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Österreichs Kanzlerkandidat
Sebastian Kurz - ein Mann auf der Überholspur

Sebastian Kurz in Aktion
Sebastian Kurz in Aktion FOTO: ÖVP
Wien. Mit 27 wurde er Außenminister. Jetzt schickt sich Sebastian Kurz mit 30 an, Österreichs Kanzler zu werden, im Handstreich und scheinbar unaufhaltsam. Aber was treibt ihn an? Von Eva Weissenberger

Eine hohe Kunst, die kaum einer beherrscht: Der österreichische Kanzlerkandidat Sebastian Kurz schenkt jedem Gesprächspartner 45 Sekunden lang seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Auch unter Extrembedingungen, wie bei einem Adventsfest des Politikers vor einigen Jahren im Hof eines Wiener Innenstadtpalais. Es regnet in Strömen, an die 400 Gäste sind mit Schals und Mützen vermummt. Der junge Mann kennt dennoch nahezu jeden beim Namen; weiß, mit wem er per Du, mit wem per Sie verkehrt; fällt ihm ausnahmsweise kein Small-Talk-Thema ein, lässt er Punsch nachschenken. Kurz schafft es, jedem Gesprächspartner das Gefühl zu geben, er sei ihm wichtig.

Der immer noch erst 30-jährige Außenminister hat Neuwahlen vom Zaun gebrochen, die Mitte Oktober stattfinden werden. Entgegen der Meinung sämtlicher Politikberater, dass die Wähler so etwas nie gutheißen würden, führt Kurz alle Umfragen an. Vor zwei Monaten lag seine christdemokratische ÖVP noch abgeschlagen hinter der rechtsextremen FPÖ und der sozialdemokratischen SPÖ - dann plötzlich plus 14 Prozentpunkte! Kurz' handstreichartiger Aufstieg zum Parteichef Mitte Mai inspirierte denn auch österreichische wie deutsche Medien zu Superlativen: "Senkrechtstarter", "Tausendsassa", "Schwarzer Messias". Das US-Magazin "Time" hatte ihn kurz zuvor unter die zehn "Führer der nächsten Generation" gereiht.

Ein gut geölter Apparat

Was hat Kurz, was andere nicht haben? Neben seiner sozialen Intelligenz verbindet er jugendlichen Elan mit beinahe zehn Jahren Erfahrung als Berufspolitiker. Abseits seiner restriktiven Migrationspolitik ist wenig über seine Agenda bekannt, das macht ihn zur idealen Projektionsfläche. Kurz ist ein noch jüngerer Emmanuel Macron, dem die Österreicher zutrauen, das System tatsächlich zu verändern. Im Gegensatz zum französischen Präsidenten kann er sich aber auf eine in jedem Dorf etablierte Parteistruktur stützen. En Marche durch die Alpenrepublik - mit gut geöltem Apparat.

Als der Jura-Student und Jungpolitiker 2011 mit 24 Jahren Staatssekretär für Integration wird, ist der Gegenwind enorm: Eine Zeitung verhöhnt ihn als "Milchbubi", eine andere schreibt von "Verarsche", zumal Kurz als einschlägige Expertise bloß vorweisen kann, dass er in einem Wiener Arbeiterbezirk aufwuchs - als Kind einer Gymnasiallehrerin und eines leitenden Angestellten. Genüsslich wird seine Wahlkampagne aus dem Jahr davor ausgeschlachtet, als er mit aufgestelltem Polohemdkragen und sehr viel Haargel in einem "Geilomobil" auf Jungstimmenfang fuhr. Dabei hatte er die Jugendorganisation der ÖVP zur schlagkräftigen, bedingungslos loyalen Truppe ausgebaut. Seine Weggefährten von damals sitzen heute an den Schalthebeln der Partei und der Regierungskabinette.

Der Staatssekretär Kurz bewahrt Ruhe und umgibt sich mit Beratern aus Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen. Er hört zu, lernt schnell. Er übersetzt die spröden sozialwissenschaftlichen Ansätze in verständliche Sprache, zu einfach mitunter, hart an der Grenze zur intellektuellen Unredlichkeit. Politik als PR-Kampagne. Eine durchaus erfolgreiche: Integration wird in Österreich erstmals zu einem nicht ausschließlich negativ besetzten Begriff, Kurz zum Liebling der Medien, sogar der linken.

"Downgrading" mit Ikea-Möbeln

Zweieinhalb Jahre später steigt Kurz mit 27 Jahren zum Außenminister auf. Wieder herrscht Entsetzen über seine mangelnde diplomatische Erfahrung. Wieder lässt sich Kurz öffentlichkeitswirksam beraten, diesmal von Staatsmännern. Auch auf Langstreckenflügen bucht er Holzklasse, sein Büro lässt er mit Ikea-Möbeln downgraden. Wieder schafft Kurz es rasch, die öffentliche Meinung zu drehen.

Und dann kommt der Spätsommer 2015, als täglich Tausende Menschen aus dem Nahen Osten über Ungarn und Slowenien nach Österreich gelangen. Bundeskanzler Werner Faymann von der SPÖ winkt einen Gutteil der Flüchtenden nach Deutschland durch. Christian Kern, der Faymann eineinhalb Jahre später nachfolgen wird, hilft als Bahnchef tatkräftig mit. Kurz erkennt den Ernst der Lage (so stellt er es dar) beziehungsweise die Gunst der Stunde (so sehen es seine Gegner): Immer wieder fordert er die Schließung der Balkanroute. Der Sonnyboy entpuppt sich als Hardliner: "Ohne furchtbare Bilder" werde es nicht gehen. Heute predigt Kurz, man müsse den Flüchtenden den Weg über das Mittelmeer unmöglich machen. Volk und Massenmedien lieben ihn dafür. Sein Kontrahent, der rote Kanzler Kern, muss dann erklären, warum das alles nicht so einfach sei, Menschenrechte und so.

Pragmatisch und tüchtig

Abgesehen davon weiß man über die Ideologie des Sebastian Kurz wenig. Er selbst beschreibt sich als "christlich-sozial", "liberal" oder als "mitfühlenden Konservativen". Er wolle keinen "Hier-wird-Ihnen-geholfen-Staat". Als Kanzler, so verspricht er, würde er die Steuern drastisch senken - zu wessen Gunsten und auf wessen Kosten, verrät er noch nicht. Kurz ist wohl ein typischer Vertreter seiner Generation: pragmatisch und tüchtig, immer daran, sich selbst zu optimieren und optimal darzustellen.

Seit Monaten versuchen Kurz' Gegner auszuloten, wie man ihm beikommen könnte. Als einziger Schwachpunkt kristallisiert sich seine mangelnde Reife heraus. Also inszeniert sich Christian Kern via Facebook als engagierter Vater von vier Kindern. Nun muss auch Kurz mehr verraten: Ja, Jugendfreundin Susanne sei noch an seiner Seite. Heirat und Kinder seien vorgesehen, aber erst später.

Unterlaufen Kurz im Wahlkampf keine Fehler, scheint ihm der erste Platz im Herbst sicher. Das Kanzleramt garantiert ihm das noch lange nicht. Vor wenigen Tagen verabschiedete sich die SPÖ von ihrer Doktrin, nie wieder mit der FPÖ zu koalieren. Und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, lange der dynamische Angreifer von rechts, sieht neben Kurz plötzlich alt aus. SPÖ und FPÖ könnten also versuchen, Kurz auszubremsen. Um sicher Kanzler zu werden, braucht er einen Erdrutschsieg. Bis Oktober jedoch noch Vater zu werden, das schafft nicht einmal der perfekte Mr. Kurz.

Die Autorin Eva Weissenberger ist Journalistin und Buchautorin aus Österreich.

Quelle: RP
 
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