Neue Front in Nordafghanistan: Selbstmordattentäter der Taliban
nehmen Bundeswehr ins Visier
zuletzt aktualisiert: 11.06.2007 - 14:38
Berlin/Kabul (RPO). Die in Afghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten werden offenbar durch Selbstmordattentäter bedroht. Das ist die Erkenntnis deutscher und amerikanischer Geheimdienste. Demnach haben die Taliban in Nordafghanistan eine "neue Front" aufgebaut, wollen von dort aus gezielt gegen die dortigen deutschen Stützpunkte vorgehen. Berlin denkt über den Einsatz der Spezialeinheit KSK nach.
"Sie wollen gezielt mit Selbstmordattentätern gegen die Bundeswehrsoldaten in den nördlichen Stützpunkten Mazar-i-Sharif, Kundus und Faisabad vorgehen", war am Montag aus Geheimdienstkreisen in der afghanischen Hauptstadt Kabul zu erfahren. In einem internen Papier aus Kundus, das der Nachrichtenagentur ddp vorliegt, heißt es: "Selbstmordattentäter stehen augenscheinlich zur Verfügung". Am 19. Mai waren in Kundus drei deutsche Soldaten bei einem Selbstmordanschlag getötet worden.
Die Geheimdienstler verwiesen auf die Ankündigung eines Sprechers der Taliban, wonach "Hunderte von Selbstmordattentätern zum Kampf gegen die Bundeswehr bereitstehen". Der Norden Afghanistans, in dem die Bundeswehr die Kommandogewalt hat, galt bisher stets als "relativ ruhig".
Nach Aussage von Bundeswehroffizieren haben die Taliban ihre Taktik bei der Bekämpfung der ISAF-Truppen offensichtlich geändert. "Sie wollen mit aller Gewalt das Chaos aus dem umkämpften Süden und Osten des Landes jetzt auch in den Norden tragen, um die Aufbauarbeiten der Bundeswehr am Hindukusch nachhaltig zu stören und unseren Einsatz zunichte zu machen", erklärte einer der Offiziere.
Die "politische Absicht" der Taliban zielt nach Ansicht von Parlamentariern in Berlin auf die Entscheidung des Bundestages über eine Verlängerung des Mandats für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr im September. Die Taliban würden auf ein negatives Votum und den Abzug der Bundeswehr hoffen, wenn sie mit ihren Anschlägen "auch den Norden in Bedrängnis bringen könnten", hieß es.
In der deutschen Bevölkerung wachse der "Unmut" über den Bundeswehreinsatz, der immer mehr Opfer fordere, sagte ein Mitglied des Verteidigungsausschusses. Bislang kamen 22 Soldaten in Afghanistan ums Leben. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, hat schon eine Überprüfung des deutschen Engagements am Hindukusch gefordert.
Die Lage für die Bundeswehr wird auch deswegen als so gefährlich eingeschätzt, weil von afghanischen Behörden und Sicherheitskräften nach Einschätzung der Geheimdienste "zu wenig für den Schutz der Bundeswehrsoldaten getan wird". Besonders wird kritisiert, dass afghanische Sicherheitseinrichtungen "offenbar vor dem Anschlag am 19. Mai konkrete Hinweise darauf hatten".
Als "unglaublich" wurde es bezeichnet, dass genau zum Zeitpunkt des Anschlags das afghanische Fernsehen vor Ort war, um "alles zu filmen". Den afghanischen Behörden vor Ort seien mindestens vier im Norden agierende Anführer der Al-Qaida namentlich bekannt. Hinweise auf Verstecke der Taliban würden von den afghanischen Sicherheitsbehörden "schlicht ignoriert", berichtete ein Geheimdienstler.
Besonders im Norden, der Hochburg des Drogenanbaus, hat sich nach dem Hinweis der Geheimdienste ein "gefährliches Gemisch von Banditen und Talibankämpfern gebildet". Die Drogenbarone würden auch intensiv mit dem berüchtigten Führer der Hizb-e-Islam, Gulbuddin Hekmatyar, zusammenarbeiten. Er treibe ein hinterhältiges Spiel, weil er einmal offen die Taliban unterstütze, zum anderen sich wieder von ihnen distanziere, wurde von Offizieren in Kundus erläutert.
Nach vorliegenden Informationen wird in Berlin erwogen, zur Verstärkung der Bundeswehreinheiten im Norden Afghanistans wieder das geheime "Kommando Spezialkräfte" (KSK) einzusetzen. Rund hundert Soldaten dieser Spezialeinheit hatten schon mehrfach Einsätze am Hindukusch absolviert.
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