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Serbien
Vor den Toren der Europäischen Union

Serbien: Vor den Toren der Europäischen Union
Flüchtlinge warten im serbischen Sid darauf, die Grenze nach Kroatien passieren zu können. FOTO: AFP
Sid. Serbien ist für viele Flüchtlinge nur ein Durchgangsland, Asyl beantragt hier nahezu niemand. Der Staat hilft sogar bei der Weiterreise. Die meisten wollen nach Deutschland. Wir waren vor Ort. Von Philipp Jacobs

Sie alle sind gekommen, um nicht zu bleiben. Nahe der Stadt Sid, im Norden Serbiens, haben sie sich versammelt, knapp 80 Flüchtlinge sind es an diesem Morgen. Das Erstaufnahmelager Principovac, nur 100 Meter von der Grenze zu Kroatien entfernt, dient als Zwischenstopp. Draußen vor dem Gebäude wuseln Kinder auf einem Spielplatz umher. Die Gerüste sind verrostet, Farbschichten platzen von den Metallstangen. Regenschauer haben den Boden weichgespült, bei jedem Schritt schmatzt es unter den Schuhen. Auf einer Rasenfläche stehen Zelte des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) - für die Winterzeit, wenn die Temperaturen fallen und es im Lager keinen Platz mehr gibt. Schon bald dürften sie zum Einsatz kommen.

Principovac ist eine ehemalige Kinderklinik. Zwischen alten Babybettchen und provisorisch aufgestellten Feldbetten werden die Flüchtlinge registriert. Es ist keine sorgfältige Formalität, wie sie in Deutschland üblich ist. Woher kommen Sie? Warum flüchten Sie? Wohin wollen Sie? Mehr nicht. Auf die letzte Frage geben viele die gleiche Antwort: nach Deutschland. Vereinzelt hört man Schweden oder Österreich. Auf Plakaten des Roten Kreuzes können die Flüchtlinge nach Angehörigen suchen. Auf einer Website werden vor Ort gemachte Fotos von Personen Karteinummern zugeordnet.

Kora kam etwa um 10 Uhr morgens im Lager an. Der 22-Jährige stammt aus dem Irak. Mit zwei Freunden, seinem Onkel und seinem fünfjährigen Neffen Tischko hat er einen Zwölfstundenmarsch quer durch Serbien hinter sich. Vor einem Monat ist er im Irak aufgebrochen. Seine Geschichte ist ein Muster: Vertrieben vom Krieg im eigenen Land, flieht Kora zunächst in die Türkei. Sechsmal unternimmt er den Versuch, nach Bulgarien einzureisen. Sechsmal wird er gefasst und zurückgeschickt. Er kontaktiert einen Schleuser, der der Gruppe ein Boot verkauft. Mit defektem Motor geht es nach Griechenland, von dort zu Fuß weiter nach Mazedonien - und nun Serbien.

Jede freie Steckdose wird im Lager fürs Handy-Laden benutzt. FOTO: jacobs

"In drei Stunden wollen wir wieder los", sagt Kora und nimmt Tischko auf den Arm. Der Kleine grinst und reckt den Daumen. Während des Gesprächs wird er es noch einige Male so machen. Aber wollen sie denn nicht bleiben? "Nein", sagt Kora, "wir wollen nach Deutschland." Mit seinem Wunsch ist der junge Iraker nicht allein. Alle hier im Camp wollen bald weiterziehen. Rund 250.000 Flüchtlinge sind seit Jahresbeginn in Serbien eingetroffen. Nur 600 von ihnen beantragten Asyl, und nur 26 durchliefen auch tatsächlich das Verfahren. Vor fünf Jahren kamen die ersten Flüchtlinge der aktuellen Krise. Sie stammten meist aus Afrika. Im Süden des Landes wurden erste Lager errichtet, es folgten weitere.

Wenige Jahre später wandelte sich der Belgrader Hauptbahnhof zum Umschlagpunkt auf der Balkanroute. Seit dem "Arabischen Frühling", der fast den gesamten Nahen Osten entflammt hat, bewegen sich Hunderttausende Migranten Richtung Westeuropa. Die Balkanstaaten sind für sie nur Transitländer.

Im Flüchtlingslager in Sid verteilen die Helfer des serbischen Kommissariats für Migranten Proviant: Weißbrot, eine Dose Thunfisch, Obst, Marmelade und Wasser, dazu ein Stück Seife. Doch das Wichtigste sind nicht Essen und Trinken. Das Wichtigste ist ein Tisch direkt am Eingang zum Gebäude. Mehrfachsteckdosen liegen dort bereit - zum Aufladen der Smartphones. "Manche Flüchtlinge kommen nur deswegen hierher", sagt Ivan Miskovic vom Kommissariat. Miskovic ist ein pragmatischer Mensch. Mit Lederjacke, kahlrasiertem Kopf und Sonnenbrille steht er vor dem ehemaligen Sanatorium. Man wolle niemanden unter Zwang hierbehalten, der nicht in Serbien bleiben wolle, sagt er.

Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht FOTO: ALESSANDRO BIANCHI

Ministerpräsident Aleksandar Vucic begrüßt solch eine Vereinfachung der Krise. Mit dem Status "Transitland" kann er gut leben. Wer als Migrant rasch durch Serbien hindurchmöchte, muss keine Hürden befürchten. Im Gegenteil: Der Staat hilft sogar fleißig. An den südlichen Grenzen zu Bulgarien und Mazedonien erwarten Busse die Flüchtlinge. Meist von Privatunternehmen bereitgestellt, kann jeder für einen Preis von umgerechnet rund 35 Euro weiter in die Hauptstadt Belgrad reisen. Von dort geht es ebenfalls per Bus zur kroatischen Grenze. Die Behörden nennen es eine "weiche Passage". Mehr als 48 Stunden bleibt meist kein Flüchtling im Land.

Zwischen Serbien und dem EU-Mitgliedstaat Kroatien entbrannten daraufhin immer wieder Streitereien, in deren Folge die Grenzen dicht gemacht und wieder geöffnet wurden. Serbien verbot daraufhin zeitweise die Einfuhr kroatischer Waren. Organisationen wie Human Rights Watch kritisieren seit Langem Serbiens Verhalten in der Flüchtlingskrise. Regierungschef Vucic sieht das anders: Er hofft als Belohnung für die gute Behandlung der Flüchtlinge auf mehr Rückendeckung bei den EU-Beitrittsverhandlungen. "Gebt uns eine Aufgabe, und wir meistern sie", sagt Vucic im Gespräch mit unserer Redaktion.

Die Krise dürfte für den Premier noch viele Aufgaben parat haben. Allein in der vergangenen Woche erreichten von Sonntag bis Montag in 24 Stunden erneut 13.000 Menschen Serbien. Bleiben will niemand.

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Quelle: RP