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Libyen gaddafi rede panorama, AP 2011-0222
  Foto: Libya state television, AP
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Libyen vor dem Umsturz: Stämme entscheiden über Gaddafis Schicksal

zuletzt aktualisiert: 24.02.2011 - 11:03

Tripolis (RP). In Tunesien und Ägypten war es das Militär, das als entscheidend für die Lösung der Machtfrage galt. Doch in Libyen, wo Muammar al-Gaddafi auf die Demonstranten schießen lässt, verhält sich das ganz anders. Dort liegt das Schicksal des Machthabers allein in der Hand der Stämme. Und die wenden sich mehr und mehr von ihm ab.

Muammar al Gaddafi hat viel geredet, gedroht, geschmeichelt bei seinem letzten Fernsehauftritt. Aber mindestens ebenso wichtig waren die Bilder. Es war kein Zufall, dass der Diktator seine Uniformen im Schrank ließ und in traditioneller Beduinentracht vor die Kamera trat. Er weiß um die Bedeutung der Stämme. "In Libyen wird es das Stammessystem sein, das für Machtbalance sorgen wird, nicht aber das Militär", sagt etwa Alia Brahimi von der London School of Economics.

Doch die wenden sich scheinbar immer mehr von dem libyschen Machthaber ab. Grund dafür soll das harte Vorgehen Gaddafis gegen seine Landsleute gewesen sein. So forderte etwa der Warfalla-Stamm, der immerhin eine Million der sechs Millionen Einwohner ausmacht, den Autokraten auf, das Land zu verlassen. "Es sieht so aus, als ob er bereits im Osten des Landes die Kontrolle verloren hat, wo er nie besonders beliebt war und nicht die gesamte Macht hatte", erklärt Brahimi.

Gaddafi wollte Stammessystem zersetzen

Gaddafi selbst hatte nach der Vertreibung des libyschen Königs Idris I. 1969 zunächst versucht, die Beduinenstämme als Grundpfeiler der Gesellschaft in dem Wüstenland systematisch zu zersetzen. Die Grenzen ihrer traditionellen Siedlungsgebiete wurden nicht mehr anerkannt, ihre Chefs offiziell entmachtet.

Stattdessen sollte eine neue, moderne Elite heranwachsen, einem pseudosozialistischen, panarabischen Nationalismus verpflichtet. Doch es dauerte nicht lange, da musste sich Gaddafi mit den Stammesfürsten arrangieren. Er kaufte ihre Loyalität mit Geld und spielte sie gegeneinander aus, indem er sie in Regierungsämter hievte.

Rund 130 Beduinenstämme soll es in Libyen geben, genau hat sie nie jemand gezählt. Doch nur die vier größten hatten bisher politischen Einfluss: die Magariha, die Zumwayya, die Warfalla und Gaddafis eigener, vergleichsweise kleiner Stamm, die Gaddafa.

In den vergangenen Jahren verteilte er aber gerade an deren Angehörige auffällig viele wichtige Posten. Das schuf böses Blut, wie schon einmal Anfang der 90er Jahre, als Gaddafi nur um Haaresbreite einem Putsch entging, den unzufriedene Warfalla-Offiziere angezettelt hatten.

Warfalla-Stamm war der erste

Jetzt war es also erneut der Warfalla-Stamm, der sich als erster von Gaddafi abwandte. Und sie sind nun nicht mehr die einzigen. "Erstmals seit Jahrzehnten sind damit Barrieren zwischen den Stämmen verschwunden. Die Menschen vereinen sich mit anderen, auch ehemals rivalisierenden Gruppen", sagt Lisa Goldman, Journalistin in Jerusalem.

Doch was kommt, wenn Gaddafi tatsächlich die Macht verliert? Abzusehen ist, dass die Stämme dann eine wichtige Rolle zukommt, wenn nicht sogar für eine Übergangszeit eine führende Position. Denn sie sind nach wie vor die Grundpfeiler des Systems.

Ob das allerdings das Land in eine Demokratie führen wird, ist fraglich. Kenner des Landes gehen davon aus, das sich der Kampf um die Macht entlang der Clan-Grenzen entwickeln wird: Libyen droht also ein Stammeskrieg.

Quelle: RP/rtr/das

 
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