteilen schwere Unruhen ausgelöst. Der Beamte, der angeblich aus Notwehr handelte, befindet sich inzwischen in Haft. Unterdessen gehen die Krawalle weiter.

Nach dem Tod eines 15-Jährigen durch die Schüsse eines Polizisten in der griechischen Hauptstadt Athen ist der betroffene Beamte am Sonntag inhaftiert worden. Das teilte die Polizei mit. Der Jugendliche hatte am Samstagabend laut Polizei mit etwa dreißig anderen Demonstranten einen Polizeiwagen mit Steinen beworfen. Der Polizist sei daraufhin ausgestiegen und habe auf den Jugendlichen tödliche Schüsse abgefeuert.

Zersplitterte Schaufensterscheiben, demolierte Bankfilialen, ausgebrannte Autowracks - im Zentrum von Athen hat sich in der Nacht zum Sonntag der Zorn über den Tod des 15-Jährigen durch die Hand eines Polizisten entladen. Hunderte Demonstranten lieferten sich in der Fußgängerzone im Zentrum der Hauptstadt Straßenschlachten mit der Polizei, warfen mit Steinen und Brandsätzen. Als griechische Familien später beim Sonntagsspaziergang durch die Einkaufsstraße Ermou flanieren, ist die vorweihnachtliche Stimmung dahin.

"Nichts rechtfertigt eine solche Katastrophe, das sieht aus wie ein Schlachtfeld", empört sich Giorgios Sakalis, Eigentümer einer Boutique am Ende der Straße. "Überall riecht es nach Rauch." Sonntagmittag stehen auf der anderen Straßenseite immer noch fünf Feuerwehrautos, überall patrouilliert Polizei. Ein 52 Jahre alter Passant inspiziert fassungslos die Brandspuren an den Sport- und Modegeschäften. "Unmöglich, so kurz vor dem Fest so einen Schaden anzurichten", sagt er.

Zwei Kilometer weiter, im Stadtviertel Exarchia, hängt noch immer der Rauch aus der Nacht in den Gassen. Der beißende Geruch von Tränengas liegt in der Luft. In Exarchia hat ein Polizist am Samstagabend den 15 Jahre alten Andreas Grigoropoulos erschossen. Der Jugendliche gehörte zu einer Gruppe von rund 30 linksradikalen Jugendlichen, die mit Steinen und anderen Gegenständen ein Polizeifahrzeug attackierten, in dem zwei Beamte saßen. Einer der beiden stieg aus, gab Schüsse ab und traf den Jungen tödlich in der Brust.

In Exarchia geraten linksextreme Gruppen und die Ordnungsmacht immer wieder aneinander. Am Sonntagmorgen haben sich maskierte Autonome in einer Hochschule verbarrikadiert. Die Fenster mehrerer Bankfilialen sind eingeschlagen, schwelende Autowracks versperren den Weg. Auch in diesem Stadtteil sind viele Schaufenster zertrümmert, die Auslagen verschwunden.

Krawalle nach Todesschüssen

Unmittelbar nach Bekanntwerden der tödlichen Schüsse auf den Jugendlichen waren noch am Samstagabend hunderte Demonstranten, die meisten von ihnen Bewohner von Exarchia, auf die Straße gegangen, um gegen polizeiliche Willkür und gegen die konservative Regierung zu protestieren. In Athen wurden mindestens 31 Läden, neun Bankfilialen und 25 Autos niedergebrannt oder anderweitig beschädigt, darunter auch sechs Polizeifahrzeuge, wie die Behörden mitteilten. In der Hauptgeschäftsstraße Ermou ging unter anderem ein dreistöckiges Kaufhaus in Flammen auf, auf der Fahrbahn wurde brennende Barrikaden errichtet.

Die heranrückenden Polizisten wurden mit Steinen beworfen. 24 Beamte mussten nach Polizeiangaben ärztlich behandelt werden, einer befand sich am Sonntagmorgen noch im Krankenhaus. Mindestens sechs Personen wurden festgenommen. Auch am Sonntagnachmittag dauerten die Krawalle an. Zahlreiche Geschäfte und Banken gehen in Flammen auf.

Die Protestwelle greift auch auf andere Städte Griechenlands über. In Heraklion auf Kreta entsteht an mindestens drei Bankfilialen Schaden durch Brandsätze. In Patras wird das Polizeipräsidium mit Brandsätzen beworfen, in Ioannina ein Polizist durch Steinwürfe verletzt. Im nordgriechischen Thessaloniki werden die Fenster des Rathauses zerstört, wütende Demonstranten attackieren Banken und Geschäfte mit Molotowcocktails.

Beamte vom Dienst suspendiert

Mehrere Stunden nach den tödlichen Schüssen gab die Polizei eine Erklärung heraus, wonach ein Streifenwagen von 30 Steine werfenden Jugendlichen angegriffen wurde. Daraufhin hätten die beiden Beamten in dem Auto zur Selbstverteidigung von der Waffe Gebrauch gemacht. Während ein Polizist eine Blendgranate gezündet habe, habe der andere drei Schüsse abgegeben, von denen einer den Minderjährigen getroffen habe.

Innenminister Prokopis Pavlopoulos äußerte Bedauern über den Vorfall. Er und sein Stellvertreter boten ihren Rücktritt an, was von Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis jedoch abgelehnt wurde. Pavlopoulos sagte eine eingehende Untersuchung des Zwischenfalls zu. Bei einem schuldhaften Handeln müssten die Beamten mit Strafen rechnen. Die beiden betroffenen Polizisten und ihr örtlicher Bezirkschef wurden vorerst vom Dienst suspendiert. Der betroffene Beamte ist am Sonntag inhaftiert worden, wie die Polizei mitteilte.

Der Fall ruft in Griechenland Erinnerungen an den Tod von Michalis Kaltezas wach, der 1985 als 15-Jähriger ebenfalls im Viertel Exarchia während einer Demonstration von einem Polizisten erschossen worden war. Sein Tod war über mehrere Jahre hinweg Anlass für Zusammenstöße zwischen der Polizei und linksextremen Jugendgruppen.

Quelle: AFP

 
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