Terrorwelle in Bombay: Steckt Al Qaida hinter den Anschlägen?
VON ANDRE SCHALL - zuletzt aktualisiert: 27.11.2008 - 16:18Bombay (RPO). Es war kein einfacher Anschlag, der sich in der indischen Finanzmetropole Bombay abspielte. Die Präzision, mit der die offenbar hervorragend ausgerüsteten Terroristen mehrere Standorte in der Stadt einnahmen, lässt darauf schließen, dass die Aktion lange geplant wurde. Experten vermuten, dass die Täter Verbindungen zu Al Qaida haben.
Mit Schnellfeuergewehren und Handgranaten griffen mehrere Kommandotrupps ihre Ziele in der Innenstadt an, darunter auch Luxushotels wie das Taj Mahal, einen Bahnhof und ein Kino. Zahlreiche Menschen starben im Kugelhagel der Angreifer, auf den Straßen herrschte Panik.
Wer aber sind die Verantwortlichen für die Terrorwelle? Eine bislang nicht in Erscheinung getretene Organisation namens "Deccan Mudschahedin" bekannte sich am Donnerstag zu der Anschlagsserie. In mehreren E-Mails an Nachrichtenorganisationen übernahm die Gruppe Verantwortung für die Taten. Der Begriff "Deccan" bezieht sich auf das Deccan-Plateau im Süden Indiens, möglicherweise Herkunftsort der selbsternannten Gotteskrieger.
Der Terrorexperte Magnus Ranstorp vom Swedish National Defense College hat den "starken Verdacht", dass die koordinierten Angriffe in der indischen Finanzmetropole Verbindungen zu Al Qaida aufweisen.
Es habe in letzter Zeit zahlreiche Warnungen gegen Indien gegeben, sagte Ranstorp. Hinweise auf Al Qaida seien etwa das gezielte Vorgehen der Angreifer gegen Amerikaner und Briten und die Tatsache, dass die Anschläge gegen mehr als zehn Ziele nahezu zeitgleich erfolgten. Auch die Ziele an sich scheinen verdächtig denen des Terrornetzwerks Al Qaida zu gleichen.
Ziele wie bei Al Kaida
Auch die Organisation von Osama Bin Laden will die gesamte Region destabilisieren. Zwar ist Pakistan Ziel Nummer eins des Terroristenführers, doch weiß Bin Laden auch, dass jede Bombe in Indien das ohnehin gespannte Verhältnis der beiden Atommächte Indien und Pakistan weiter verschlechtern kann. Und wo Unsicherheit und Instabilität herrschen, besteht Nährboden für Terroristen.
Der Terrorismusexperte Berndt Georg Thamm sagte in der ARD: "Wir müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass Indien mittlerweile auch zum Schauplatz des Heiligen Krieges, des Dschihads geworden ist." Al Qaida habe im vergangenen Jahr vor dem Hintergrund des Kaschmir-Konflikts Indien den Heiligen Krieg, erklärt und unterhalte Kontakte zu islamistischen gewaltbereiten Tätern auf dem Subkontinent.
Schon in der Vergangenheit hatte Indien dem Nachbarn immer wieder vorgeworfen, Extremisten zu unterstützen. Wenige Stunden vor den Anschlägen war der pakistanische Außenminister Shah Mahmood Qureshi nun nach Neu Delhi gereist, um die stockenden Friedensgespräche zwischen den beiden Ländern wieder in Gang zu bringen. Es liegt nahe, dass die Terroristen mit ihren Anschlägen Fortschritte in diesem Prozess unterbinden wollten.
Für eine Beteiligung Al Qaidas spricht außerdem, dass die Organisation über hervorragende Kontakte in Indien verfügt. Weil das Terrornetzwerk ausreichend Mittel besitzt, würde sich auch erklären, warum die Angreifer so gut ausgerüstet und vorbereitet waren. Allerdings ist es auch denkbar, dass pakistanische Taliban oder Extremisten aus Kaschmir ihre Finger im Spiel hatten.
Zeitpunkt sicher kein Zufall
Blickt man in Richtung USA, so scheint der Termin der Anschlagsserie nicht zufällig von den Radikal-Islamisten ausgewählt worden zu sein. Die Regierung Bush steht vor der Ablösung und wirkt gelähmt, der zukünftige Präsident Barack Obama verfügt derweil noch nicht über die Kompetenzen, dem Terror entscheidend entgegenzutreten. Der "president-elect" wird erst am 20. Januar offiziell mächtigster Mann der Welt.
"Diese koordinierten Attacken auf unschuldige Zivilisten unterstreichen die ernste und dringende Terrorgefahr. Die USA müssen ihre Partnerschaft mit Indien und Staaten rund um die Welt stärken, um Terroristennetzwerke zu zerstören", ließ Obama verlauten. Für den Demokraten scheint bereits vor seinem Amtsantritt die erste außenpolitische Bewährungsprobe anzustehen, die Welt beäugt jede Aktion des 47-Jährigen genau.
Der frühere Präsidentenberater David Gergen brachte den Ernst der Lage gegenüber dem Sender "CNN" auf den Punkt: "Wenn sich die Terrorgefahr nach Pakistan und Afghanistan auch auf den wichtigen US-Verbündeten Indien ausdehnt, ist das ein Riesenproblem für die USA."
Besondere Sorgen bereitet in der US-Hauptstadt die Tatsache, dass offenbar gezielt Engländer und Amerikaner von den Angreifern in Bombay attackiert wurden. Ein klares Signal an den Westen. Es scheint, dass die Islamisten in der jetzigen Phase ihre Stunde gekommen sahen.
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